Russische Bahn verliert Prestigeprojekt

Die Regierung will die Strecken für Hochgeschwindigkeitszüge zwischen den Standorten der Fußball-WM 2018 nicht finanzieren

Moskau - Ein Milliardenprojekt der russischen Eisenbahn RZD steht auf der Kippe: Die Regierung unter Premier Dmitri Medwedew hat kein Geld für die Highspeed-Strecken von Moskau nach St. Petersburg und Jekaterinburg. Zumindest bis 2015 sind die Projekte einem Zeitungsbericht nach nicht in die Haushaltsplanungen eingeflossen. Die Kosten sind mit rund 80 Milliarden Euro zu hoch. Die Fußball-WM könne auch ohne Hochgeschwindigkeitszüge ausgetragen werden, begründete ein Sprecher von Vizepremier Igor Schuwalow.

Eigentlich schien das Projekt einer Schnellstrecke zwischen Moskau und St. Petersburg fix. Die RZD hatte eigens zu dem Zweck die Tochtergesellschaft Skorostnye Magistrali gegründet, die das Projekt Anfang 2011 der erstaunten Öffentlichkeit vorstellte: Geplant war der Bau einer 660 Kilometer langen neuen Eisenbahnlinie, die 2017 fertiggestellt werden sollte. Der Zug sollte die Strecke in maximal 2,30 Stunden zurücklegen. Die Ausschreibung sollte bis Jahresende erfolgen.

Interesse zeigten Siemens, Hyundai und Alstom. Siemens ist bereits ein enger Partner der RZD. Seit 2009 setzt die RZD den Siemens-Schnellzug Sapsan (Wanderfalke) auf der Strecke ein. Die Auslastung mit mehr als 90 Prozent zeigt das Interesse der Russen an einer schnellen Bahn.

"Irrsinn" in Krise

Doch die Kostenfrage für einen Neubau blieb umstritten. War ursprünglich von mindestens zehn Milliarden Euro Baukosten die Rede, ist der Wert inzwischen auf 27 Milliarden Euro gestiegen. Die ebenfalls von der RZD geplante 3.000 Kilometer lange Schnellverbindung nach Jekaterinburg über die WM-Städte Nischni Nowgorod und Kasan ist sogar doppelt so teuer. In Zeiten einer Weltwirtschaftskrise sei das "Irrsinn", soll Vizepremier Schuwalow auf einer Regierungssitzung erklärt haben.

Im Kabinett wird daher nicht nur ein Aufschub, sondern sogar der Verzicht auf die Highspeed-Strecken erwogen. Stattdessen soll einfach die bestehende Infrastruktur modernisiert werden.

Der Bau der Schnellstrecke ist eigentlich das einzige Großprojekt, das die RZD in den kommenden Jahren realisieren möchte. Trotzdem gibt sich die Bahn kämpferisch. Ohne staatliche Hilfe sei das Projekt nicht zu realisieren, räumt ein Bahnsprecher im Standard-Gespräch ein. Laut Projektplanung soll der Staat den Bahnbau zu 70 Prozent finanzieren. Noch habe man aber keine Ablehnung bekommen, heißt es bei der RZD. Am wichtigsten sei überhaupt, was Bahnchef Wladimir Jakunin mit Präsident Wladimir Putin vereinbart - Jakunin gilt als enger Vertrauter Putins.

"Es ist nicht ausgeschlossen, dass statt der Strecke nach St. Petersburg die Verbindung in den Ural nach Jekaterinburg verwirklicht wird", sagte der RZD-Sprecher. Putin habe auf einer Sitzung den Sinn einer Highspeedstrecke nach Petersburg hinterfragt. Dieser mache den Siemens-Schnellzügen Sapsan unnötige Konkurrenz. Wichtiger wäre es, Richtung Sibirien zu gehen, soll Putin erklärt haben. Die dafür nötigen Milliarden wären schon aufzutreiben. Bisher hat sich Jakunin jedenfalls als erfolgreicher Lobbyist für die Bahn erwiesen. Bekannt ist auch: Putin lässt seine Freunde nicht im Stich. (André Ballin, DER STANDARD, 24.8.2012)

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