Demograf Lutz: Ergebnis der PISA-Studie "eine Zeitbombe"

22. August 2012, 11:46

Derzeitige Geburtenrate "richtig", wenn man in Bildung der Jungen investiert

Wien - Demografische Entwicklungen wie Migration, schrumpfende Erwerbsbevölkerung und alternde Gesellschaft werden Auswirkungen auf das "Humankapital" und damit auf Wirtschaft und Innovationssysteme der Zukunft haben. Dabei alleine auf die Bevölkerungszahl zu schauen, greift aber zu kurz: "Es kommt nicht nur auf die Zahl der Köpfe an, sondern auch darauf, was in den Köpfen drinnen ist", sagte der Wiener Demograf Wolfgang Lutz im Gespräch mit der APA. Beim derzeit laufenden Europäischen Forum Alpbach wird Lutz beim Universitätenforum am Mittwoch und bei einem Arbeitskreis der Technologiegespräche am Freitag zu dem Thema sprechen.

Die vermeintliche Bedrohung durch die Überalterung der Bevölkerung sehe ganz anders aus und entpuppe sich als Chance, wenn man die Dimension Humanressourcen mit betrachte: "Empirische Studien zeigen, dass besser gebildete Menschen in der Regel bis ins hohe Alter gesünder und aktiver sind, freiwillig später in Pension gehen und in vieler Hinsicht mehr für die wirtschaftliche Leistung eines Landes, die Volksgesundheit und für das soziale Leben im Land beitragen", sagte Lutz, der unter anderem das Weltbevölkerungs-Programm am Internationalen Institut für angewandte Systemanalyse (IIASA) in Laxenburg bei Wien leitet und Direktor des Instituts für Demografie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) ist.

Basisbildung der Gesamtbevölkerung

Für entscheidend hält Lutz vor allem die Basisbildung der Gesamtbevölkerung. "Was mir für die Zukunft Österreichs am meisten Sorgen macht, ist nicht die Überalterung, sondern das Ergebnis der PISA-Studie, wonach ein Drittel der jungen Männer nicht sinnerfassend lesen kann." Das sei eine "Zeitbombe in doppelter Hinsicht". Denn diese jungen Menschen seien nicht nur weniger leistungsfähig, sondern würden später auch mehr Hilfe brauchen, etwa als Kandidaten für Arbeitslosenunterstützung und Sozialhilfe.

Allen, die höhere Geburtenraten verlangen, sagt Lutz: "Wie können wir zu wenige Kinder haben, wenn wir ein Drittel der Kinder, die hier sind, nicht dazu befähigen, zumindest einen einfachen Satz lesen zu können?" Lutz konnte bereits in mehreren in renommierten Fachzeitschriften publizierten Studien zeigen, dass die Bildung der breiten Masse langfristig zum Ausstieg aus der Armut bzw. in besser entwickelten Ländern zur Festigung des Wohlstands und der internationalen Wettbewerbsfähigkeit führt.

"Geburtenrate richtig"

Lutz sieht auch ein Umdenken bei der Bedeutung der Geburtenrate. Lange sei man davon ausgegangen, dass zwei Kinder als optimal gelten, weil sich eine Bevölkerung damit reproduziere. "Unsere Simulationen zeigen aber, dass die derzeitige Geburtenrate in Österreich (2011: 1,43 Kinder pro Frau, Anm.) in etwa richtig ist, wenn man entsprechend mehr in die junge Bevölkerung investiert", sagte der Demograf. Höhere Pro-Kopf-Investitionen würden die geringere Zahl an Arbeitskräften überkompensieren, da die Menschen dann umso leistungsfähiger und motivierter seien und länger arbeiten würden. Zusätzlich kommen auch durch Migration noch mehr junge Menschen hinzu.

Ein vom Forschungsrat organisierter Arbeitskreis widmet sich am Freitag im Rahmen der Alpbacher Technologiegespräche dem Thema "Demografie und Humankapital als Chance für Innovation". Der Zusammenhang zwischen Demografie, vor allem "Humankapital", und Innovation ist laut Lutz eine alte Streitfrage in der Wissenschaft. Solange man nur die Bevölkerungszahl betrachte, könne sowohl starkes Wachstum als auch eine geringe Bevölkerung förderlich für Innovation sein, entscheidend seien eher die Rahmenbedingungen.

Auch hier würden "Humanressourcen" entscheidend sein; es gebe eine starke Korrelation zwischen Bildung, speziell Hochschulbildung, und Innovation. Dass auch die Altersstruktur der Gesellschaft innovationshemmend sein könnte, weil Menschen eher Denkmuster, Verhaltensweisen und Technologie benützten, die sie als Junge gelernt haben, hält Lutz nur für bedingt richtig. "Viele empirische Studien zeigen, dass in Unternehmen am effizientesten gearbeitet wird, wenn die Mitarbeiter eine gute altersmäßige Durchmischung aufweisen", so der Experte, der zudem darauf verweist, dass höher Gebildete auch im höheren Alter noch lernfähig seien. (APA, 22.8.2012)

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16 Postings
ein Drittel der jungen Männer nicht sinnerfassend lesen kann."

Wer nicht lesen kann muss eben glauben was man ihm sagt.
Politisch sind diese Leute leichter zu lenken, ein Vorteil für die Politik, wirtschaftlich ist es langfristig ein Desaster.

Kein Wunder: Sie wurden überwiegend von Frauen in den Schulen unterrichtet. Buben brauchen vermehrt männliche Bezugspersonen. In der Schule finden sie diese häufig nicht. Daheim oft auch nicht mehr (Stichwort: Alleinerzieherin).

bis ins hohe Alter: schnellere Postkutschen entwickeln und den 1930er Nirosta Porsche fahren ...

... mal ehrlich: das soll erstrebenswert sein ???

heutige Autos und Kommunikation, wenn immer noch der Nirosta Porsche Bj 1030 liefe? Undenkbar.

Und statt internet dürften wir uns jedes Jahr über eine noch schneller Postkutsche von VW freuen ...

die Zeitbombe ist die der dummen Borniertheit und der klammernden Versteinerung Marke Schüssel/Bartenstein und ihrer Mitläufer, nicht die der Migration und Pisaverdumming.

Grundeinkommen (OHNE Bedingungen) BGE ist kein Paradies
aber
(wie damals "Pension") eine Chance, dass müde Gewordene nachlassen und Junge ihre Chance zum Besseren bekommen können.

und ein modell...

... mit einer geburtenrate etwa bei 2 UND gute ausbildung....? wie es etwa die skandinavischen länder betreiben.

wird gar nicht angedacht. naja, österreich halt.

Sehe ich auch so. Bis darauf....

...dass das Detail fehlt, dass die schwache Basisbildung nicht allein über die Schulpolitik verbessert werden kann.
Die Angebote sind ja im Wesentlichen da. Was mit Angeboten möglich ist, scheint ausgeschöpft zu sein.

Das große Problem in Österreich ist der fehlende Wille des untesten Viertel (Fünftel?, Sechstel?), die Angebote zu nutzen und ihre Kinder entsprechend zu fördern.
Dafür gibt es unterschiedliche Gründe, aber was der Staat machen könnte wäre...
1. dafür sorgen, dass gute Bildung (= ein guter Job) (nicht nur mit Uni-Abschluss!) IMMER mehr Netto-Gehalt bringt (Weniger angleichen über Sozialtransfer), und
2. die Gleichung "Bildung = besseres Leben" propagieren.

Dann werden die Jugendlichen schon hungrig werden.

völlig

anders, die Eltern des "unteren Fünftels" in die Verantwortung zu holen, scheitert seit Jahrzehnten, der Anteil derer, die das nicht tun, steigt kontinuierlich (Auflösung herkömmlicher Familienstrukturen), natürlich muss der Staat diese Grundbildung KOSTENFREI leisten. Was wirklich passiert? Seit 10 Jahren wird bei diesen allerschwächsten rigoros eingespart, bereits 35% der Schulstunden bei den allerschwächsten sind schon weg und es geht weiter, man wird sie "inkludieren" also ohne zusätzliche Förderung mitschleifen in der berühmten NMS (Gesamtschule) Es werden noch weit mehr ausfallen und keinerlei "Chancen auf ein besseres Leben haben" - das einzige , was der Staat bisher garantiert hat, dass wir knallhart an diesen Kindern weitersparen

Das stimmt alles.

Aber es werden ja nichteinmal die Angebote genutzt!

Dass Sparen an der Bildung falsch ist, ist klar. (Wenn auch in Österreich die Kosten pro Schüler im OECD-Vergleich sehr hoch sind. Es scheitert also nicht am Geld, sondern am offensichtlich unreformierbaren System.)

Ich möchte hier eine andere Sichtweise hineinbringen.
Immer wieder wird (auch hier) zitiert, dass Jugendliche aus sozial schwachen Familien sagen, sie hätten sowieso keine Chance. Wozu also schulische Leistung?
Das Dumme ist, sie haben RECHT!
Was immer sie tun, sie kriegen das selbe. Netto spielts für sie keine Rolle, ob sie arbeiten oder grundgesichtert leben.
Es muss wieder einen fühlbaren Unterschied geben, um den Lernaufwand zu begründen.

klingt nicht wirklich überzeugend...

..zwar ist die anzahl der menschen nicht alles, aber wenn man pro generation ca. 1/3 der bevölkerung verliert, entstehen schon probleme, die sich auch durch mehr bildung schwer lösen lassen

..zwar sind die pisa ergebnisse ein armutszeugnis, aber man muss schon sagen, dass die unterschiede zwischen den entwickelten ländern dann doch wieder gering sind (wenn man sie nicht als wettkampf sieht sondern nur in bezug darauf, ob diese leute dem täglichen leben gerecht werden können)

und die aussage 1,43 kinder wären gerade richtig, entlarvt das ganze als reine ideologie. wie berechnet man denn was "gerade richtig" ist, und liegt frankreich mit 2,0 jetzt ganz falsch? wissenschaftlich klingt das nicht...

Endlicht

sagt das mal jemand. Danke für eine Gegenmeinung zum Hauptsache-mehr-Kinder-Mainstream.

bitte vergessen wir doch diese pisa-studie! wer sie schon mal gesehen hat, weiß wie schwach diese ist, dass sie wenig aussagt. streben wir nicht unbedingt finnland an, wo in vielen schulen ein "learning for the test" und ein "teaching to the test" an der tagesordnung steht, anstatt kritisch zu hinterfragen, zu beleuchten, kreativ zu sein.

anstatt kritisch zu hinterfragen, zu beleuchten, kreativ zu sein.

und das steht in österreich auf den lehrplänen??? wohl kaum!

aber natürlich steht das drauf, schon einmal gelesen?! kreatives schreiben, erörtern, mehrere standpunkte beziehen, hinterfragen, ...

es entspricht durchaus der katholisch kapitalistischen tradition

die menschen "dumm" zu halten und aufklärung (=bildung) auf einem minimum zu beschränken beziehungsweise die inhalte und formen des unterrichts auf (überholtes) faktenwissen und "glaubensangelegenheiten" zu beschränken

dadurch werden willige mitkäufer und mitläufer anstelle "gefährlicher" eigenständiger denker und fragenstellerinnen herangezogen

vielleicht

haben wir in 10 Jahren ein saniertes Budget, dem alle wie ein irrlicht nachlaufen, aber sicher auch eine zerstörten veramten Staat aus Sozialhilfeempfängern und Kriminellen...

"basisbildung für österreicher" -

klingt so, als ob wir ein dritte-welt-land sind. sind wir aber teilweise auf dem gebiet der bildung tatsächlich, bei der bildung wird gespart - wo sind die seligen 70er und 80er jahre, als für biuldung viel geld ausgegeben wurde??? der staat spart auf teiflkummaussa - so gibt es halt 36 schüler auf 1 lehrer in vielen bhs, zumindest in wien. und für eine gscheite lehrerfortbildung ist auch kein geld da.

*unterschreib*

Es spreizt sich halt zwischen Fachidioten heranzüchten, die im Konzerngefüge brav und ohne viel zu fragen ihr Rädchen drehen - und echter, umfassender, letztlich Innovationen generierender Bildung, die der einzige Garant für unseren LANGFRISTIGEN Wohlstand ist

Seit wann aber denken Konzerne und ihre Wurmfortsätze namens Politiker langfristig ?

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