Skin - Future Materials

Michael Hausenblas
24. August 2012, 17:01
  • Sessel Chippensteel - der polnische Designer Oskar Zieta erfand ein Verfahren, bei dem zwei dünne, miteinander verschweißte Bleche mit Luft aufgeblasen werden, die über zwei Tonnen tragen können.
    foto: (c)_zieta_prozessdesign

    Sessel Chippensteel - der polnische Designer Oskar Zieta erfand ein Verfahren, bei dem zwei dünne, miteinander verschweißte Bleche mit Luft aufgeblasen werden, die über zwei Tonnen tragen können.

  • Die Sitzmöbelserie "Plopp" von Zieta Prozessdesign.
    foto:(c) zieta prozessdesign

    Die Sitzmöbelserie "Plopp" von Zieta Prozessdesign.

Eine Ausstellung im Wiener Designforum zeigt Textilfarben aus Zwiebelschalen, Möbel aus Sägespänen und Bakterien, die unsere Kleidung ersetzen sollen

Dass Karl Lagerfeld um seinen Job bangen muss und H & M bald den Laden dichtmacht, ist unwahrscheinlich. Dennoch könnte rein theoretisch die Arbeit der Designerin Sonja Bäumel die gesamte Modewelt ad absurdum führen, denn die Absolventin der Design Academy Eindhoven beschäftigt sich seit Jahren mit der Frage, wie man Bakterien, die auf unserer Haut leben, dazu nutzen könnte, als Bekleidung zu funktionieren. Im Rahmen eines Praktikums für Mikrobiologie an der Universität von Wageningen (NL) erfuhr sie, dass nur zwei bis drei Prozent unserer Hautbakterien bekannt sind und dass diese mittels einer chemischen Sprache über Moleküle kommunizieren. Um diese Sprache zu verstehen, experimentiert die Gestalterin mit natürlichen und synthetischen Textilien sowie Hautbakterien von drei verschiedenen Personen. Auch das kann Design sein.

Ein Sessel ist ein Sessel

Zum Wundern und Staunen gibt's in der Ausstellung Skin - Future Materials im Designforum im Wiener Museumsquartier neben Bäumels Arbeit vieles mehr: 17 Aussteller zeigen 45 Exponate. Allen gemein ist ihre (noch) ungewöhnliche Machart. Ein Sessel ist ein Sessel, aber besteht seine Sitzschale aus gepressten Flachsmatten wie im Fall von Martin Mostböcks "Flaxx Chair" - eine Art Hybrid zwischen Vierbeiner und Freischwinger -, wird ein zweiter und dritter Blick auf das Objekt wahrscheinlicher. Und genau das ist die Intention der Macher von "Skin", die nicht nur als Ausstellung verstanden werden soll, sondern als Thinktank und Plattform zur Entwicklung und Kommunikation von Materialinnovation gedacht ist. Alexander Szadeczky, Geschäftsführer der Designagentur Nofrontiere Design, welche auch hinter "Skin" steht, erklärt das Projekt folgendermaßen: "Skin soll ein Katalysator sein, der Entwicklern und Designern dabei hilft, gemeinsam aus neuen Materialien, Verfahren und Ideen marktfähige Produkte zu entwickeln." Und das dürfte hinhauen, denn die ausgewählten Beispiele erzählen Geschichten über Objekte, die erst durch ihre Machart zum spannenden Wow-Erlebnis werden, egal, ob sie experimentell-künstlerisch angegangen wurden oder es bereits zur Serienreife brachten.

Schwerkraft und Magnetfelder

Zu sehen gibt's neben bereits Bekannten wie zum Beispiel Arbeiten des heimischen Designduos mischer'traxler oder den aufgeblasenen Blechmöbeln der Designschmiede Zieta Objekte, deren Beschaffenheit man nicht im Traum erraten könnte: Der holländische Designer Jólan van der Weil nutzt Schwerkraft und Magnetfelder, um aus einem Kunststoffgatsch mit Eisenspänen-Einlage einzigartige Sitzmöbel zu formen, die die Anmutung eines Space-Pilzes haben und allerbestens in die Stube eines Darth Vader passen.

Das belgische Unternehmen Buzzispace zeigt eine Art Luxus-Strandkorb mit Buswartehäuschenflair, dessen Grundmaterial aus recycleten PET-Flaschen besteht. Nimmt man in den großzügigen Möbeln Platz und lässt seine Hand über die Oberfläche des Teils streichen, fühlt man etwas, das einen eher an einen noblen Filz denken lässt als an eine alte Colaflasche. Gleich daneben gibt's Verpackungsnetze in allerlei Farbtönen, die das Verpackungszentrum Graz mit verschiedenen Partnern entwickelt hat. Das Besondere an ihnen: Eingefärbt werden die Zellulosefasern mit Rinden, Zwiebel- oder Nussschalen.

Verspielt und ausgeflippt

Auch in dieser Ecke zu finden sind Braunalgen, die nicht nur in unglaublichen Massen vorkommen und hurtig nachwachsen, sondern auch das Zeug zu nicht brennbarem Baumaterial haben. Dass Nachhaltigkeit und Ressourcenschonung offenbar und Gott sei Dank ganz dem Zeitgeist entsprechen, wird in der Schau schnell klar, denn es sind nur wenige Objekte vertreten, bei denen diese Überlegungen nicht im Vordergrund stehen.

Wie verspielt und vielleicht auch ausgeflippt uns manche der gezeigten Objekte noch vorkommen mögen, die Entwerfer und Entwickler dieser Objekte lassen den Besucher in eine Kristallkugel des Designs und somit in den Alltag von morgen schauen und zeigen außerdem auf eine weitere äußerst spannende Art und Weise, dass Design alles andere ist als nur Oberfläche. (Michael Hausenblas, Rondo, DER STANDARD, 24.8.2012)

"Skin - Future Materials", Designforum Wien, Quartier 21, Museumsquartier. Bis 16. September; designforum.at; skin-futurematerials.com

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