Nach der Party: Was vom Frequency-Festival übrig bleibt

Reportage22. August 2012, 18:27
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160.000 Festival-Besucher ließen rund 250 Tonnen Müll zurück. Das Gelände gleicht einem Schlachtfeld, die Traisen ist verschmutzt. Ein Lokalaugenschein

St. Pölten - Der Gestank, der in der schwülen Luft hängt, ist fast nicht auszuhalten. Abgestandenes Bier, Urin, Kot, Plastik, vergammelte Wurst und schimmliges Brot - welcher Duft die olfaktorische Wahrnehmung beherrscht, lässt sich beim besten Willen nicht ausmachen.

Das Frequency-Festival 2012 in St. Pölten ist seit Sonntag frühmorgens Geschichte. Die laut Veranstalter 160.000 Festivalbesucher und Camper sind längst abgereist. Was zurückgeblieben ist, sind die Gerüche - und rund 250 Tonnen Müll. Die Mülltrupps kämpfen sich wacker voran. Doch was sich da bei einem Lokalaugenschein am Dienstagnachmittag noch finden lässt, übertrifft die verrücktesten Erwartungen.

Müsste man die zerdrückten Bierdosen auf dem ehemaligen Campingareal und im Fluss Traisen zählen, man käme wohl auf eine Million. Dazu Campingstühle, Zelte, Polster und Kinderplantschbecken. Zerstörte Glas- und PET-Flaschen, Zeltstangen, CD-Player, Essensreste und allerhand von Marketingfirmen ausgeteiltes Zeugs wie Plastikhände oder Kondome.

Müllberge links und rechts

Peter Leder aus Wilhelmsburg bei St. Pölten kennt dieses Bild des Grauens schon aus den vergangenen Jahren. Mit seinem Rad bleibt er inmitten der Müllberge links und rechts des Fahrradweges entlang der Traisen stehen. "Die Verschmutzung ist schon ein Wahnsinn", sagt er dem Standard. "Dabei haben die Veranstalter gesagt, dass sie diesmal Müllsheriffs einsetzen wollen." Heuer, sagt er, sind die Reinigungstrupps flotter unterwegs als in den vergangenen Jahren. "2011 war's nach 14 Tagen relativ sauber." Als Aufräumer der beauftragten Firma Neo Clean sind in St. Pölten übrigens großteils Ausländer beschäftigt.

Die Hinterlassenschaft der Camper regt auch Frau Blauen steiner auf. "Der Gestank ist bis in meinen Garten hinein zu riechen", sagt die Anrainerin, die ihren Vornamen nicht in der Zeitung lesen will. Ihr Blick schweift zur Traisen, wo in einer braunen Brühe nahe eines Holzdamms ein Campingsessel, Bierdosen, ein Polster, PET-Flaschen, Duschgel, Haarshampoo und Flipflops neben Fischen schwimmen. Und das, obwohl Veranstalter Musicnet Säcke und zahlreiche Müllcontainer für die Festival-Camper zur Verfügung gestellt hat. "Es ist traurig, wie der Fluss und die Wiesen verschmutzt wurden. Einen in der Traisen gefangenen Fisch werde ich sicher nicht essen."

Auflagen laut Behörden erfüllt

Auch Frau Blauensteiner kann über das Engagement der Reinigungskräfte nichts Negatives berichten. Der ganze Dreck wird freilich nicht entdeckt. "Nach dem vergangenen Festival hab' ich ein halbes Jahr später einen Schlafsack unter Bäumen gefunden. Bevor das Festival hierher gekommen ist, habe ich im Grünen gewohnt. Das trau ich mich jetzt nicht mehr zu sagen."

Die Stadt würde auch im nächsten Jahr das Frequency gerne in St. Pölten sehen. "Das ist ein Image- und Wirtschaftsfaktor, der nicht zu unterschätzen ist", sagt Martin Koutny, der Leiter des Medienservice St. Pölten. Umweltbedenken wegen des Mülls gebe es. "Seitens der Behörden sind aber alle Auflagen erfüllt."

Ölsperre unterhalb der Traisen

Musicnet-Geschäftsführer Harry Jenner ist mit dem heißen Frequency 2012 "wirtschaftlich sehr zufrieden". In St. Pölten schaut es derzeit aus "wie nach jedem anderen Festival weltweit auch". Zehn Tage haben die Putztrupps laut Vertrag Zeit, den Müll einzusammeln, bis zu 100 Personen sind damit beschäftigt. Eine Ölsperre unterhalb der Traisen wurde errichtet, um die Verunreinigung abzusaugen, eigene Neopren-Taucher werden noch im Fluss nach Müll fischen. "Dann ist alles zu 99 Prozent wieder sauber."

Noch lohnt sich aber der Besuch in dem Areal, in dem ein Teil der 160.000 Besucher Tonnen an Müll in die Wiesen und in den Fluss geschmissen und vier Tage lang freiwillig selbst im Gestank gelebt hat. Diese Freilichtausstellung in St. Pölten ist noch knapp eine Woche zu besuchen. (David Krutzler, DER STANDARD, 22.8.2012)

  • An der Traisen sammelt sich rund um eine braune Brühe allerhand Müll. Auf den Wiesen sieht es nicht besser aus.
    foto: david krutzler

    An der Traisen sammelt sich rund um eine braune Brühe allerhand Müll. Auf den Wiesen sieht es nicht besser aus.

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