Ein pompöser Filmzufall

Bert Rebhandl
22. August 2012, 17:01
  • Anthony Hopkins und eine Zufallsbekanntschaft.
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    Anthony Hopkins und eine Zufallsbekanntschaft.

  • Moritz Bleibtreu und Jude Law in "360".
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    Moritz Bleibtreu und Jude Law in "360".

Der brasilianische Regisseur Fernando Meirelles und seine Schnitzler-Variation "360"

Wien - In Schnitzlers "Reigen" kommt bekanntlich jeder zweimal dran. Die nagende Verunsicherung, die von dem Stück ausgeht, liegt eben gerade darin, dass man im Moment der Intimität möglicherweise gar nicht gemeint ist. In der Liebe und beim Sex geht es nicht zuletzt um Stellvertretung. Gesucht wird immer (auch) etwas oder jemand anderes. Regisseur Fernando Meirelles hat nun mit seinem Film "360" eine freie Variation des "Reigens" geschaffen.

Einmal im Kreis bedeutet hier eine Weltreise, die von Wien ausgeht und nach Wien zurückführt. Was bei Schnitzler noch die Dirne war, ist nun eine Escort-Dame, die aus Bratislava anreist und dabei ihre Schwester (ein süßes Mädel oder doch eher ein Stubenmädchen auf Ausgang?) mitnimmt, die im Park sitzt und liest, während Mirka zu ihren Verabredungen geht. Ein Geschäftsmann (Jude Law) lässt ein Treffen sausen, da er Kollegen trifft, und nebenbei besinnt er sich auch noch seiner Liebe zu der Ehefrau in London.

Diese beendet gerade eine Affäre mit einem, dessen Freundin ihrerseits schon Schluss gemacht hat und nun nach Brasilien fliegt, allerdings via Denver, wo sie auf einen resozialisierten Triebtäter und auf einen alten Mann (Anthony Hopkins) trifft, als ein Schneesturm eine kurze Zufallsgemeinschaft schafft.

Jede der Episoden in "360" scheint die vorangegangene an Abgeschmacktheit dabei noch übertreffen zu wollen. Meirelles und sein Drehbuchautor Peter Morgan interessieren sich nicht einfach für die Wechselfälle der Liebe, sie streben im Grunde nach einem Weltpanorama, in dem jede Kleinigkeit mit Tonnen von Bedeutung aufgeladen ist: In Paris hadert ein muslimischer Mann mit seiner Leidenschaft für eine verheiratete Frau aus Russland; in Wien wartet ein Fahrer auf seinen launischen Boss (auch aus Russland). Die Idee, den "Reigen" zu globalisieren, führt zu einer schweren Themenverfehlung: Woran die Liebe hier bricht, ist nicht mehr die bürgerliche Kultur mit ihren Hemmnissen und Heucheleien, sondern ein "clash of cultures" oder die Unerreichbarkeit des Anderen als solche.

Im einschlägigen Segment der Festivalkunstschinken gibt es mit schöner Regelmäßigkeit solche Verhebungen (siehe auch: "Babel" von Alejandro González Iñárritu), in denen Stars aus allen Himmelsrichtungen ohne Überlegung aufeinander losgelassen werden und der Zufall mit viel ästhetischem Pomp beschworen wird. Meirelles lässt keinen optischen Effekt, kein kleines Montagekunststück, keine bewährte Starmarotte aus. Er verliert sich in Details und vergisst dabei auf das entscheidende Moment einer solchen Geschichte: Struktur. "360" ist, wenn es das denn geben könnte, ein amorpher Reigen, der nur mit größter Mühe die vielen Kurven kriegt, in die sich hier das Schicksal legt. (Bert Rebhandl, DER STANDARD, 23.8.2012)

Ab Freitag im Kino

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Genre?

Frueher nannte man dieses Genre abfaellig Euro-Pudding. Man nahm einen namhaften schlechten Regisseur, ein uebles zusammengeschustertes Drehbuch mit staendigen Einfluesterungen des grossmaechtigen Euro-Produzenten, und aus jedem angestrebtem Zielmarkt eine Szene und einen wichtigen Star.
Seit einigen Jahren kommt den Europudding nur mehr aus dem Osten, wohl um um westliche Zuseher zu ringen, und es lebt der Weltpudding. James Bond ist die noch bessere Variante.
Meirelles zeigt wieder einmal seinen Sinn fuer den schechten Geschmack. Als naechtes kommt wohl ein Coelho.

Diese Kritik ist eine Beleidigung der Filmkunst

Diese Kritik ist so unglaublich undifferenziert, daß sie als wütender Leserbrief in der Krone gedruckt werden könnte. Warum sollte sich jemand die Zeit nehmen eine Rezension eines Redakteurs zu lesen, der das selbst geschaffene Subgenre des 'Kunstschinkens' nicht leiden kann? Ich würde mir auch nie anmaßen eine Kritik über ein Death Metal Konzert zu schreiben, weil ich mit dieser Musikrichtung einfach nichts anfangen kann, und daher auch nicht imstande bin, zwischen künstlerisch hoch- und minderwertiger Darbietung zu unterscheiden. Babel ist - vorausgesetzt man läßt sich darauf ein - ein wunderschönes Werk. Seine Kraft liegt in den starken atmosphärischen Eindrücken und der locker verwobenen Erzählstruktur.

ich hab mir in der sneak letzte Woche zuerst gedacht, dass jetzt eine Kinoversion vom Kaisermühlenblues kommt :-)

einspielergebniss USA ein monat 60tds US$!!!!!

noch fragen........
da ist es ganz egal ob schnitzler oder nicht
flop bleibt flop

Sind für Sie die Einspielergebnisse in den USA eine Orientierung zur Qualitätsbewertung?????????????

Verhebungen?

"Babel"von Innaritu ist vieleicht nicht der "Stalker", aber auf jeden Fall ein sehr sehenswerter Film.

Der ORF hat den Film mit einem finanzuiellen Beitrag ermöglicht - und das Publikum ziemlich deutlich reagierte

Ich hab das gut und schön gefunden - Schnitzler hin oder her - es ist einfach gute Unterhaltung mit dem Tiefgang, der im Kino möglich ist! Lustig fand ich aber, bei der Premiere im Volkstheater, dass der erste Credit lÄutete: Der ORF hat den Film mit einem finanzuiellen Beitrag ermöglicht - und das Publikum ziemlich deutlich reagierte - Eitelkeit kommt vor dem Fall!

Ein netter Film

War das erste was mir beim Abspann eingefallen ist.

Und selten haben diese Worte so genau gepasst. Und mehr ist auch nicht dazu sagen.

Themenverfehlung, wenn man es als Reigen der Globalisierung ansieht... was aber, wenn man das nicht so sieht und sich von dieser angeblichen Reigen-Nähe loslöst?
guter Film?

Vielen Dank...

...für die Verwendung des schönen Wortes "Abgeschmacktheit"! :-)

Jetzt müsste nur noch geklärt werden, was darunter zu verstehen ist.

Oder warum und wann etwas abgeschmackt ist.
Denn das kann ja nur eine höchstpersönliche Auffassung sein - dann ergibt sich die Frage, inwieweit Höchstpersönliches für die Allgemeinheit interessant oder normativ sein soll.
Was dem einen abgeschmackt (etwa die hundertste Nacktszene in einem Film), muss es für andere nicht sein (weil sie noch nicht hunderte Nacktszenen gesehen haben). Ähnliche Debatten gibt es regelmäßig in der Popmusik. Da heißt es dann: "Kennt man schon, hat man schon gehört, das haben die XXX schon vor 30 Jahren gemacht." Schön, aber warum soll das Leute kratzen, die vor 30 Jahren noch gar nicht da waren, um Musik zu hören, sondern das eben erst jetzt tun, weshalb es für sie Neuigkeitswert hat...

haben sie noch nie eine kritik gelesen?

Natürlich nicht, auch mein Posting

wurde geschrieben, ohne diese oder eine andere Kritik jemals gelesen zu haben.

eine Rezension

ist stets per se rein subjektiv, was erwarten Sie?

Subjektivität war/ist nicht das Thema, wurde von mir nicht angesprochen und daher auch nicht kritisiert.
Allerdings müssen in Rezensionen getroffene Bewertungen intersubjektiv nachvollziehbar sein. "Abgeschmackt" ist das nicht, solange der Rezensent nicht klarstellt, was er damit meint.

tolles drehbuch, grossartige regie,
schauspielerische höchstleistungen,
selten eine so überheblich hingepatzte rezension gelesen
am besten selber ansehen und eigene meinung bilden

Zwei wertfreie Fragen (interessiert mich):
Haben Sie Schnitzlets Reigeb gelesen oder mal in einer guten Theateraufführung gesehen?
Wenn ja: hat es Ihnen gefallen?

Schnitzlers Reigen

... ist bekanntlich ein Meisterwerk.

Morgans/Meirelles' 360 ist ein netter Episodenfilm, der mich gut unterhalten hat, gut gespielt vor allem.
Morgan hat sich vom Reigen inspirieren lassen (er hat es eine _Verneigung_ vor Schnitzler genannt). Der Film hat mit dem Stück natürlich nichts zu tun. Von einer Schnitzler-Verbesserung kann weder im Anspruch, noch in der Ausführung auch nur irgend die Rede sein.
Warum aber dem Film etwas vorwerfen, was er gar nicht versucht?

wobei der regisseur im interview gesagt hat, dass der film eben kein reigen-remake ist, sondern der reigen ihn lediglich inspiriert hätte.

Finde ich noch schlimmer. Was maßt sich jemand an, Schnitzer zu "verbessern"? Ein wenig mehr Respekt vor dem Werk eines großen Künstlers bitte!

wär ja nicht das erste mal dass meirelles sich einer literarischen vorlage bedient, um sich in weiterer folge von dieser durchaus bewusst zu lösen und sie mehr als korrespondenzfäche zu behandeln als ihr eine punktgenaue filmische entsprechung zu gegenüber zu stellen. war bei "der ewige gärtner" offenbar nicht wirklich anders. vielleicht verläuft man sich bei ihm tendenziell bei einem allzu direkten vergleich mit der zu grunde liegenden literatur...

...sag ich mal so grundsätzlich (gleichermaßen wertfrei..). diesen film hab ich bisher allerdings noch nicht gesehen...

wer sprach von "verbessern"?
wir künstlerInnen werden ständig von allem möglich inspiriert. entscheidet in zukunft susanne b. darüber, vno wem wir uns wie inspirieren lassen dürfen?

guteste, sie befinden sich auf einem holzweg, dünkt mir ;-)

Was hat "inspirieren" mit "verbessern" zu tun?

kleiner tipp:mal im duden oder einem anderen wörterbuch nachschlagen...

"sich von etwas inspirieren lassen" hat eine ganz andere bedeutung als "etwas verbesseren"

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