Der Syrien-Konflikt spaltet auch die Libanesen

Analyse |
  • Scheich Ahmad al-Assir,  ein radikaler  sunnitischer Prediger aus Saida, spricht vor Anhängern in Beirut.  Er will der  Hisbollah-Miliz einen  bewaffneten "Militärrat"  im Libanon entgegensetzen.
    foto: epa/nabil mounzer

    Scheich Ahmad al-Assir, ein radikaler sunnitischer Prediger aus Saida, spricht vor Anhängern in Beirut. Er will der Hisbollah-Miliz einen bewaffneten "Militärrat" im Libanon entgegensetzen.

Die Fronten des syrischen Aufstands trennen auch die Libanesen. In der Politik halten sich pro- und antisyrische Kräfte bisher zurück, aber immer öfter kommt es zu Konfrontationen auf dem Boden

Beirut/Damaskus/Wien - Die jüngste Runde der konfessionellen Gewalt in der libanesischen Stadt Tripoli begann im Juli, nachdem ein Anschlag in Damaskus mehrere Mitglieder des inneren Kreises von Staatschef Bashar al-Assad getötet hatte: Aus den Freudenschüssen, die Sunniten, die mit dem Aufstand in Syrien sympathisieren, im Viertel Bab al-Tabbaneh abfeuerten, wurde rasch ein Feuerwechsel mit Alawiten - der Sekte, der die Assads angehören - aus dem Viertel Jabal Mohsen. Die Auseinandersetzungen dauern seitdem an, auch am Donnerstag forderten sie wieder Todesopfer.

Es sind nicht die ersten konfessionellen Clashes seit 2011, und es gibt auch noch andere Konfliktfelder, etwa an der syrisch-libanesischen Grenze, wo die syrische Armee auf Flüchtlinge feuert, die es auf libanesisches Gebiet geschafft haben. Dazu kommt eine zunehmend nervöse Hisbollah, die mit Assad ihre Lebenslinie zum Iran zu verlieren droht.

Wie auch die Politiker anderer Lager verhielt sich Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah lange eher zurückhaltend. Die politische Spaltung im Libanon verläuft nicht erst seit Ausbrechen des Syrien-Konflikts entlang der Linie pro- oder antisyrisch. Für Politiker ist es deshalb eine sensible Frage, wie man seine Meinung zum Aufstand in Syrien kundtut, ohne Konflikte im eigenen Land anzuheizen. Aber sie stehen auch unter Druck ihrer eigenen Klientel.

Und so zweifelt niemand daran, dass die Aktion des schiitischen Mikdad-Clans, der vor wenigen Tagen eine Reihe von syrischen und türkischen Sunniten im Libanon entführte, um eigene, in Syrien von Rebellen gefangengenommene Clanmitglieder freizupressen, von der Hisbollah gedeckt ist. Die Unruhe in den schiitischen Teilen Beiruts nimmt zu - wie auch die Agitation radikaler religiöser Sunniten in Sunnitengebieten, wie von Sheikh Ahmad al-Assir, der zur Gründung sunnitischer Milizen aufruft.

Die libanesische Armee, die bei den konfessionellen Auseinandersetzungen versucht, die Kontrahenten auseinanderzuhalten, ist der Hisbollah militärisch unterlegen. Aber Staatspräsident Michel Suleiman - ein Kompromisskandidat aller Lager - fällt in der letzten Zeit durch entschiedeneres Auftreten auf, so erinnerte er am 1. August, dem Armee-Tag, an das Gewaltmonopol des Staates - eine Anspielung auf den militärischen Arm der Hisbollah (der laut Uno-Resolutionen längst abgerüstet sein sollte).

Im internationalen Gerangel um die Syrien-Politik versuchte der Libanon - der bis Ende 2011 im Uno-Sicherheitsrat saß - angesichts der innenpolitischen Sensibilitäten neutral zu bleiben. Aber seit der Verhaftung des früheren libanesischen Informationsminister Michel Samaha, eines prosyrischen Christen, am 9. August ist Feuer am Dach der offiziellen libanesisch-syrischen Beziehungen: Samaha wird beschuldigt, in seinem Auto Sprengstoff für Anschläge transportiert zu haben. Durch die Destabilisierung des Libanon wolle Assad die die Rebellen in Syrien unterstützenden Staaten - den Westen und die Golfstaaten - zu einem Politikwechsel bewegen. Assad in Syrien werde ihnen immer noch lieber sein als die ganze Region in Flammen, so die Überlegung.

"Erwarte Anruf Assads"

Samahas Verhaftung wurde teilweise mit Ungläubigkeit zur Kenntnis genommen: Assad müsse schon sehr verzweifelt sein, wenn einer wie Samaha zur Knochenarbeit herangezogen wird. Aber Suleiman ist von Syriens bösem Spiel überzeugt und hat Assad darüber hinaus aufgefordert, zu Vorwürfen von syrischen Waffenlieferungen in den Libanon Stellung zu nehmen (wobei natürlich auch Waffen vom Libanon nach Syrien gehen). Er erwarte in dieser Sache einen Anruf von Assad, sagte Suleiman - und rief ihn nicht wie üblich an, um ihm Glückwünsche zum Eid am Ende des Ramadan zu übermitteln.

Im Libanon sollen 2013 Parlamentswahlen stattfinden. Der momentan fast ständig im Ausland weilende Saad Hariri, der Sohn des 2005 ermordeten Expremiers Rafik Hariri, führt das oppositionelle sunnitische Lager (Allianz des 14. März) an, die Regierung von Nijab Mikati wird von der Hisbollah und ihren Verbündeten (Allianz des 8. März) gestützt. Hariris Ermordung, in die die Hisbollah verstrickt sein soll, hatte die antisyrische Welle hervorgerufen, die die syrische Armee, die seit dem Bürgerkrieg im Libanon war, zum Abzug zwang. (Gudrun Harrer, DER STANDARD, 24.8.2012)

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