Die vernachlässigte Generation

Kommentar | Lisa Nimmervoll, 23. August 2012, 18:01

Wie ignorante Politik die Jugend hängenlässt und ihr Lebenschancen vorenthält

Oft sagt ein Bild mehr, als viele noch so gut gemeinte Worte es vermögen: Wenn beim Forum Alpbach zum Thema "Erwartungen - die Zukunft der Jugend" auf dem "Perspektiven"-Podium nur vier Männer in Ministerrang und gesetztem Alter von 51, 56, 60 und 63 Jahren aufgeboten werden, dann ist das sicher nicht die Perspektive, die junge Menschen sehen wollen. Es ist eine - wohl unbedachte - paternalistische Inszenierung, in der ältere, etablierte Herren den jungen Menschen in Warteposition ihre Zukunft erklären wollen. 

Das ist Katheder-Politik von gestern, die an den Jugendlichen vorbeizielt.

Wie sich überhaupt der Eindruck erhärtet, dass die Jugend in Österreich politisch eine ziemlich vernachlässigte Generation ist. Wenn man sich die großen, schwärenden Reformleerstellen anschaut, dann sind das Bereiche, die ganz grundsätzlich die Lebenschancen von jungen Menschen betreffen - und mit denen nicht gerade sehr pfleglich umgegangen wird. Im Gegenteil: in vielen Fällen schlicht ignorant.

Das beginnt bei den jahrelang verschleppten, nur mühsam in Gang zu bringenden Schulreformen, wo man, ideologisch verbohrt, wissentlich international lang erfolgreich Bewährtes nicht und nicht umsetzt. Wie viele Kinder sollen noch mit zehn Jahren in eine ihnen zugeteilte Schulform genötigt werden, die weniger über ihre potenzielle Zukunft aussagt als über ihre Vergangenheit im Sinne des sozioökonomischen Status ihrer Familie und deren kulturellen Kapitals, das da stark mit im Spiel ist?
Es ist Skandal und Gefahr zugleich, dass schon vier Pisa-Studien alarmieren, wonach in Österreich mehr als ein Viertel aller 15-/16-Jährigen nicht sinnerfassend lesen können, Teilanalphabeten sind - unter den jungen Männern sogar ein Drittel! Ein Drittel einer Generation, das quasi verlorengegeben wird, das dieselben Wünsche hat wie alle anderen auch, sie sich aber vermutlich nie erfüllen können wird, allerhöchstens schal abgespeist mit noch erreichbaren Konsumhappen.
Gesellschaftspolitische Tranquilizer, die die Abgehängten ruhigstellen.

So produziert man politisch auch eine große Gruppe an Hilflosen, Artikulationsunfähigen, Exkludierten, die in der Gesellschaft existieren, aber doch nicht dazugehören, geschweige denn sich selbstbewusst in demokratische Prozesse und Diskurse einbringen (können oder wollen).

Auch der Zustand, in dem die Universitäten - Rektoren, Studierende, Lehrende - quasi sich selbst und pseudorettenden Notfallparagrafen überlassen werden, ist nichts anderes als (partei)politisch organisierte Verantwortungslosigkeit und Vernachlässigung einer ganzen Generation, für die Bildung der verlässlichste Garant für eine gute Zukunft ist.
Die Reaktion dieser hängengelassenen Jungen ist innere Abwendung und äußere Anpassung - so lang wie möglich. Und dafür gibt es dann das Etikett "Generation Pragmatismus", aufgepickt von den Älteren und Alten.

Aber was heißt das? Nicht mehr, als dass sie versuchen, in ihrer Welt - sie ist in vielem freier als früher, aber auch unsicherer - klarzukommen: besser, den Kopf über Wasser zu halten statt unterzugehen. Ein kleines, überschaubares Glück für sich zu erkämpfen.

Entscheiden tun andere. Für sie. Gegen sie. Und die Revolution, nach der die Arrivierten so gern - zumindest rhetorisch - fragen? Muss warten. Selbst in die Politik gehen? Erst recht. Ein Anfängergeschäft, scheint's, das eher 80-jährige Milliardäre versuchen.(Lisa Nimmervoll, DER STANDARD, 24.8.2012)

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Ich bin so alt wie die alten Deppen am Podium und würde der angesprochenen Jugend folgende Rede halten:

Kein Mensch hindert euch, ordentlich Deutsch lesen, schreiben und rechnen zu lernen. Ihr lebt in einem System, das diese alles fördert. Nützt dieses System. Die Lehrherrn stellen sich an bei euch, wenn ihr diese Grundfertigkeiten habt, höflich seid und euch bemüht, ordentliche Arbeit zu leisten. Bremst den Alkohol und andere Süchte, strebt nach Disziplin, schaut auf euren Körper und euren Geist und interessiert euch für eure Welt. Viele machen sich über so eine konservative Einstellung lustig, aber ich kann euch garantieren, auf diese Weise könnt ihr euch in Freiheit ein ordentliches Leben gestalten. In Österreich haben wir solch erfreuliche Rahmenbedingungen.

... dieselben Wünsche hat wie alle anderen auch, sie sich aber vermutlich nie erfüllen können wird, allerhöchstens schal abgespeist mit noch erreichbaren Konsumhappen.

Ist das altersabhängig?

Ist das nicht eher ein ergänzendes Prinzip zum Neokapitalismus, dass man die 'Massen' dumm hält und abspeist?

Wieviele Prozent der Bevölkerung können sich denn überhaupt politisch artikulieren?

sicher gibt es in der bildungspolitik viele fehler und eine menge stillstand.

aber das jugendliche nicht sinnerfassend lesen können, ist auch ein versagen des Elternhauses bzw. des jugendlichen selbst, natürlich auch, wie schon erwähnt, ein fehler der schule bzw. der dort engagierten lehrer.

gerade wenn ich mir beim lernen schwer tue, kann ich unter umständen durch fleiß viel ausgleichen.

und der wille ist oft nicht vorhanden. ich beziehe mich auf manchen lehrling, mit dem ich zu tun habe. alles punkto freizeit, rechten und konsum ist wichtig, lernen und pflicht? das ist nebensächlich.

irgendwoher müssen die ganzen idioten die strache

wählen ja kommen. ist mir nur schleierhaft dass die anderen parteien da nichts unternehmen. wobei - die angebotenen lösungen sind da ja auch um nichts durchdachter. insofern kann es ihnen wahrscheinlich wurscht sein.

ein zentrales problem ist, daß man die jugendlichen zu willigen sklaven des kapitalismus erzieht anstatt zu kritisch denkenden leuten. die willkürherrschaft der banken und konzerne wird den jugendlichen so lange als quasi naturgesetz eingeimpft, bis sie nicht mehr daran glauben, daß ein anderes system möglich wäre.

das neoliberale system kann nur so weiter machen wie bisher

wenn die menschen wenig bildung haben. je geringer der bildungstand, desto besser sind sie als arbeitskräfte nutzbar. und die Elite bleibt unter sich und lacht über die vielen millionen, die die anderen für sie einarbeiten. der tägliche existenzkampf, die zukunft der jugend macht menschen willig. siehe die frühen 30-iger jahre und wenns schlimm hergeht, wird es auch das gleiche ende.

Irrtum möglich?

Die Elite bleibt unter sich?

Die Wahrscheinlichkeit dafür steigt rapide mit der Einführung eines Systems, das in Gesellschaften erfolgreich ist, die anders strukturiert sind als unsere.

Bei uns wird das Leistungs- und Bildungsniveau sinken, Privatschule boomen und Elite-Unis (sauteuer) für die Elite sorgen.

Ein entscheidender Unterschied zum so kritiklos gepriesenen Finnland wird nämlich bleiben:
Die Auswahl des Lehrpersonals und die Ausbildung an "Hochschulen" statt an Universitäten!

danke für diesen wunderbaren artikel

was gut wäre:
umverteilung nach unten, umbau des wirtschafts- und finanzystems zu umweltschutz und nachhaltigkeit, durchgehende demokratisierung des gemeinwesens, investition in bildung und forschung und kunst.
was gemacht wird:
umverteilung von unten nach oben, bankensanierung auf steuergeld, ohne sanktionen, ohne kontrollen, hirnrissige fokusierung auf die börsen und nix sonst, laufende ausuferung einer völlig realitätsfremden verwaltung und justiz, kaputtsparen von bildung, forschung und kunst.

ich frage mich, ob das generationendenken hier noch bestehen kann: eine "neue generation" braucht immer eine gewisse kopfzahl. ist die bevölkerung überaltert, so wird diese eben erst in zwei oder drei generationen erreicht.

Der Kommentar ist symptomatisch

Es bräuchte eigentlich eine gesamtgesellschaftliche Empörung und eine gemeinsame Motivation, eine gemeinsames Zielsetzung - ein Programm, hinter dem (fast) jeder stehen und dessen Sinn jeder erkennen kann (z.B. mehr Sprachförderung, kleinere Klassen, ergänzende Ganztagesschulangebote...)

Und das verhindert man zielsicher, indem man auf der Gesamtschuldebatte rumreitet. Klar, für die einen löst die Gesamtschule die meisten Probleme der Bildungsmalaise, aber die andere Hälfte der Bevölkerung (vor allem die bildungsaffinen Eltern) sieht sie eher als Vergrößerung des Übels an. Diesen Gegensatz wird man eh nicht überwinden können.

Und wegen genau diesem sinnlosen Streit geht in Österreichs Schulpolitik seit 10 Jahren nichts weiter.

Jugendkultur?!

So was gibt es "natürlich" nicht: Jedes Jahr wechselt ein Jahrgang von 12 auf 13 und wächst da in ein "Kultur" hinein, mit der hat sie / er genuin überhaupt nichts zu tun!

Der von Marketingstrategen geschaffene Begriff der "Jugendkultur" - vgl. z.B. http://www.tfactory.com oder http://jugendkultur.at/ - steht für den ethnologischen Blick auf die eigenen Kinder als quasi "fremdes" Volk: Und was man = "die Gesellschaft" - da sieht & erblickt, das ist sehr, sehr interessant (positiv wie negativ), nur: zu tun hat man damit nichts!

Wir haben Missbrauch und Verführung zugleich vor uns: Es ist die Verführung der Kinder zum Erwachsensein um eben diese dann wie Erwachsene behandeln zu können & damit die Verantwortung los zu sein!

Also verantwortungsvolle Jugendpolitik ist sicher keine Frage des Alters

Wir wollen ja schliesslich nicht alle älteren Lehrer feuern und ein Alterslimit für Eltern einführen.

Doch hatten die 4 im Ministerrang ernsthaft das Bedürfnis etwas weiterbringen zu wollen oder war es nur eine Selbstinszenierung? Natürlich ncht! sonst hätten sie sich ja fragen müssen:" Was tun wir den da, wir Schlaumeier?" Wo ist denn die Jugend um welche es eigentlich geht? Haben wir glatt vergessen. Scheisse das passiert uns immer.

Die Politiker lassen doch alle im Regen stehen,

die nicht reich sind.
300.000 Arbeitslose aber wir sollen bis 65 arbeiten obwohl wir, wenn wir arbeitslos werden schon mit 50 keinen Job mehr bekommen, und jeder der bis 65 auf einem Arbeitsplatz sitzt, nimmt einem Jungen diesen Arbeitsplatz weg.
Scheinbar sind Arbeitslose billiger alt Pensionisten, aber das Geld für nicht steuerzahlende Griechen und für reiche Banker, die unser Geld verzockt haben, das ist ja reichlich vorhanden...
Hier wird der Zwist zwischen Jung und Alt, Radfahrer und Autofahrer usw. angestachelt, damit sich jeder darüber sinnlos aufregt und die Politiker ungestört ihre Verbrechen begehen können.

Frühpension zugunsten mehr Arbeitsplätze ist keine Lösung!

Ich würde die Lage nicht so düster sehen!
Dass alle Arbeitsfähigen inkl. Frauen bis 65 arbeiten müssen, ist international das normalste auf der Welt. Dass wir uns trotz stark ansteigender Alterspyramide + seit Jahren deutlich rückläufiger Geburtenrate - das Pensionisten-Paradies Ö nicht mehr leisten können, wird nur von opportunistischen Politikern oft negiert.
Auch der vermehrte Mangel an gut qualifizierten Nachwuchs-Fachkräften. Vorausschauende UN haben bereits reagiert, verzichten auf goldene Handshakes und lernen gut qualifizierte, ältere AN ab 55 wieder zu schätzen. Besserer Kündigungs-Schutz für AN ab 55 wäre hier eine weitere Maßnahme. Dass höheres Pensions-Antrittsalter Arbeitslosen die Jobs-Chance weg nimmt, trifft nicht zu!

Ist es nicht eine Folge davon, dass man auch ohne nennenswerte Anstrengungen ganz gut über die Runden kommt, dass es diese "Lost Generation" gibt?

Wenn man zur Mindestsicherung alle sonstigen Zuschüsse, Förderungen, Ermäßigungen und Gebührenbefreiungen zählt, zu welche eben diese Mindestsicherung berechtigt, kommt man leicht zu einer Kaufkraft, die das einer Supermarkt-Kassierin zumindest ebenbürtig ist.

Warum also nicht "Berufswunsch Hartz IV"?

Nein ist es nicht

Kein Mensch ist freiwillig arbeitslos geschweige denn glücklich damit. Kaufkraft und Glück sind zwei Dinge die in unserer Gesellschaft gerne verwechselt werden aber keinerlei Zusammenhang aufweisen. Zum Thema Arbeitslosigkeit bitte die einschlägige Literatur lesen z.B die Arbeitslosen von Marienthal von Jahoda und Lazersfeld. Langzeitig Arbeitslosigkeit ist der direkte Weg in schwere Depression/ Aggression da das Individuum das Gefühl hat für die Gesellschaft keinen Wert zu haben. Und da wo in einer kapitalistischen Konsumgesellschaft leben wird dieses Phänomen noch zusätzlich verstärkt. Und btw ist ihr Kommentar Off topic.

@cote 304, 100 % d'accord.

die politik vernächlässigt doch alle bevölkerungsgruppen

egal ob jung oder alt! alle haben in wahrheit keine perspektive mehr. bei den jungen fällt es halt mehr auf, weil sie schon in das neue system "reingeboren" werden.

Was das Alter ...

... der Diskutanten betrifft: es gibt genug Diskriminierung von Menschen über 40. Man soll künftig eben einfach ein oder zwei jüngere Leute zusätzlich einladen. Was den "Lesetest" zum sinnerfassenden Lesetest dieses Jahres an Volksschulen betrifft: dieser Test war in seinen Fragestellungen inkompetent. Außerdem war er nicht anonym, und es wurde verbotenerweise versucht, die Ergebnisse in die Zeugnisnote einzubeziehen. Dass die Auswertungsblätter nun von den AHS verlangt werden, ist Datenschutzverletzung.

jesas, so viel blödes gewäsch!

wo ist oder war denn jemals das gelobte land, wo alle menschen aller generationen im "harmonischen gleichschritt" leben?
noch nie hatten jugendliche so viel macht wie heute!
noch nie hatten jugendliche so viele möglichkeiten wie heute!
noch nie wurde in kinder und jugendliche so viel investiert wie heute!
noch nie wurde jugend so verehrt (und imitiert) wie heute!
gerade der dumme, bürgerliche bildungswettbewerb schafft ein verunsicherndes zukunftsklima! bildung macht heute nicht mehr frei - weder intellektuell noch gesellschaftlich! sie ist im gegenteil zum perfidesten instrument der gesellschaftlichen unterdrückung und fremdbestimmung verkommen! nicht: ich denke, also bin ich, sondern: ich bin zertifiziert, also bin ich!

Grundlegender Fehler

Schuleinrichtungen sollten NIEMALS zu irgend einer Form der politischen Umgestaltung missbraucht werden.
Ihre Aufgabe sollte vielmehr sein: Wie erziehe ich Kinder und Jugendliche so, damit sie in einer besch**nen - jedoch unveränderbaren - Welt wie dieser ÜBERLEBEN können....

noch

nie habe ich soviel Blödsinn auf einem Platz gelesen, gratuliere!!!

Zertifiziert zeugt von Berufstätigkeit. Also schon einen Schritt weiter als im Artikel beschrieben.

bis auf den letzten Satz ....

...habe ich bei Ihnen jetzt aber auch nur eher Oberflächliches gelesen......

ja sicher,

aber für ein posting sicher nicht oberflächlicher als das standard-gewäsch der berufsschreiberin, welches die leser ja "bilden" soll.

...ich bin nicht mehr ganz so jung...

...aber ich habe auch die erkenntnis, das sich jene vor allem auch junge menschen durchsetzen, die am besten "mauscheln" können und es sich dann folglich richten, als jene, die kritisch, unbequem und autonom agieren.

Österreich bewegt sich langsam aber sicher weg von einer nation, die kluge und hervorragende köpfe geboren hat zu einer, in der das mittelmaß das maß aller dinge ist!

Leider, aber bei dem versuch alle und alles über einen leisten zu scheren, tritt das ein was für eine demokratie vernichtend ist: eine nation von überheblichen dilettanten entsteht!

Ausgebremst und gemobbt wird jeder, den nicht dem main-stream folgt.

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