Türken zweifeln an Syrien-Politik ihrer Regierung

Markus Bernath aus Istanbul
22. August 2012, 18:25

Mit wachsendem Unbehagen verfolgen viele Türken die laute Rhetorik ihrer Regierung gegenüber Syrien. Anschläge der PKK nähren indes die Furcht, in einen Krieg hineingezogen zu werden.

Gürsel Tekin war sich sicher: Außenminister Ahmet Davutoglu werde bald entlassen, behauptete der führende Politiker der sozialdemokratischen Opposition in der Türkei in einem TV-Interview und berief sich auf "politische Kreise". Einen Namen für den Nachfolger des rastlosen Außenministers hatte Tekin auch schon: Namik Korhan, ein ehemaliger türkischer Botschafter im besetzten Teil Zyperns, werde an Davutoglus Platz rücken.

Die mutige Ansage sorgte einen Tag lang für Schlagzeilen, doch im Kern bleibt sie richtig: Die Türken beobachten mit wachsendem Zweifel den Krieg im Nachbarland Syrien und die laute Rhetorik ihres Außenministers gegen das Regime von Bashar al-Assad.

"Friede daheim"

Jahrzehntelang verfolgte die Türkei einen stillen, neutralen Kurs, war zwar in der Nato, legte sich aber mit keinem Nachbarn an - mit der einen Ausnahme von Zypern und gelegentlicher Spannungen mit Griechenland. Bis Ahmet Davutoglu, der Geschichtsprofessor, 2009 ins Amt kam, konnte sich kaum jemand an einen türkischen Außenminister erinnern. "Friede daheim, Friede in der Welt", lautete eine der Maximen des Republikgründers Kemal Atatürk.

Als Montagabend eine Autobombe in Gaziantep, einer Wirtschaftsmetropole nahe der syrischen Grenze explodierte und neun Menschen tötete, darunter auch ein Kind, war für viele Türken klar: Etwas läuft grundsätzlich falsch. Die Türkei wird in einen Krieg gegen Syrien gezogen und übersieht die eigenen Probleme "daheim" - die Kurdenfrage und den Kampf gegen die PKK.

Türkische Politiker bezichtigten rasch den syrischen Geheimdienst, der PKK bei dem Anschlag geholfen zu haben. "Wenn man eine Analogie ziehen soll, dann gibt es Ähnlichkeiten zwischen der Ermordung von 200 Menschen an einem einzigen Feiertag durch al-Assad und der Mentalität und den Methoden einer Terrororganisation gegenüber der Zivilbevölkerung", sagte Davutoglu. Doch die Schlussfolgerung ließ der Außenminister offen: Muss die syrische Regierung bekämpft werden wie die PKK? Soll das türkische Militär Bombenangriffe gegen Syrien fliegen, wie sie es gegen Guerillagruppen im Südosten der Türkei tut?

Ankara an der Seite Washingtons

Außenpolitische Kommentatoren, regierungsfreundliche wie kritische gleichermaßen, fragen sich seit Wochen, wohin die Reise gehen wird. "Vorbei sind die Tage, als die Regierung von Recep Tayyip Erdogan im Westen Bedenken mit Schritten auslöste, die darauf hindeuteten, sie würde die Türkei weg von ihrer traditionellen westlichen Orientierung in der Außenpolitik hin zu einer islamischen steuern", schrieb Semih Idiz, einer der wichtigen Kolumnisten, in der liberalen Tageszeitung Milliyet.

Mit einem Mal steht Ankara an der Seite Washingtons, ganz anders als im Irakkrieg 2003, als das Parlament den Einmarsch von US-Truppen durch türkisches Gebiet ins Nachbarland nicht erlaubte.

"Wenn die Türkei in einen Krieg in der Region eintritt, wird das Land geteilt", warnte der Vorsitzende der kleinen islamistischen Saadet-Partei, Mustafa Kamalak, und gab damit eine weitverbreitete Sorge wieder.

Die ewigen Zweifel am Zusammenhalt der eigenen Nation, die lange geleugnete Existenz der großen kurdischen Minderheit, so scheint es, holen die Türken nun während einer kritischen Zeit des Umbruchs in der Region ein. (Markus Bernath/DER STANDARD Printausgabe, 23.8.2012)

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im Spiegel Online kann man lesen dass die Türkei sich schon stark einbremst seit Assad die türkischen Kurden aufrüstet und nicht länger einbremst

was für ein Ding?

Ihre Lücke.

Meinen Sie etwa ihre Lücke im Kopf?

Ich meine ihre Lücke der Geschichte:

Zitat aus ihrer Quelle: ...Die Bundesregierung betont, dass sie sich wiederholt zu der historischen und moralischen Verantwortung gegenüber Namibia sowie den Nachfahren der Opfer der Auseinandersetzungen bekannt habe....

Komisch, solche Aussagen in Richtung Armenien macht die Türkei nicht.

Noch Komischer ist, das Sie dazu nichts schreiben.
Sehen sie jetzt ihre LÜCKE.

Trotzdem leugnet Deutschland den Völkermord an die Hereros mit der Begründung dass die Konvention damals nicht existierte.

und jetzt?

Armenien erkennt nicht mal die türkischen Grenzen an.

und jetzt?

Ich finde das nicht komisch. Sie etwa?

Ich sehe nur ihre große Lücke. Wahrlich ein Riesenteil...

Kurden sind keine Türken,

aber sie leben u.a. in der Türkei, weil sie keinen eigenen Staat haben.
Und noch dazu leben sie in Regionen, die -außer den Erdöl-Gebieten im Irak- ohnehin kaum etwas her geben.
Wieso gibt man diesem Volk keinen eigenen Staat?
Wem nützt das?

Vorarlberg solte zu schweiz gehören.
Kärnten zu Slowenien.
Burgenland zu Ungarn u. das problem in Österreich were gelöst .

zufrieden

und suedtirol zu oesterreich...

1. Was haben Sie gegen Slowenien?

Wieso wollen Sie denen das an tun bzw. wieso hoffen auch Sie, dass die uns das Problem Kärnten ab nehmen?
2. Vorarlberg zur Schweiz: sind Vorarlberger Schweizer?
3. Sind Burgenländer Ungarn?
4. Wozu wollten Sie eigentlich posten bzw. was hat denn Ihr Gesabbere damit zu tun, ob bzw. dass Kurden keine Türken sind?

Wenn sie so fragen:

Vorarlberger sind Allemannen und daher wohl viel eher mit den Schweizern/Süddeutschen "verbunden".

Die Alamannen oder Alemannen waren eine antike und frühmittelalterliche Bevölkerungsgruppe, die dem westgermanischen Kulturkreis zugeordnet wird.

Halten Sie die Vorarlberger wirklich für eine antike oder bestenfalls frühmittelalterliche Bevölkerungsgruppe?

Schade, dass die Kurden das nicht wissen,

dann ginge es ihnen nämlich sofort weit besser.

"Friede daheim, Friede in der Welt"

wie wahr!

entschuldigung, wo sollte

- jetzt hätt ich fast geschrieben atatürk: gott hab' ihn selig den mann, der ohne religion, wenn auch ein wenig absolutistisch, hab ich auch im jetzt bekämpften regime und anderen regimen immer als ein doch sehr in osmanischer tradition stehendes relikt gehalten, regieren wollte -

erdogan denn sonst stehen, als auf der seite der usa oder zumindest in sprechkontakt?

alles andere wäre wohl ziemlich unrealistisch.

Jahrzehntelang verfolgte die Türkei einen stillen, neutralen Kurs, war zwar in der Nato, legte sich aber mit keinem Nachbarn an - mit der einen Ausnahme von Zypern und gelegentlicher Spannungen mit Griechenland.

Was ja schon einmal 2 Nachbarn wären...
Dann kommt da auch noch ein mit Terroristen besetztes Schiff nach Israel zu schicken dazu... ok kein direkter Nachbar, trotzdem. Über die Bombardierungen der Kurden im Irak? Oder grenzt der Irak nimmer an die Türkei? Oder zählt der irak nicht als Land oder die Leute dort als Menschen?
Der indirekte Terror gegenüber Armenien... aso die zählen auch nicht.
Hauptsache die türkische Regierung wird wieder mal als das dargestellt was sie nicht ist: friedlich, neutral, anständig, demokratisch.

Die Flotillen kommen ja nicht mehr, sondern dümpeln bestenfalls in irgendwelchen griechischen Häfn herum.

Auch so können Eingeständnisse aussehen, seinerzeit ein bisschen zu vorlaut gewesen zu sein.

Die bösen Türken

1) "..Mit Terroriten besetztes Schiff..." Woher wollen sie wissen, dass das Schiff mit Terroristen besetzt gewesen ist. Vertrauen Sie auf die Aussagen der israelischen Streitkräfte, die mehrere Personen auf dem Schiff erschossen hat und das irgendwie rechtfertigen musste?!
2)"..Bombardierungen der Kurden im Irak.." Da müssen sie etwas genauer sein: Bombardiert werden die Stellungen einer terroristischen Organisation (PKK), die seit über 30 Jahren Terroranschläge in der Türkei verübt haben. Im Guerillakrieg
3) "..Indirekter Terror gegenüber Armenien.." Was soll denn das heißen? Bezeichnen sie das Abstreiten des Völkermordes während des 1. Weltkriegs als indirekten Terror?

Naja

mal abgesehen von dem Terroristenschiff das gen Israel schipperte gebe ich Ihnen recht *grins

Hoffentlich erreichen die Kurden alle ihre gewünschten Ziele, aber dafür müssen sie auch aktiv etwas tun, denn die Internationale Gemeinschaft wird wie immer hinwegsehen. Und wenn die Yankees ihre Haltung ändern - dann war es das endgültig mit der Türkei und ihrem Joch gegenüber Minderheiten, ich würde diesem Staat keine einzige Träne nachweinen. Das letzte, was wir brauchen, ist ein Neoosmanisches Reich - nein danke!

Den Kurden ihre Rechte, seit fast einem Jahrhundert geht dieses Volk durch die Hölle.

stimmt so nicht ganz:

Den von der Regierung in Konstantinopel am 10. August 1920 unterschriebenen Friedensvertrag von Sèvres, der eine weitgehende Kontrolle der Alliierten (Briten, Franzosen, Griechen, Russen, Armenier und Italiener) über einen osmanischen Reststaat festschrieb, lehnte die Große Nationalversammlung empört ab und erklärte die Unterzeichner zu Verrätern.

Im nachfolgenden türkischen Unabhängigkeits- und Befreiungskrieg kämpften die Kurden sogar an der Seite der Türken gegen die Besatzungsmächte, die bekanntlich mit deren vernichtender Niederlage, und dem Lausanner Vertrag endete. Die Geburtsstunde der Republik Türkei und des Kemalismus, dessen nationales Konzept aber leider nicht zuließ, die Kurden als ethnische Minderheit anzuerkennen.

Aha, die Yankees sind also auch am Kurdenproblem schuld. Nicht erstaunlich, of course, aber doch interessant.

Aber genau so verhält sich Erdogan zur Zeit - Sklave gegenüber der Türkei, harte Töne gegenüber seinen Nachbarn.

Er ist auf Krieg aus und die AKP muss ihn bedingungslos unterstützen (und somit die Türkei, denn die AKP glaubt ihr gehört die Türkei)

Das neue osmanische Reich ist im Entstehen und die Salafisten sind die neuen Kumpels.

Atatürk ist schon längst Geschichte, das Militär entmachtet und auf Linie der AKP.

Türken zweifeln an der Syrien-Politik ihrer Regierung. - Und haben auch manchen Grund dazu!

Davutoglus Politik der "Null Probleme" ist natürlich sehr schlicht und einfältig; sie übersieht völlig den ganz unterschiedlichen Charakter der Nachbarn, sondern tut so, als könne man mit jedem gleich gut und gleich einfach zusammenleben und zusammenarbeiten. Jeder hätte wissen können, dass das nicht so ist.

Zum anderen: Die Türkei hat eine enge Westbindung aufgegeben. Und zwar nicht für eine engere Bundung an Syrien oder dne Iran. Sondern eben dafür, dass sie heute zwischen allen Stühlen sitzt und mit keinem so richtig klarkommt.

Die türkische Außenpolitik ist ein einziges Debakel.

Und das muss angesichts der bedeutenden wirtschaftlichen, militärischen und kulturellen Macht der Türkei schon sehr beunruhigend sein.

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