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Eine, die noch gegen den Strom schwimmt: die großartige Anna Paquin als 17-jährige Lisa Cohen in Kenneth Lonergans "Margaret".
Wien - Manchmal sind die Wege eines Films in die Öffentlichkeit fast unerklärlich. Kenneth Lonergans "Margaret" ist diesbezüglich ein besonders verzwickter Fall. Der zweite Film des US-Autors nach seinem vielbeachteten Debüt, dem Geschwisterdrama "You Can Count On Me" (2000), ging 2005 als von risikobereiten Produzenten wie Scott Rudin getragenes Projekt mit einem Budget von rund zwölf Millionen Dollar in Produktion. Ganze sechs Jahre später, im Herbst 2011, wurde er in exakt zwei Kinos, einem in L. A., einem in New York, gestartet.
Dazwischen liegen, wie man so sagt: kreative Auseinandersetzungen. Lonergan, dem ein Director's Cut vertraglich zugesichert war, gelang es nicht, eine 150-Minuten-Fassung des Films zu schneiden. Trotz mehrfacher Versuche, die Arbeit zu retten - die Rohfassung wurde in höchsten Tönen gelobt -, fand sich keine Einigung; zuletzt schaltete sich sogar Martin Scorsese ein und fertigte eine kürzere Version an, doch inzwischen war die Kluft zwischen Lonergan und Gary Gilbert, einem der Hauptproduzenten, zu groß: Drei Klagen auf Vertragsbruch wurden eingebracht.
Man kann es als eine kleine Sensation bezeichnen, dass "Margaret", den der New Yorker als eines der "filmischen Wunder des Jahres, wenn nicht des Jahrzehnts" bezeichnet hat, nun doch sein Publikum findet. Angeheizt von Online-Kampagnen - "teammargaret" hieß der Hashtag auf Twitter - und der Unterstützung einzelner Kritiker wurde der Film auch in anderen Kinos und Festivals gezeigt; am 7. September erscheint er nun auf DVD (CineProject) - allerdings in einer kürzeren Fassung. Die bessere Investition ist die US-Ausgabe, inklusive Dreistundenversion, wunschweise auf Blu-ray.
Eigentlich ist "Margaret" jedoch ein Fall von "Verleiher gesucht!": Als nuancenreiches Gegenwartspanorama ist er nämlich für die große Leinwand gemacht. Den Mittelpunkt des Films bildet die 17-jährige Studentin aus New York, Lisa Cohen, eine Rolle, die Anna Paquin unter anderen Umständen wohl viele Preise eingebracht hätte. Margaret, die Titelfigur, kommt nur via eines Gedichts von Gerard Manley Hopkins vor, das die innere Bewegung der Protagonistin veranschaulicht: "Ah! as the heart grows older / It will come to such sights colder". Die hohe emotionale Empfänglichkeit eines pubertierenden Mädchens für die Widersprüche und Ungerechtigkeiten des Lebens - dies ist das Grundthema von "Margaret".
Die dramatische Konstellation ist der Form eines Einschlags vergleichbar: ein Knall und sein langer Nachhall. Lisa lenkt einen Busfahrer (Mark Ruffalo) so sehr ab, dass er eine Frau überfährt. Diese stirbt in den Armen des Teenagers und hinterlässt bei ihm Schuldgefühle. Die schlagfertige Lisa ist das erste Mal mit Gefühlen konfrontiert, für die sie kein Maß hat. Sie muss sich ihrer Verantwortung stellen, und dabei gerät sie in Konflikt zu all jenen, die einen Gesellschaftskörper regulieren helfen.
Mit großer Gewandtheit stellt der Film unterschiedliche Sphären - Schule, Familie, Rechtssystem, Kunst - gegenüber, in denen über alltägliche Begegnungen, Gespräche oder Schreiduelle stets auch existenzielle Grundfragen, "the enormity of the world" (Lonergan), ausgetragen werden. In seinem Streben nach einem Gesamtbild, das sich in einer Vielzahl an Tonarten einstellt, gleicht der Film einem Roman. Lonergan hat mit "Margaret" etwas Rares geschaffen: einen Film, der mit seiner Figur eine profunde Welt erschafft. Kein Wunder, dass es dafür einer eigenen Form bedarf. (Dominik Kamalzadeh, DER STANDARD, 24.8.2012)
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Wunderbare Kritik. Danke Dominik!
Ich kann nur noch anmerken, dass der Film trotzdem man merkbar Lonnergan's Probleme beim Schneiden spuert - vor allem in den Musikpassagen und ausgelassenem Ton in Gespraechen, der Film wie ein William Gaddis Roman als Gesamtwerk und in den Dialogen triumphiert. Andere Kritiker lobten nur aktuelle politische Referenzen, tatsaechlich ist er zeitlos, und lange danach immer noch frisch.
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