Russische Bahn verliert Prestigeprojekt

André Ballin
24. August 2012, 05:30

Die Regierung will die Strecken für Hochgeschwindigkeitszüge zwischen den Standorten der Fußball-WM 2018 nicht finanzieren

Moskau - Ein Milliardenprojekt der russischen Eisenbahn RZD steht auf der Kippe: Die Regierung unter Premier Dmitri Medwedew hat kein Geld für die Highspeed-Strecken von Moskau nach St. Petersburg und Jekaterinburg. Zumindest bis 2015 sind die Projekte einem Zeitungsbericht nach nicht in die Haushaltsplanungen eingeflossen. Die Kosten sind mit rund 80 Milliarden Euro zu hoch. Die Fußball-WM könne auch ohne Hochgeschwindigkeitszüge ausgetragen werden, begründete ein Sprecher von Vizepremier Igor Schuwalow.

Eigentlich schien das Projekt einer Schnellstrecke zwischen Moskau und St. Petersburg fix. Die RZD hatte eigens zu dem Zweck die Tochtergesellschaft Skorostnye Magistrali gegründet, die das Projekt Anfang 2011 der erstaunten Öffentlichkeit vorstellte: Geplant war der Bau einer 660 Kilometer langen neuen Eisenbahnlinie, die 2017 fertiggestellt werden sollte. Der Zug sollte die Strecke in maximal 2,30 Stunden zurücklegen. Die Ausschreibung sollte bis Jahresende erfolgen.

Interesse zeigten Siemens, Hyundai und Alstom. Siemens ist bereits ein enger Partner der RZD. Seit 2009 setzt die RZD den Siemens-Schnellzug Sapsan (Wanderfalke) auf der Strecke ein. Die Auslastung mit mehr als 90 Prozent zeigt das Interesse der Russen an einer schnellen Bahn.

"Irrsinn" in Krise

Doch die Kostenfrage für einen Neubau blieb umstritten. War ursprünglich von mindestens zehn Milliarden Euro Baukosten die Rede, ist der Wert inzwischen auf 27 Milliarden Euro gestiegen. Die ebenfalls von der RZD geplante 3.000 Kilometer lange Schnellverbindung nach Jekaterinburg über die WM-Städte Nischni Nowgorod und Kasan ist sogar doppelt so teuer. In Zeiten einer Weltwirtschaftskrise sei das "Irrsinn", soll Vizepremier Schuwalow auf einer Regierungssitzung erklärt haben.

Im Kabinett wird daher nicht nur ein Aufschub, sondern sogar der Verzicht auf die Highspeed-Strecken erwogen. Stattdessen soll einfach die bestehende Infrastruktur modernisiert werden.

Der Bau der Schnellstrecke ist eigentlich das einzige Großprojekt, das die RZD in den kommenden Jahren realisieren möchte. Trotzdem gibt sich die Bahn kämpferisch. Ohne staatliche Hilfe sei das Projekt nicht zu realisieren, räumt ein Bahnsprecher im Standard-Gespräch ein. Laut Projektplanung soll der Staat den Bahnbau zu 70 Prozent finanzieren. Noch habe man aber keine Ablehnung bekommen, heißt es bei der RZD. Am wichtigsten sei überhaupt, was Bahnchef Wladimir Jakunin mit Präsident Wladimir Putin vereinbart - Jakunin gilt als enger Vertrauter Putins.

"Es ist nicht ausgeschlossen, dass statt der Strecke nach St. Petersburg die Verbindung in den Ural nach Jekaterinburg verwirklicht wird", sagte der RZD-Sprecher. Putin habe auf einer Sitzung den Sinn einer Highspeedstrecke nach Petersburg hinterfragt. Dieser mache den Siemens-Schnellzügen Sapsan unnötige Konkurrenz. Wichtiger wäre es, Richtung Sibirien zu gehen, soll Putin erklärt haben. Die dafür nötigen Milliarden wären schon aufzutreiben. Bisher hat sich Jakunin jedenfalls als erfolgreicher Lobbyist für die Bahn erwiesen. Bekannt ist auch: Putin lässt seine Freunde nicht im Stich. (André Ballin, DER STANDARD, 24.8.2012)

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Dann lieber Panzer und Kampfflieger.

Warum hat Russland kein Geld?

Die sind doch nicht Deutschland, welches mit Billionenhaftung für Gesamteuropa Eintritt für ein aberwitziges Projekt, verursacht durch Polit Wirrköpfe.

was ist mit "in maximal 2,30 Stunden" gemeint?

2h30min oder 2,3h=2h18min?

Wenn die FIFA einen Funken Anstand hat, nimmt sie dem wieder zur Diktatur gewordenen Russland die WM weg.

südafrika war ja das perfekte Bsp für eine lupenreine demokratie...

Warum sollte ein korrupter Diktator einem anderen korrupten Diktator ein Auge aushacken?

Eiegentlich ist für mich DAS Prestigeobjekt der Russischen Eisenbahn immer noch die Transsib...

Marketing technisch darauf zu setzen, kann nicht verkehrt sein, denke ich...

35 km/h Durchschnittsgeschwindigkeit in schaukelnden Waggons ohne Klimaanlage aus der Sowjet Ära, ist wahrlich ein Prestige Objekt.

Russland will der Welt seine Zukunft präsentieren und nicht seine dunkle Vergangenheit.

Und das hilft jemandem der von St. Petersburg nach Moskau in unter 3 Stunden will jetzt genau wie?

Notfalls mit dem Flieger?

Wird ja nicht so sein, dass diese Eisenbahn die einzige Möglichkeit dafür ist, oder?

gell sie sind einer von der Truppe die auch für lediglich 100m das Auto nimmt. ;-)

Ich muss nicht von St. Petersburg nach Moskau in unter 3 Stunden. - Auf die Frage, wie das zu schaffen wäre, fiel mir spontan das Flugzeug ein...
Was das jetzt mit meinem persönlichen Verkehrsverhalten zu tun haben soll, ist mir nicht evident, aber ich mag eh Äpfel und Birnen gleichermaßen gern... ;)

Von City zu City Zentrum schaffen Sie es mit dem Flieger nicht in 3 Stunden daher sind ja die Sapsan Zuege immer ausverkauft, die schaffen es bei jedem Wetter in ca 4 Stunden.

nehms zurück. ;-)

Überall das Gleiche

für die Infrastruktur, die der breiten Bevölkerung zugute kommt, ist angeblich kein Geld da. Für Waffen, Banken und das Füttern von Wirtschaftskriminellen ist kein Preis zu hoch. Auch aus europäischer Sicht wäre es wünschenswert, wenn das nach der Wende ergaunerte Geld wieder in die russ. Wirtschaft fließen würde. Von sogenannten Oligarchen, die sich im Westen Fussballarenen, etc. halten, hat niemand etwas.

Wie kommt eine sehr schnelle Verbindung zwischen Moskau und StP genau der breiten(!) Bevoelkerung zu Gute?
Abgesehen davon ist das Problem ein anderes. Die Politiker sind nicht gerade bekannt dafuer wirtschaftlich sinnvolle Entscheidungen zu treffen. Erfolgreiche staatlich gelenkte Investitionsprogramme sind eine sehr sehr seltene Ausnahme.

es wird sie überraschen, aber es gibt auch Güterverkehr auf der Bahn! ;-)
Schnellerer Transport = geringere Transportkosten

Und Frachtzüge sind auf neu gebauten oder sanierten Strecken leiser

hahaha!
Klar, fuer die Container Hochgeschwindigkeitsbahnen. Dass wir darauf nicht vorher schon gekommen sind!!!

deswegen werden in Ö auch kurven in Bahnstrecken begradigt.
aber was erzähl ich einem Blinden etwas von Farben.
Informieren sie sich doch einfach einmal.

Vorsicht hier!
Kurven begradigen ist etwas anderes als Hochgeschwindigkeitsbahntrassen!
Ersteres ist im Vergleich relativ einfach und hilft unseren Mickey Mouse Zuegen ein paar Minuten einzusparen. Natuerlich trifft das auch fuer den Gueterverkehr zu, der ja die gleichen Trassen nutzt.

Zweiteres sind speziell konsutrierte Strecken die Zuege mit Geschwindigkeiten von ueber 300km/h tragen koennen! Die werden, da muss ich sie enttaeuschen, ueblicherweise fuer den Personenverkehr geplant und nicht fuer den Gueterverkehr!
Waer mir neu dass TGVs mit dem Ziel konzipiert wurden Gueter von der Cote d’Azur ins Zentrum von Paris zu bringen!!!

Ach Ivan, was sollen Ihre Belehrungen, natuerlich haetten die Reisenden zwischen diesen zwei grossen Staedten 5 und 14 Mio Einwohner enorme Vorteile.
Die neue Strecke waere Non Stop Hochgeschwindigkeit, die alte Sapsan Strecke koennte fuer Stops in den dazwischen liegenden Orten und fuer Lastzuege Verwendung finden.
Besser wie die alten Kettenpanzer auf Radpanzer umruesten allemal!

In Deutschland schaffen Güterzüge bis zu 160 kmh, der TGV postal fährt 300 kmh, das geht nicht auf "normalem" Material
Personenverkehr bringt derzeit mehr Geld und kommt in den Medien besser, deswegen werden Hochgeschwindigkeitsstrecken vorrangig für Personenverkehr geplant, das ändert aber nichts daran dass der Güterverkehr schneller und leiser auf besseren Strecken, eben Hochgeschwindigkeitsstrecken bewältigt werden kann.

Aber wäre eine Schnellfahrstrecke von Moskau nach St. Petersburg wirklich sinnvoll? Es gibt schon jetzt eine gut ausgebaute Bahnstrecke zwischen den beiden Städten, auf der der schnellste Zug derzeit 3 h 50 min braucht. Der Bevölkerung dürfte es mehr zu gute kommen, wenn man dort Eisenbahnkreuzungen durch Unterführungen ersetzte und im Großraum Moskau bzw. St. Petersburg die Bahn viergleisig ausbaute (für den Nahverkehr).

Natuerlich waere es sinnvoll, Ohne Halt zwischen Moskau ca 14 Mio Einwohner und St Peterburg ca 5 Mio Einwohner noch schneller reisen zu koennen.
Die andere Bahnstrecke ist doch nur eine Schnellfahrstrecke, mehr schon nicht. Denn
650 km in 3 h 50 Min bis 4 h 15 Min, 7 x am Tag, daher immer ausverkauft,! ist ja nicht schneller wie ca 170 in Durchschnitt, d schafft der Oesterr Railjet auch.
Wenn man bedenkt d die Militaer Aufruestung in Russland jaehrlich 50 Mrd Euro verschlingt, Werden doch noch jaehrlich 10 Mrd Euro fuer die Eisenbahn uebrig sein, oder doch nicht ?

Ja ok, wenn man genug Geld hat, dann kann das durchaus sinnvoll sein.

Wenn der Staat das Geld lieber für Rüstung ausgibt, ist es aber aus Sicht der Eisenbahn wirklich sinnvoller, die Transsib bis Jekaterinburg zu beschleunigen. Zwischen Moskau und St. Petersburg bietet das Flugzeug kaum mehr Zeitvorteile gegenüber dem Zug. Die Fahrerei von Moskau nach Nischni Nowgorod oder Jekaterinburg ist dagegen eher eine langwierige Angelegenheit.

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