Der Gott des Scheiterns

    Glosse23. August 2012, 05:30
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    Wenn es diesen Gott gibt, dann ist mein Freund Josip sein Lieblingspatient. Ehe-Trip, Kriegs-Ehe und Ehe-Krieg - von einem, der es so nicht verdient hat

    Während Jugoslawien bröselt und noch zwei, drei Sommer bis zum Krieg übrig hat, beschließt Josip nach sechs Jahren des "Miteinandergehens", Sonja endlich zu heiraten. Dabei entsteht ein Foto auf dem Standesamt in Split. Alle Beteiligten bekommen es, aber nur ich und Zambo wissen, warum die Brautleute und die Trauzeugen so grinsen.

    A day to remember!

    Damals sind wir jung und viel zu gut drauf. Vielleicht, weil der Zerfall unserer Heimat schon so deutlich stinkt wie eine saftelnde Mülltonne auf dem Markt von Split. Oder vielleicht auch nur, weil wir damals sorglose, unter 30-jährige Kiffer und Drogen-Aficionados sind. Ich bin Trauzeuge für Josip, Zambo für Sonja. Ich bringe ein handtellergroßes, zentimerterdickes Stück tiefbraunen, knetbaren Charas, den ich in Wien einer neapolitanischen Hip-Hop-Band abkaufe. Zambo, den wir so nennen, weil er seine frühe Kindheit in Zambia verbringt, reist aus Belgrad an und bringt vier kleine Kugeln aus Gelatine als Geschenk mit. Wir müssen ihm glauben, dass es bestes LSD ist, weil sein Cousin es immer bei seinem ehemaligen Schulfreund, der krimineller Chemiker geworden ist, kauft.

    Wir arbeiten einen exakten Drogenfahrplan aus: Alkohol, LSD, Charas, Aspirin und am Ende Rohypnol mit Alkohol. Die Brautleute und wir Zeugen wollen diesen großen Tag im Leben zweier Menschen bewusst zu einem opulenten Drogentrip mit Trauung machen, und wahrscheinlich gelingt uns das auch. Zumindest können wir uns bis heute an nichts Gegenteiliges erinnern. Oder an sonst viel. Außer an den Augenblick, als der Fotograf das Foto schießt. Es ist genau der Moment, in dem die Brautleute und wir Zeugen bemerken, dass Zambos Gelatinekugeln schneller wirken als geplant. Und heftiger. Jedenfalls beginnt für Josip an diesem Tag in Split ein Ehe-Trip, der ihn nach Neuseeland, Australien und in die Twighlight Zone bringt.

    Ende eines Trips

    Als Josip fast unbeschädigt aus dem Krieg kommt und für Sonja die langen, unguten Nächte einer Kriegs-Ehe vorbei sind, ist Split eine hoffnungslose Spielwiese der Kriegsgewinnler, wie auch der Rest Kroatiens. Wie in Dalmatien in Notzeiten traditionell üblich beschließt man, nach Neuseeland auszuwandern.

    Im Jahr sechs in der Fremde, zehn Jahre nach dem Jawort auf LSD, endet eines Morgens vor Sonnenaufgang Josips erster Ehe-Trip. Sonja rüttelt ihn wach, sagt, bevor Josip noch fragen kann: "Nein, es ist noch nicht Montag! Und nein, du musst nicht in die Möbelfabrik zu deinen Maori-Kumpeln! Ich will die Scheidung!" Im Rückblick findet Josip Gründe und Anzeichen für ein Scheitern der Ehe. Am Ende schlägt er sich aber doch auf die Stirn. Weil er es nicht früher merkt, weil die Jahre des Ehe-Kriegs nun verlorene Jahre sind. Und am meisten peinigend die simple Frage: Wieso merkt er es nicht früher?

    Rostige Liebe

    Josip ist in seiner Post-Ehe-Phase in Hochform. Er trinkt nur am Wochenende, andere Drogen sind gestrichen, Boxen und Tai-Chi angesagt. Josip sieht aus wie ein verjüngter griechischer Gott, der in Sutivan auf Urlaub weilt.

    Hier begegnet er Silvana, seiner alten Liebe aus der Postpubertät. Weil Silvana von ihrer Ehe mit einem Brillenträger aus Paris müde ist, fickt man um der alten Zeiten willen. Und Josip nimmt Silvana kurzentschlossen nach Neuseeland mit. Den Flug und alles, was Silvana für drei Monate Entscheidungsfindung über einen Neuanfang mit einem migrantischen Fabrikarbeiter so braucht, bezahlt Josip und zeigt Silvana inzwischen die gesamte Nordinsel. Danach entscheidet sich Silvana doch für den Brillenträger in Paris. Josip zahlt den Flug.

    Die braune Göttin

    Rinku ist wie eine indische Göttin, die in Auckland lebt, bloß mit nur zwei Armen und Beinen. Und diese zarten, braunen Arme massieren Josip mit orientalischer Expertise, die Beine umschlingen ihn beim tantrischen Ficken. Und all das, weil Rinku Josip liebt. Und Josip Rinku.

    Der Haken ist einfach und heftig: Rinku ist auf der Flucht vor ihrer Zwangehe, und diese Telenovela um die braune Prinzessin und den weißen Hackler spielt im Milieu der obersten Kasten Indiens. In Rinkus Kreisen ermordet man die Davongelaufene nicht sofort. Man versucht sie erst zurückzuholen. So wird Rinku immer wieder wegen kranker Tanten und Familienfesten zur Einflüsterung nach Indien gelockt, bekommt eine befreundete Familie in Auckland als Aufpasser und Einflüsterer und landet schließlich, ein letztes Mal nach Indien gelockt, in einer psychiatrischen Anstalt. Danach hört Josip nur, dass die schöne Rinku ihre Ehe weiterzuführen wünscht. Auf Prozac.

    Die Zeit der Träume

    So nennen die Ureinwohner Australiens das Hier und Jetzt. Josip träumt von einem Neuanfang in Australien, ist aber technisch noch immer nicht von Sonja geschieden, weil am Standesamt von Split irgendwas "hängt". Doch das ist ihm egal, weil er im Augenblick mit etwas viel Wichtigerem beschäftigt ist. Josip gründet eine Familie in Australien.

    Weil die miterlebte Eherettung auf Indisch ihn redlich zerrüttet, beschließt Josip, nach Brisbane in Australien auszuwandern. Als neuseeländischer Staatsbürger bekommt er sofort alle Papiere und entspannt sich anschließend in Thailand. Dabei mietet er genau dieselbe Prostituierte wie drei Jahre zuvor. Und die hat nun ein Kind. Ein blondes, zwei Jahre altes Mädchen.

    Obwohl ich es versuche, gelingt es mir nicht, Josip klarzumachen, dass Sextouristen wie er diesen Betrug, dessen zynischster Baustein ein wahrscheinlich gemietetes Kleinkind ist, verursachen und aufrechterhalten. Josip ist beratungsresistent und will nicht wissen, dass er dabei ist, einem Betrug aufzulaufen. Die Prostituierte überzeugt ihn, das blonde Kind sei seines, entstanden am Strand von Thailand, in einer Mondnacht wie dieser, vor drei Jahren. Also rettet Josip (s)ein Kind und dessen Mutter vor einem Leben im Elend. Nachdem Josip die Prostituierte heiratet, sie alle Papiere bekommt und Josips Konto leer ist, verlässt sie ihn. Das Schicksal des kleinen Mädchens kann nur geahnt werden. Dass sie keineswegs gerettet ist, scheint sicher.

    Nach dem Trip

    Josip ist nun ein Bigamist in Australien und völlig pleite. Sein Vater liegt in Sutivan im Sterben, aber Josip hat kein Geld für die Reise nach Europa. Sonja lebt wieder in Split und investiert ihre Erbschaft in Kokain und die kleine BDSM-Szene der Stadt. Zambo lebt in New York und ist dort als Musiker erfolgreich. Ich schreibe einen Roman und eine Kolumne für daStandard.at. Und vielleicht ist mein Freund Josip, so denke ich manchmal, selbst der Gott des Scheiterns. (Bogumil Balkansky, daStandard.at, 23.8.2012)

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      Dabei entsteht ein Foto auf dem Standesamt in Split. Alle Beteiligten bekommen es, aber nur ich und Zambo wissen, warum die Brautleute und die Trauzeugen so grinsen.

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