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Gerfried Stocker sucht nach zukunftsfähigen Bildern.
STANDARD: Ich möchte das Thema des Ars-Electronica-Festivals "Big Picture" von der sprachlichen Seite her aufrollen: Was bringt Ihrer Meinung nach jemand zum Ausdruck, der sagt: "Ich mache mir ein Bild" oder: "Ich muss mir erst ein Bild machen"?
Gerfried Stocker: Genau das ist eigentlich der Kern des heurigen Festivals. Ich halte es für interessant, sich dem Thema von der sprachlichen Seite her zu nähern. Denn wenn jemand sagt, er mache sich ein Bild, dann bedeutet das auch, dass er Verantwortung wahrnimmt. Er glaubt also nicht länger alles, was er sieht, sondern er schaut sich das erst selbst an.
STANDARD: Haben alle Menschen den gleichen Zugang zu Wissen und Strukturen, um sich dieses Bild zu machen?
Stocker: Natürlich hat es auch mit Macht oder einem Machtanspruch zu tun, zu sagen, ich habe die Mittel, um mir überhaupt ein Bild machen zu können. Gleichzeitig ist es eine Formulierung, die die Ermächtigung des Einzelnen zum Ausdruck bringt. Menschen verlassen sich nicht mehr allein auf Regierung, Zeitung oder ein Medienimperium. Menschen erkennen ihre eigene Rolle und nehmen sie wahr. Das ist wichtig angesichts dieser Pluralität von Bildern.
STANDARD: Gibt es noch das eine allgemeingültige Bild der Welt, auf das sich die Gesellschaft einigen kann?
Stocker: Wir müssen sehen, dass es längst nicht mehr darum geht, zu fragen: Wer hat das richtige, das allgemeingültige Bild? Vielmehr sollten wir erkennen, dass es viele verschiedene "richtige" Bilder gibt, die durchaus anders aussehen, andere Bedeutungen und andere ideologische Hintergründe haben können. Das ist zulässig, weil eben diese Pluralität auch Subjektivität zulässt.
STANDARD: Vor Jahrhunderten wurden Atlanten und Kartografien der Welt angefertigt, dann kam der Blick aus dem Weltall dazu. Betrachtet man die Erde so, wie sie zurzeit funktioniert: vernetzt und bildgeleitet nämlich, wo wäre denn der beste Punkt, um sich ein Bild zu machen? Von wo aus müsste man das "Big Picture" machen, um die Komplexität darzustellen?
Stocker: Jedenfalls sollte man nicht weiter in die Distanz gehen und sich von der Erde und damit von den Menschen entfernen, sondern vielmehr runter und auf Augenhöhe. Die Erfolgsgeschichte der Zentralperspektive hatte ja den Preis, dass die Gesamtheit nur noch aus noch größerer Entfernung darstellbar wurde. Seit etwa 20 Jahren entwickelt es sich in die umgekehrte Richtung. Wir können in dieses Satellitenbild der Erde plötzlich hineinzoomen.
Zwar wurde Google Street View völlig zu Recht kritisiert, in Bezug auf Datenschutz und auch in Bezug darauf, wie sich Google als Medienkonzern in dieser Causa verhält, da gibt es nichts zu beschönigen. Allerdings hat es unseren Blick total verändert: Der Blick aus dem Weltall fällt nicht länger rein von oben herab, er wird geknickt um 90 Grad, Menschen können einen horizontalen Blick in alle Richtungen werfen. Und was sehe ich, wenn ich in alle Richtungen schaue? Andere Menschen, und zwar auf Augenhöhe. Wenn sich jemand ein Bild macht, heißt es ja schließlich auch, dass er sich engagiert.
STANDARD: Ein Teil zu sein?
Stocker: Ja, One Day on Earth ist so ein Projekt, Menschen auf der ganzen Welt liefern Bilder aus ihrer Umgebung und bestimmen selbst darüber, welche.
STANDARD: Google Earth oder Google Street View allerdings machen ja für uns von uns ein Bild.
Stocker: Genau, nur leider wurde die Kritik daran eben nicht an dieser speziellen Frage abgehandelt. Es wurde leider in der Debatte nicht die Frage nach der Deutungshoheit gestellt. Die Kritik wurde einzig auf die Frage nach privat und öffentlich reduziert.
STANDARD: Wobei ja jeder gerne wissen möchte, wie es beim Nachbarn ausschaut, aber niemand sich selbst hinter die Vorhänge schauen lässt.
Stocker: In zehn, 15 Jahren wird sich die Diskussion stark verändert haben. Zurzeit aber wird sie in erster Linie noch von Vertretern der "Fernsehgeneration" bestimmt, für die privat und öffentlich noch ganz klar getrennt waren. Öffentlichkeit bedeutete, dieses Kastl im Wohnzimmer einzuschalten. Eine Generation, die sich um Öffentlichkeit ansonsten relativ wenig gekümmert hat, alle fünf Jahre wählen gegangen ist und auf die Straße nur dann, wenn sie gegen etwas war. Eine, die die Privatsphäre überhöht hat. Und nun haben wir eine neue Generation, die daran gewöhnt ist, dass das Leben außerhalb der eigenen vier Wände stattfindet, sich als Teil der Öffentlichkeit fühlt und daher auch bereit ist, für etwas auf die Straße zu gehen, Occupy ist dafür ein gutes Beispiel.
STANDARD: Angesichts dieser Veränderung: Wie wird sich das Individuum entwickeln?
Stocker: Irgendwann wird es uns wohl reichen, irgendwann werden wir damit aufhören, alles ins Netz zu stellen und zu veröffentlichen. Jetzt sind wir noch so begeistert, da nehmen wir halt noch viel in Kauf. Aber das wird sich mit der nächsten Generation ändern. Mein Sohn, der wächst mit diesen Gadgets auf und verliert dadurch auch etwas an Respekt davor. Und diese Respektlosigkeit der Technologie gegenüber nimmt dann wieder Einfluss auf die Definition von privat und öffentlich.
STANDARD: Haben wir eigentlich noch die Oberhand über die Produktion von Bildern?
Stocker: Hatten wir sie jemals? Wir sehen heute allerdings besser, wie wenig wir je bestimmen konnten, wo die Bilder herkommen und wie manipulativ sie eingesetzt werden. Andererseits haben wir heute viel mehr Kontrolle über diese Bilder - zumindest wird sie uns angeboten. Jeder hat die Möglichkeit, an der größten Enzyklopädie der Welt, Wikipedia, mitzuarbeiten - ob man es macht oder nicht, muss natürlich jeder selbst entscheiden.
STANDARD: Wie bewusst ist sich ein Festival wie Ars Electronica eigentlich darüber, selbst jahrzehntelang Produzent ikonografischer Bilder zu sein?
Stocker: Also grundsätzlich waren und sind natürlich die Künstler diejenigen, die die Bilder produzieren. Wir als Ars-Electronica-Festival sind sozusagen ein Umschlagplatz für diese Bilder. Sie helfen uns, auf das Publikum bezogen in die Breite gehen zu können, ohne zu zerfließen. Am besten waren wir eigentlich immer dort, wo wir mit Themen auch sehr strittig und diskursiv waren. Auch gegensätzliche Positionen zu Wort kommen ließen, Info-War (Ars Electronica 1998, Anm.) zum Beispiel war so ein Thema.
STANDARD: Und heuer? Wie diskursiv ist "The Big Picture"?
Stocker: Heuer ist unser Thema gar nicht strittig. Das Bild der Welt, das wird von praktisch allen Menschen verhandelt und thematisiert. Das ist keine Frage der Zustimmung oder Ablehnung. Das passiert einfach. (Wiltrud Hackl, DER STANDARD, 24.8.2012)
Gerfried Stocker, geboren 1964, ist Medienkünstler, Musiker und Nachrichtentechnik-Ingenieur. Seit 1995 fungiert der gebürtige Steirer als Geschäftsführer und künstlerischer Leiter des Ars Electronica Centers in Linz.
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Symptomatischer Nonsens-Satz, der eigentlich für das ganze Interview steht. Wie kann man nur so viel reden, wenn man so wenig zu sagen hat.
Das Ars Electronica Festival hat sich in den letzten Jahren zunehmend selber demoliert und an das künstlerische Niveau des Urfahraner Jahrmarktes angepasst. Leider.
An ihren Taten sollt Ihr sie erkennen. Alter Spruch, immer gut.
Oft werden irgendwo zwar Personen ausgetauscht, aber es verändert sich trotzdem nix. Und manchmal ist es immer dieselbe Person welche die Veränderung vorantreibt.
Also, konkret: woran messen Sie den Stillstand bei der Ars Electronica und dem AEC?
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