Demograf Lutz: Ergebnis der PISA-Studie "eine Zeitbombe"

Derzeitige Geburtenrate "richtig", wenn man in Bildung der Jungen investiert

Wien - Demografische Entwicklungen wie Migration, schrumpfende Erwerbsbevölkerung und alternde Gesellschaft werden Auswirkungen auf das "Humankapital" und damit auf Wirtschaft und Innovationssysteme der Zukunft haben. Dabei alleine auf die Bevölkerungszahl zu schauen, greift aber zu kurz: "Es kommt nicht nur auf die Zahl der Köpfe an, sondern auch darauf, was in den Köpfen drinnen ist", sagte der Wiener Demograf Wolfgang Lutz im Gespräch mit der APA. Beim derzeit laufenden Europäischen Forum Alpbach wird Lutz beim Universitätenforum am Mittwoch und bei einem Arbeitskreis der Technologiegespräche am Freitag zu dem Thema sprechen.

Die vermeintliche Bedrohung durch die Überalterung der Bevölkerung sehe ganz anders aus und entpuppe sich als Chance, wenn man die Dimension Humanressourcen mit betrachte: "Empirische Studien zeigen, dass besser gebildete Menschen in der Regel bis ins hohe Alter gesünder und aktiver sind, freiwillig später in Pension gehen und in vieler Hinsicht mehr für die wirtschaftliche Leistung eines Landes, die Volksgesundheit und für das soziale Leben im Land beitragen", sagte Lutz, der unter anderem das Weltbevölkerungs-Programm am Internationalen Institut für angewandte Systemanalyse (IIASA) in Laxenburg bei Wien leitet und Direktor des Instituts für Demografie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) ist.

Basisbildung der Gesamtbevölkerung

Für entscheidend hält Lutz vor allem die Basisbildung der Gesamtbevölkerung. "Was mir für die Zukunft Österreichs am meisten Sorgen macht, ist nicht die Überalterung, sondern das Ergebnis der PISA-Studie, wonach ein Drittel der jungen Männer nicht sinnerfassend lesen kann." Das sei eine "Zeitbombe in doppelter Hinsicht". Denn diese jungen Menschen seien nicht nur weniger leistungsfähig, sondern würden später auch mehr Hilfe brauchen, etwa als Kandidaten für Arbeitslosenunterstützung und Sozialhilfe.

Allen, die höhere Geburtenraten verlangen, sagt Lutz: "Wie können wir zu wenige Kinder haben, wenn wir ein Drittel der Kinder, die hier sind, nicht dazu befähigen, zumindest einen einfachen Satz lesen zu können?" Lutz konnte bereits in mehreren in renommierten Fachzeitschriften publizierten Studien zeigen, dass die Bildung der breiten Masse langfristig zum Ausstieg aus der Armut bzw. in besser entwickelten Ländern zur Festigung des Wohlstands und der internationalen Wettbewerbsfähigkeit führt.

"Geburtenrate richtig"

Lutz sieht auch ein Umdenken bei der Bedeutung der Geburtenrate. Lange sei man davon ausgegangen, dass zwei Kinder als optimal gelten, weil sich eine Bevölkerung damit reproduziere. "Unsere Simulationen zeigen aber, dass die derzeitige Geburtenrate in Österreich (2011: 1,43 Kinder pro Frau, Anm.) in etwa richtig ist, wenn man entsprechend mehr in die junge Bevölkerung investiert", sagte der Demograf. Höhere Pro-Kopf-Investitionen würden die geringere Zahl an Arbeitskräften überkompensieren, da die Menschen dann umso leistungsfähiger und motivierter seien und länger arbeiten würden. Zusätzlich kommen auch durch Migration noch mehr junge Menschen hinzu.

Ein vom Forschungsrat organisierter Arbeitskreis widmet sich am Freitag im Rahmen der Alpbacher Technologiegespräche dem Thema "Demografie und Humankapital als Chance für Innovation". Der Zusammenhang zwischen Demografie, vor allem "Humankapital", und Innovation ist laut Lutz eine alte Streitfrage in der Wissenschaft. Solange man nur die Bevölkerungszahl betrachte, könne sowohl starkes Wachstum als auch eine geringe Bevölkerung förderlich für Innovation sein, entscheidend seien eher die Rahmenbedingungen.

Auch hier würden "Humanressourcen" entscheidend sein; es gebe eine starke Korrelation zwischen Bildung, speziell Hochschulbildung, und Innovation. Dass auch die Altersstruktur der Gesellschaft innovationshemmend sein könnte, weil Menschen eher Denkmuster, Verhaltensweisen und Technologie benützten, die sie als Junge gelernt haben, hält Lutz nur für bedingt richtig. "Viele empirische Studien zeigen, dass in Unternehmen am effizientesten gearbeitet wird, wenn die Mitarbeiter eine gute altersmäßige Durchmischung aufweisen", so der Experte, der zudem darauf verweist, dass höher Gebildete auch im höheren Alter noch lernfähig seien. (APA, 22.8.2012)

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