Narciso Rodriguez: "In meiner Welt werden Frauen zelebriert"

23. August 2012, 17:19
1 Posting

Narciso Rodriguez kleidet die amerikanische High Society ein - Der Sohn kubanischer Einwanderer erklärt, wie er es zu einem der wichtigsten Modemacher der USA geschafft hat

Wenn man in Narciso Rodriguez' Atelier in New York kommt, verströmt bereits die Rezeptionistin Wärme und Sinnlichkeit. Wo bei den meisten Designern eine Bohnenstange sitzt, wird man hier von einer üppigen Dame mit einem "Wait a minute honey" begrüßt. Auch Rodriguez (52) selbst, klein und ein wenig scheu, hat diese Wärme. Seine Kollektionen sind elegant und feminin – seine Karriere ist der amerikanische Traum schlechthin: Seit zwanzig Jahren ist der in New Jersey geborene Sohn kubanischer Einwanderer einer der wichtigsten Designer des Landes und kleidet Stars wie Salma Hayek, Jessica Alba und Kate Winslet ein.

STANDARD: Die Stars, die Sie einkleiden, sind für ihre weiblichen Rundungen bekannt. Man sagt, Sie sind der sinnlichste Designer Amerikas. Wie gefällt Ihnen dieser Titel?

Rodriguez: Sehr gut. Ich finde meine Kollektionen zwar ein bisschen altmodisch, aber sie sind immer eine Ode an die Frau. Ich liebe die Essenz einer Frau – und damit meine ich nicht nur ihre Formen, sondern ihre Weiblichkeit. In meiner Welt werden Frauen zelebriert, das hat wohl mit meinen kubanischen Wurzeln zu tun. Als ich 1997 meine eigene Modelinie gründete, wurde sie seltsamerweise immer wieder mit Calvin Klein oder Helmut Lang verglichen. Ich dachte mir: "Wirklich? Das sehe ich überhaupt nicht so. So kopflastig und konzeptuell ist meine Mode nicht."

STANDARD: Vielleicht hat das damit zu tun, dass Sie bei Calvin Klein als Designer begonnen haben ...

Rodriguez: Als ich in den frühen 90er-Jahren bei ihm begann, hatte Calvin die Helmut-Lang-Phase. Alles war an Helmut Lang angelehnt. Vorher hatte er eine Armani-Phase. An der Mode von Calvin Klein fehlte mir der Sex. Die Werbung war zwar immer sehr sexy, seine Kleidung aber nie. Zum Glück ließ Calvin mir genug Freiraum, die Dinge so zu designen, wie ich wollte.

STANDARD: Bei Calvin Klein freundeten Sie sich mit Carolyn Bessette an. Lernte sie zu dieser Zeit nicht John F. Kennedy Jr. kennen?

Rodriguez: Genau. Sie war, so wie ich, Teil einer ganz neuen Besatzung bei Calvin Klein und arbeitete als PR-Beraterin. Da hatten wir uns angefreundet. Mitte der 90er-Jahre begann ich als Designer für Cerutti zu arbeiten, wo ich T-Shirts und einfache Kleidungsstücke aus Kaschmir entwarf. Sehr bald explodierte das Label. Das war eine wilde Zeit, ich pendelte ständig zwischen Paris, Mailand und New York. Eines Tages rief mich Carolyn an und fragte, ob ich ihr Hochzeitskleid entwerfen würde.

STANDARD: Es machte Sie über Nacht bekannt. Hatten Sie damit gerechnet?

Rodriguez: Nein, natürlich nicht. Ich wusste zwar, dass die beiden ständig von den Medien verfolgt wurden – aber was hatte das mit mir und dem Hochzeitskleid zu tun? Was sich abspielte, überschritt meine Fantasie.

STANDARD: Und das wäre?

Rodriguez: Ich war damals für die Öffentlichkeit ein Niemand. Als ich nach der Hochzeit nach New York flog, war eine Traube von Journalisten und Fernsehtrucks vor meinem Wohnhaus. Ich schlängelte mich zu meinem Portier durch und fragte, was das hier soll. Er meinte nur grinsend: "Die sind wegen Ihnen hier." Ich wurde gar nicht erkannt. Die dachten wahrscheinlich, ich bin der Installateur.

STANDARD: Eigentlich der Traum vieler Designer?

Rodriguez: Es war schwierig für mich, plötzlich im Rampenlicht zu stehen. Bei Fernsehshows fragte man mich, was ich dazu meine, dass ich, Tom Ford und Helmut Lang die erfolgreichsten Designer der Welt sind. Ich war völlig überfordert, wusste nicht, was ich sagen sollte. Ich drückte mich lieber über meine Entwürfe aus. Alles andere war mir eigentlich zu viel und verunsicherte mich.

STANDARD: Worin lag für Sie die größte Schwierigkeit?

Rodriguez: Ich wurde plötzlich zu einer öffentlichen Person, die darauf achten musste, wie sie ausschaut, was sie sagt und wie sie sich benimmt. Es raubt einem ein bisschen die Menschlichkeit. Heute kann ich damit umgehen, aber damals war ich wirklich noch sehr grün hinter den Ohren. Jede einzelne Beziehung, die ich damals hatte, veränderte sich, war nicht mehr die gleiche. Natürlich profitierte ich auch. 1997 gründete ich mein eigenes Modelabel Narciso Rodriguez.

STANDARD: Knappe 20 Jahre später hatten Sie ein ähnliches Erlebnis, nämlich als Michelle Obama in der Wahlnacht ihres Mannes ein Kleid von Ihnen trug. Die Präsidentenfamilie war in sämtlichen Zeitungen und Magazinen dieser Welt zu sehen. Konnten Sie mit dem Rummel diesmal besser umgehen?

Rodriguez: Ja, das konnte ich! Niemand wusste, was Michelle Obama an diesem Abend tragen würde. Dass sie ausgerechnet ein Kleid aus meiner Kollektion auserkor, war ein Höhepunkt in meiner Karriere, ein historischer Moment – so wie Carolyns Hochzeit damals ein sehr persönlicher Moment für mich war. Die Meinungen zu dem Kleid gingen auseinander, manche nannten es eine "Lavalampe", manche liebten es. Das ging monatelang so.

STANDARD: Michelle Obama war aber doch schon seit längerer Zeit eine Narciso-Rodriguez-Kundin, nicht wahr?

Rodriguez: Ich traf sie bei einem Benefizdinner in Chicago, als Barack Obama dort Senator war. Sie war bezaubernd, strahlte Leben und Freude aus. Wir stammen beide aus ähnlichen Verhältnissen, so etwas verbindet. Meine Kleider gefielen ihr, und sie kaufte einmal sogar eine ganze Kollektion von mir. Das Absurde an dem "Wahlnachtskleid" war, dass meine Stylistin mich immer wieder dazu drängte, dieses Kleid aus der Kollektion zu nehmen, da es ihr nicht gefiel.

STANDARD: Fühlt man sich eigentlich auserwählt, wenn Berühmtheiten zu großen Ereignissen die eigenen Kreationen tragen?

Rodriguez: Diese Frauen sind meine Vorbilder. Ich denke an sie, wenn ich ein Parfum kreiere, Kleider oder Schuhe designe. Aber auserwählt? Es hat mein Leben verändert, als Carolyn auf so tragische Weise starb (Sie kam 1999 mit ihrem Mann und ihrer Schwester bei einem Flugzeugabsturz ums Leben, Anm.). Ich hatte große Probleme, damit fertigzuwerden, und habe mich für eine Weile gehen lassen.

STANDARD: Was gibt Ihnen heute Halt?

Rodriguez: Die Lebensfreude meiner Familie. Wir können alle gut kochen, Radios reparieren, Haare schneiden und aus einem Stückchen Stoff ein Kleid zaubern. Das liegt uns Kubanern im Blut. Meine Familie und ich haben nichts aus Büchern gelernt. (Cordula Reyer, Rondo, DER STANDARD, 24.8.2012)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Kopflastig und konzeptionell? Nein, so sieht Designer Narciso Rodriguez seine Mode nicht.

  • Artikelbild
    foto: hersteller
  • Artikelbild
    foto: hersteller
  • Modelle aus seiner Herbstkollektion.
    foto: hersteller

    Modelle aus seiner Herbstkollektion.

Share if you care.