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Nikolaus Habjan mit der "Fly Ganymed"-Puppe: Ein Bub ist von Afghanistan nach Österreich unterwegs und wird von den Erinnerungen an seinen Großvater (per Video: Joachim Bißmeier) begleitet. Uraufführung am 6. 9. im Theseustempel.
Im Gespräch erfuhr Margarete Affenzeller, warum z. B. ein Puppengesicht asymmetrisch sein sollte.
Was Puppentheater anbelangt, ist Österreich weit hinten. Das liegt auch daran, dass es in Österreich keine adäquate Ausbildung gibt, meint Nikolaus Habjan. Gemeinsam mit Simon Meusburger ist der Absolvent der Musikuni (Musiktheaterregie) derzeit am Wiener Schuberttheater dabei, eine Bühne mit Schwerpunkt Puppentheater aufzubauen. Von der Kunst des 25-Jährigen, der sein Handwerk beim australischen Star-Puppenspieler Neville Tranter erlernt hat, lassen sich auch Schauspielbühnen helfen.
Habjan hat nicht nur mit seinem Spiegelgrund-Stück F. Zawrel Furore gemacht; er hat auch am Burgtheater im Stück Fool of Love Shakespeare himself verkörpert. Ab 6. September spielt er in einem neuen Stück von Paulus Hochgatterer den Part eines Kindes: Fly Ganymed erzählt von einem Buben auf einer langen Reise von Afghanistan nach Österreich. Das Stück entstand anknüpfend an das Projekt Ganymed Boarding der Gruppe "wenn es soweit ist" im Kunsthistorischen Museum. Spielstätte ist der Theseustempel.
STANDARD: Warum sollte der Bub von einer Puppe gespielt werden?
Habjan: Durch die Stilisierung hat der Zuschauer nie das Gefühl, dass hier ein Schauspieler etwas vorspielt. Wenn man sich einmal auf die Realität der Puppe eingelassen hat, dann fällt es einem sehr leicht, alles zu glauben, was ihr passiert. Also wenn die Puppe eine Watschn kriegt, dann ist das nicht eine gespielte, sondern man glaubt sie. Ich denke, Puppen sind eines der besten Mittel, um etwas glaubhaft darzustellen.
STANDARD: Was ist denn jetzt der Unterschied zwischen Puppen- und Figurentheater?
Habjan: Für mich ist da kein großer Unterschied. Aber man bevorzugt Figurentheater, weil Puppen oft mit etwas Kindlichem verbunden werden.
STANDARD: Man sagt, jede Puppe spielt die Schauspieler an die Wand. Stimmt das wirklich und wenn ja, warum?
Habjan: Nicht jede Puppe tut das. Einerseits ist das eine Fokussache: Der Puppenspieler lenkt die Aufmerksamkeit ständig auf die Puppe. Ein Schauspieler muss das von allein können. Puppen haben auch deshalb enorme Wirkung, weil sie als perfekte Projektionsfläche funktionieren. Ich spiele 70 Prozent, aber 30 Prozent interpretiert der Zuschauer hinein. Beim Schauspieler weiß man, der spielt etwas. Die Puppe hingegen, da sieht man das, was man gerade für richtig empfindet. Die Puppe ist immer am Punkt.
STANDARD: Warum verwenden Sie Klappmaulpuppen?
Habjan: Weil sie nach einem sehr einfachen Prinzip funktionieren. Es gibt nur das Klappmaul mit dem Kopf. Meine Hand steckt im Kopf, das heißt, ich bespiele die Puppe direkt. Dadurch habe ich die allergrößte Freiheit. Etwa im Vergleich zur Marionette, die sich durch die Fäden nur bedingt führen lässt. Meist baue ich den Puppen auch keine Beine, sondern ich leihe ihnen meine. Dadurch wird alles zu einer Ganzkörperpuppe.
STANDARD: Wie gehen Sie beim Bauen einer Puppe vor?
Habjan: Zunächst verwende ich Materialien, die zur Puppe passen. Bei Fly Ganymed ist es eine Puppe aus Frottee, sie sollte weich sein, aber doch auch ein wenig abgegriffen. Den Doktor Gross aus dem Spiegelgrund-Stück habe ich aus einer lufttrocknenden Modelliermasse gemacht. Wichtig ist, dass das Gesicht einer Puppe immer asymmetrisch sein muss.
STANDARD: Warum?
Habjan: Zum Beispiel bei der Shakespeare-Puppe, die immerhin das ganze Burgtheater bespielen musste: Da wird es durch die asymmetrischen Augen möglich, Gesichtsausdrücke zu verändern, allein dadurch, dass der Mund sich ein wenig öffnet, oder durch die Blickrichtung. Ein Trick ist, wenn eine Puppe etwa 45 Grad nach unten blickt, dann denkt sie über sich nach. Wenn sie den Kopf hebt und in die Ränge schaut, gerade beim Burgtheater ging das gut, dann wirkt sie erhaben.
STANDARD: Hat sich durch die große Aufmerksamkeit für das Schubert theater etwas geändert?
Habjan: Es wird schwierig, an den Erfolg des Spiegelgrund-Stücks anzuknüpfen, aber wir haben viele neue Projekte in Planung.
STANDARD: Welche?
Habjan: Konkret arbeiten wir an einer Fassung von Macbeth mit Puppen. Wir möchten damit auch auf Tour gehen und eine englische Fassung machen. Durch die schwierige budgetäre Lage - leider wurden unsere Stück- und Jahresförderanträge abgelehnt - sind wir auch gezwungen, ins Ausland zu gehen. Und es lohnt sich wirklich: Drei Tage auf Tour im Ausland - und wir haben für einen Monat die Strom- und anderen Fixkosten her innen!
STANDARD: Die internationale Anbindung ist Ihnen bereits gelungen.
Habjan: Ja, vor allem die Schweiz liebt unsere Stücke. Ich hatte heuer sogar ein eigenes Festival im Theater Ticino am Zürichsee, das hieß tatsächlich Nikolaus-Habjan-Festival. Es hat neun Tage lang gedauert. Ich dachte, es sei ein Scherz, bis ich dann die Flyer gesehen habe. Auch in Baden im Aargau haben wir beim Figura-Festival teilgenommen.
STANDARD: Das Schuberttheater ist programmatisch derzeit noch wild gemischt. Nicht ganz ideal, oder?
Habjan: Ja, leider, aber wir brauchen die Gastspiele zum Überleben. Auf längere Frist soll das Schuberttheater aber ein reines Puppentheater werden. Wir möchten in diese Exklusivstellung investieren.
STANDARD: Auch das Kabinetttheater hat Puppentheater.
Habjan: Unbedingt! Aber Julia Reichert, die Leiterin, hat mit den Minidramen eine ganz eigene Form gefunden. Auch von den Stücken her, dem ganz speziellen literarischen Fokus, deckt ihr Programm eine ganz andere Richtung ab.
STANDARD: Sie sind wohl immer auf der Suche nach neuen Gesichtern?
Habjan: Ja, hier in Wien gibt es tolle Gesichter, und ich habe unterwegs auch immer einen kleinen Spiralblock dabei. (Margarete Affenzeller, DER STANDARD, 23.8.2012)
Nikolaus Habjan wurde 1987 in Graz geboren. Er hat Musiktheaterregie studiert, ist Kunstpfeifer, vor allem aber Puppenspieler. Seit 2008 leitet er mit Simon Meusburger das Wiener Schuberttheater, wo Stücke zu Michael Jackson ("Becoming Peter Pan") oder den Spiegelgrund-Kindern ("F. Zawrel") entstanden.
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"Es fällt leicht, einer Puppe alles zu glauben" - thanks for the info, aber das ist bekannt, denn unser gesamtes politisches system fusst auf dieser annahme, und die tatsache, daß noch immer genügend menschen irgendwelchen konzernsprechpüppchen ihre stimme geben bestätigt diese aussage.
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