"Breivik lebt in einer anderen Welt, er ist wirklich verrückt"

Interview | Kim Son Hoang
22. August 2012, 16:33
  • Hans-Ludwig Kröber: "Breivik hat mich an einen Patienten erinnert, der sich den Penis abgeschnitten hat."
    foto: institut für forensische psychiatrie berlin

    Hans-Ludwig Kröber: "Breivik hat mich an einen Patienten erinnert, der sich den Penis abgeschnitten hat."

Kriminalpsychiater Hans-Ludwig Kröber über die Frage der Schuldfähigkeit und irre Grinser

Wenn im Fall Breivik am Freitag das Urteil gesprochen wird, geht es ausnahmsweise nicht um die Schuldfrage. Viel entscheidender wird sein, ob der geständige Mörder von 77 Menschen als zurechnungsfähig eingestuft wird oder nicht. Ein erstes Gutachten hat Breivik paranoide Schizophrenie attestiert, ein zweites hingegen kam zu dem Schluss, dass er bei seinen Taten im Juli 2011 nicht psychisch gestört war. Im Interview mit derStandard.at erklärt Kriminalpsychiater Hans-Ludwig Kröber, warum Diagnosen in solchen Fällen nicht immer eindeutig ausfallen, was Psychosen von Persönlichkeitsstörungen unterscheidet und wie er Breiviks Grinsen deutet.

derStandard.at: Herr Kröber, egal wie am Freitag im Fall Breivik entschieden wird, es werden Zweifel bleiben. Verantwortlich dafür sind unter anderem zwei unterschiedliche Gutachten. Ist die Psyche Breiviks tatsächlich so komplex?

Kröber: Jein. In diesem Fall spielen mehrere Dinge eine Rolle. Man hat bei diesem Prozess gemerkt, wie medizinische Fragestellungen unter öffentlichen und auch politischen Druck kommen können. Es gab konkret formulierte Wünsche, wie das Gutachten bitteschön auszufallen hat. Und dieser öffentliche Druck presst Positionen hervor, die den unterschiedlichen Interessen entsprechen.

Man muss aber auch bedenken, dass die Diagnose einer psychischen Krankheit nicht so einfach ist. Das betrifft nicht nur Breivik. Es gibt immer wieder Diskussionen, ob ein Patient nun psychosekrank ist oder eine schwere Persönlichkeitsstörung hat. So etwas passiert eigentlich jede Woche.

derStandard.at: Dem ersten Gutachten zufolge hat Breivik paranoide Schizophrenie. Das hat dann wohl nicht gepasst.

Kröber: Es ist relativ offen formuliert worden: Das Gutachten ist nicht qualitativ schlecht, aber das Ergebnis hat nicht konveniert. Dann hat man einfach jemanden gesucht und auch gefunden, der ein neues Gutachten erstellt. Und da, ich kenne das auch von deutschen Strafprozessen, ist die Versuchung groß, sich mit einer entsprechenden Position zu profilieren. Man sollte das nicht tun, ich hoffe, dass ich das nie tun werde, aber Menschen sind nun mal Menschen.

derStandard.at: Wie viel Interpretationsspielraum gibt es denn bei solchen Gutachten?

Kröber: Zum einen geht es darum, wie viele Fakten gesammelt werden können. Beim ersten Gutachten wurde Breiviks Lebensgeschichte relativ ordentlich rekonstruiert. Im zweiten Schritt werden dann diese Fakten beurteilt. In diesem Fall geht es um eine Person, die ein großes Interesse daran hat, als normal zu gelten. Das kommt bei Psychosekranken nicht selten vor, dass sie ihre Krankheit bestreiten. Sie erleben alles in einem für sie normalen Zustand, ihrer Meinung nach agieren die anderen ein bisschen schräg.

Wenn die Person also ein taktisches Interesse hat, sich dementsprechend zu äußern, kann es sehr schwer werden, die Informationen aus ihm herauszubekommen, wie denn sein subjektives Erleben aussieht. Und Psychiatrie befasst sich nun einmal in großem Umfang mit subjektivem Erleben, wenn jemand beispielsweise Stimmen hört oder Wahngedanken hat. All das findet im Inneren statt, und wir erfahren davon nur, wenn sich der Betreffende äußert.

Und dann gibt es noch den Interpretationsspielraum bei der Bewertung von Sachverhalten. Die einen sagen dann, das ist wahnhaft, die anderen meinen, dass das politische Verstiegenheiten sind. Da kann man punktuell schon streiten.

derStandard.at: Es soll ja auch Uneinigkeit geben über die Definition von Wahn. Eine Seite ist der Meinung, dass ein Wahn unabhängig von einer Krankheit auftreten kann. Die andere glaubt, dass ein Wahn immer Symptom einer Krankheit ist. Je nachdem, auf welcher Seite man steht, ist Breivik entweder zurechnungsfähig oder nicht.

Kröber: Sie haben recht, da wird unter Psychiatern gestritten, wenn auch heute weniger als vor 50 Jahren. In Deutschland und Österreich gibt es aber eine hohe Übereinstimmung: Wenn einer einen Wahn hat und aus diesem heraus handelt, dann ist er schuldunfähig. Da spielt es keine Rolle, wie der Wahn zustande gekommen ist.

Im Bild: Das zweite psychiatrische Gutachten zu Anders Behring Breivik wird am 10.4.2012 in den Gerichtssaal von Oslo befördert. (Foto: EPA/Larsen)

derStandard.at: Können Sie die im ersten Gutachten attestierte paranoide Schizophrenie kurz beschreiben?

Kröber: Es ist eine relativ häufige Krankheit, etwa ein Prozent der Bevölkerung leidet darunter. Es ist die schwerste psychische Krankheit, mit einem erheblichen erblichen Anteil. Das schafft eine Anfälligkeit, eine Verletzlichkeit, die bei bestimmten psychosozialen Belastungen dazu führt, dass man erkrankt. Der Erkrankungsgipfel ist zeitlich rund um das Abitur anzusetzen, bei Schizophrenen behandelt man also zumeist junge Patienten. Bei manchen kommt das verspätet, im dritten Lebensjahrzehnt. Und dann gibt es noch einige wenige Spätstarter, die erkranken mit 50 oder 60 Jahren.

Die Krankheitsverläufe sind sehr breit gefächert. Von vollständigen Heilungen, das sind etwa zehn bis 20 Prozent, bis zu chronischen Krankheitsverläufen, wo sich Patienten nach der ersten Phase überhaupt nicht mehr erholen, ist alles möglich.

Das primäre Symptom ist, dass sie Wahnvorstellungen entwickeln. Sie entstehen aber erst nach einer gewissen Krankheitsdauer, wenn sie überhaupt entstehen. Relativ häufig sind auch Körpermissempfindungen, sie glauben, dass irgendetwas mit ihnen im Körper geschieht. Oder Beeinflussungsgefühle, dass sich jemand von außen beeinflusst fühlt. Auch Hypochondrien können auftauchen. Breivik etwa hatte permanent Angst, dass er vergiftet wird, deshalb hat er seiner Mutter das Essen zurückgegeben.

derStandard.at: Sind Ihnen auch schon so umstrittene Patienten wie Breivik untergekommen, bei denen eine eindeutige Diagnose nicht möglich ist?

Kröber: Bei dieser Krankheit gibt es Zeiten, in denen es den Patienten hervorragend geht, in denen keine Symptome sichtbar sind. Und dann haben sie wieder sehr stark zu leiden. Dass also andere Behandler zu einem anderen Zeitpunkt andere Symptome erkennen und dann zu einer anderen Diagnose kommen, das passiert relativ häufig.

derStandard.at: Was ist der Unterschied zwischen einer Psychose und einer Persönlichkeitsstörung?

Kröber: Die klassischen Psychiater haben gesagt, dass Persönlichkeitsstörungen abgeschwächte Formen von psychischen Krankheiten sind.

Es gibt mehrere Gruppen der großen Persönlichkeitsstörungen: die Gruppe der schizoiden Persönlichkeitsstörungen, da sind die Menschen distanziert, introversiv, häufig mit verstiegenen Fantasien beschäftigt. Sie haben oft große Schwierigkeiten, soziale Situationen zu verstehen. Aufgrund ihrer Persönlichkeitsstruktur haben sie seit ihrer späten Jugend ständig soziale Konflikte.

Dann gibt es noch emotional Instabile, dazu gehören unter anderem die Hysteriker. Das sind jene, die überschießend emotional sind, das aber nicht kontrollieren können.

Und dann gibt es noch die asketischen Leute, die sehr unsicher sind, schwach, anhänglich, die immer Entscheidungen auf andere schieben. Wenn da eine Krankheit sehr ausgeprägt ist, wäre das in Deutschland unter Umständen auch ein Grund, den Patienten in einer Psychiatrie unterzubringen.

derStandard.at: Und wo liegt die Grenze zwischen schuldfähig und schuldunfähig?

Kröber: Die Definition des Deutschen Strafgesetzbuches ist auch für den Laien sehr gut nachvollziehbar: Schuldunfähig ist, wer unfähig ist, das Unrecht der Tat einzusehen oder nach dieser Einsicht zu handeln. Die Tat wird dann oft in einen wahnhaften Zusammenhang gestellt, im Fall Breivik ging es etwa um die Rettung Norwegens.

derStandard.at: In Norwegen geht es auch stark um die symbolische Bedeutung der Frage, ob er zurechnungsfähig ist oder nicht. Man will nicht, dass das "nur" die Tat eines Wahnsinnigen war.

Kröber: Ja, da hängt ungeheuer viel dran. Wenn er nicht politisch gehandelt hat, dann sind die Opfer keine Märtyrer, keine Sozialdemokraten, die ihr Leben gelassen haben, weil sie für eine bessere Welt gekämpft haben und ihnen deshalb der Feind entgegengekommen ist.

Wenn Breivik einfach nur verrückt ist, dann kann man damit nur schwer leben, kann man nur schwer in das eigene Weltbild einordnen, dass es das sinnlose Unheil gibt.

derStandard.at: Ist es denn nicht einfacher für die Gesellschaft, wenn Breivik schuldunfähig ist? Dann könnte man sagen, dass das nur ein Verrückter war, ein Einzelfall. Das hätte ja etwas Bequemes an sich, weil man sich dann nicht selbst hinterfragen muss.

Kröber: Das glaube ich nicht. Ich denke, dass die norwegische Gesellschaft besser mit der Vorstellung leben kann, dass das ein Agent des Bösen ist, einer von dieser kleinen verschwindenden Minderheit von Feinden unseres Landes. Den machen wir unschädlich, den besiegen wir. Das Irrationale wäre schlechter zu ertragen.

derStandard.at: Wie schätzen Sie Breivik ein?

Kröber: Als Psychiater kann ich mir überhaupt nicht erklären, wie jemand, der dem Prozess beigewohnt und ihn auch selbst erlebt hat, ihn nicht für krank erklären kann.

Ich habe Teile der Gerichtsverhandlung gesehen. Und das hat mir gereicht, um zu sagen, da muss jemand jetzt viele gute Argumente anführen, damit ich ihn nicht zum Psychotiker erkläre. Verrückt ist eigentlich ein veralteter Begriff, aber er trifft es hier sehr exakt.

Der Schweizer Psychiater Eugen Bleuler hat als die drei Kernsymptome der Schizophrenie genannt: Autismus, Affekt- und Assoziationsstörung. Die ersten beiden Symptome sind bei Breivik frappierend ausgeprägt. Er lebt in einer anderen Welt, er ist wirklich verrückt. Er steckt hinter einer Glaswand, wir können ihn sehen, aber nicht erreichen. Und er uns auch nicht.

derStandard.at: Ein oft genanntes Argument, weshalb er zurechnungsfähig sein soll, ist, dass er seine Taten jahrelang sorgfältig geplant hat.

Kröber: Man kann ganze Bücher füllen mit schizophrenen Attentätern, die ihre Taten sehr sorgfältig vorbereitet haben. Ich denke da an den Una-Bomber oder diverse School-Shootings. Was das formale Denken betrifft, hatten sie alle keine Störung, sie haben aber trotzdem gegen einen wahnhaften imaginären Feind gekämpft. Insofern passt das auch bei Breivik.

derStandard.at: Ist Breivik wirklich so intelligent, wie einige sagen? Als Argument wird dann die perfekte Planung seiner Taten angeführt.

Kröber: Ich denke nicht, dass er überdurchschnittlich intelligent ist. All das, was er gemacht hat, ist auch mit einer normalen Intelligenz möglich. Er war einfach im bösen Sinne unvoreingenommen genug, um gründlich zu überlegen, was er anstellen will. Ihm entgegengekommen sind auch die Fehler der Sicherheitskräfte, die ja nun von einer Kommission angesprochen wurden.

Und wenn man gar nicht entkommen will, dann macht das die Planung natürlich auch einfacher.


Im Bild: Anders Behring Breivik am 21.6.2012 im Gerichtssaal von Oslo. (Foto: Reuters/Roald)

derStandard.at: Was kann man als Psychiater aus Breiviks irrem Grinsen, das er manchmal vor Gericht aufgesetzt hat, deuten?

Kröber: Solche Verhaltenssymptome beweisen nichts, aber sie passen in ein Puzzle hinein. Mich persönlich hat sein ausdrucksloses Gesicht am meisten fasziniert. Diese Ratlosigkeit im Sinne von "Was treibt ihr da alles?". Er findet keinen Zugang zu unseren Motiven und zu unseren Beweggründen. Er wartet auf den Moment, wo er seine Ansichten auf den Tisch packen kann, aber er hat keinen Zugang zum Geschehen rund um ihn herum.

Das komische Grinsen hatte er ja schon, als er nach seiner Festnahme im Polizeiauto saß. Und das hat mich massiv an meine Patienten erinnert, die etwas sehr Schlimmes gemacht haben und kein Gefühl dafür hatten, was sie gerade angestellt haben. Sie stehen da wie Kinder und sagen: "Guck mal, was ich da gemacht habe." Konkret habe ich mich an einen Patienten erinnert, der sich seinen Penis abgeschnitten hat. Das Blut lief in Strömen, und er grinst mich einfach an.

derStandard.at: Gehen wir einmal davon aus, dass Breivik als schuldunfähig eingestuft wird. Wie geht es dann weiter mit ihm?

Kröber: Soweit ich weiß, bleibt Breivik auch dann im Gefängnis und wird dort dann von einem Psychiater betreut. Ob der ihn aber behandeln kann, ob Breivik überhaupt mitmacht, das ist derzeit offen. Momentan spricht nicht sehr viel dafür. Es gibt ja viele Beispiele von schizophrenen Tätern, die Gespräche und Medikamente ablehnen und darauf beharren, dass sie am falschen Ort sind.

In Deutschland zumindest könnte man ihn nicht zwangsmedikamentieren. Rein theoretisch wäre es ja möglich, dass Breivik sich von seinen Wahnideen distanziert, wenn er regelmäßig antipsychotische Medikamente zu sich nehmen würde. Es wäre möglich, dass er dann kooperiert und man ihn so weit heilen kann, dass er alltagstauglich wird. Die theoretische Chance ist also da, dass er - mit Einbußen - relativ normal werden könnte und man ihn dann entlässt. Unter entsprechenden Bedingungen wie etwa weiterer psychiatrischer Behandlung.

Im Moment ist es aber wahrscheinlicher, dass sehr viel Zeit ins Land gehen muss, bevor sich Breivik überhaupt zu einer Kooperation mit der Psychiatrie bequemen wird.

derStandard.at: Welche Zeitspannen haben Sie diesbezüglich schon erlebt?

Kröber: Ich kenne viele Fälle, in denen Patienten nach vier bis sechs Jahren mit der Kooperation beginnen. Es gibt aber auch manche, bei denen beißt man auch nach 15 Jahren noch auf Beton. (Kim Son Hoang, derStandard.at, 22.8.2012)

Hans-Ludwig Kröber ist Direktor des Instituts für Forensische Psychiatrie an der Charité - Universitätsmedizin Berlin und einer der bekanntesten Kriminalpsychiater Deutschlands. In mehreren größeren Kriminalfällen hat er Gutachten über die Straftäter verfasst und auch den Vatikan zum Thema Missbrauch beraten. Zudem ist er Mitherausgeber des "Handbuchs der Forensischen Psychiatrie".

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bei 77 unschuldigen toten ist mir die zurechnungsfähigkeit ehrlich gesagt blunzn. der hat nichts mehr in der gesellschaft verloren.

oder diverse School-Shootings. Was das formale Denken betrifft, hatten sie alle keine Störung, sie haben aber trotzdem gegen einen wahnhaften imaginären Feind gekämpft.

Wirklich gesund sind Amokläufer nicht. Was man bei school-shootings sagen kann, dass viele Täter über einen langen Zeitraum täglichen Demütigungen ausgesetzt waren. Sie töten dann ohne Unterscheidung. Ihr Feind ist die Schule als Institution und Ort ihres Leidens und überhaupt nicht imaginär.

Mark Ames hat das Thema in "Going Postal" interessant dargestellt, auch wenn seine Schlussfolgerungen teilweise fragwürdig sind.

Die psychologische Diagnose

bezieht sich nun mal auf Vergleiche von mehrheitlichen Verhaltensweise der Menschen zu der einer Einzelperson und ob die von dem Mittelwerten mehr oder weniger abweicht.

Eine Psychiatrische Diagnose hingegen sollte exakter sein, da man ja bei psychischen Krankheiten von organischen Fehlfunktion ausgehen kann, die z.B. abweichende Werte von Neurotransmittern wie Dopamin oder Serotonin bewirken.

Wenn es also zur Frage kommt, ob Breivik an paranoider Schizophrenie oder nicht, dann müsste das auch pathologisch testbar sein.

Dass ein Psychiater überhaupt sagt: Der ist Verrückt! Den Begriff gibt es medizinische gar nicht und ist bestenfalls einfach diskriminierend.

Was da Gerichtsgutachten hergeben, kann man aus diesem Interview erahnen.

@ Im Moment ist es aber wahrscheinlicher, dass sehr viel Zeit ins Land gehen muss, bevor sich Breivik überhaupt zu einer Kooperation mit der Psychiatrie bequemen wird.

In dem an sich lesenswerten Interview finden sich einige Aussagen, die eher die Meinung von Herrn Kröber wiedergeben und nicht einem nachdenklichen, vielleicht auch prüfenden Vergleich mit seiner beruflich gemachten Erfahrung entspringen. Im obigen Satz ist es das Wort "bequemen". Hier stünde wohl besser "fähig" oder "willens sein" wird.

ich halte diesen ansatzpunkt für sehr wesentlich im fall breivik

"Wenn er nicht politisch gehandelt hat, dann sind die Opfer keine Märtyrer, keine Sozialdemokraten, die ihr Leben gelassen haben, weil sie für eine bessere Welt gekämpft haben und ihnen deshalb der Feind entgegengekommen ist.
Wenn Breivik einfach nur verrückt ist, dann kann man damit nur schwer leben, kann man nur schwer in das eigene Weltbild einordnen, dass es das sinnlose Unheil gibt."

ich finde es gibt fälle, in denen ist dieser starke fokus auf den täter und seine befindlichkeiten nur sehr schwer zu akzeptieren.

ich bin wirklich kein auge für auge verfechter aber was breivik getan hat war dermaßen grausam, dass ich ihm nicht die möglichkeit zur therapie zugestehen würde. der hat soviel schuld auf sich geladen, davon kann man keinen mehr therapieren. und wenn er das nicht einsieht, dann ist das auch egal. jede minute, die ein arzt an den verschwendet sind zuviel. wer 77 menschen auf dem gewissen hat, muss auch damit klarkommen, dass er danach unfair behandelt wird, egal ob ers versteht oder nicht.

wer 77 menschen auf dem gewissen hat

Das trifft aber auf jeden zweiten Soldaten auf dieser Welt genauso zu !?

"jede minute, die ein arzt an den verschwendet sind zuviel. wer 77 menschen auf dem gewissen hat, muss auch damit klarkommen, dass er danach unfair behandelt wird, egal ob ers versteht oder nicht."

es geht hier auch nicht um Breivik, sondern die Gesellschaft im Gesamten! und diese Aussage halte aus zweierlei Hinsicht bedenklich:

1. die Erkenntnisse, die man aus diesem Ausnahmefall gewinnen könnte, sind sehr viel wert!

2. wenn der Staat beginnt zu differenzieren, welcher Mensch es Wert ist, Rechte zu haben und Hilfe in Anspruch zu nehmen, sind wir auf dem besten Weg raus aus einer Demokratie und rein in eine von Willkür geprägte Autokratie.

ich verfolge hier ihre wirklich hochkarätigen posts...Respekt!

nur im Falle B. gehe ich mit ihrem humanistisch-therapeutischen Ansatz und Ihrem bewundernswerten Glauben an die Rehabilitationsfähigkeit eines solchen Massenmörders nicht konform!

Was Sie hier ständig betonen, bezieht sich auf "normale" Schizophrene oder auch Borderliner bzw. auf Menschen mit schweren Persönlichkeits-Defiziten (antisoziale,dissoziale Pers.Störung usw.) - auch auf eine Tätlichkeit/Mord während einer akuten Psychose...
NICHT jedoch auf einen durchaus wahnhaften, aber eiskalt planenden Terroristen, der NICHT akut psychotisch ist und "nur" affektiv-unberührt!
DAS ist die Charakteristik eines "perfekten" Attentäters bzw. politisch-radikalen Fanatikers - und SO ein Mensch gehört zum Schutze aller LEBENSLÄNGLICH verwahrt.

Ein wunderschönes Beispiel dafür, daß die ganze Psycho... eben keine exakte Wissenschaft ist.

Man kann immer mit Fug und Recht und dem vollen Hintergrund einer fundierten Ausbildung A behaupten, und schon findet sich ein midestens ebenso qualifizierter der B oder zumindestens non A behauptet.
Ginge es um die Frage: "Hat Breivik ein Lungenkarzinom ?", kann wohl auch Gutachter A behaupten Ja, und Gitachter B Nein, aber spätestens eine Röntgenaufnahme schafft dann Klarheit, die gibts im Falle des höchst phantasievollen Psychologengeschwurbels aber nicht.
II) Ist der Wahn demokratisch ? Denken Sie mal folgendes, ei paar Jährchen Wirtschaftskriese etc, und schon werden Ideen wie die von Breivik wieder "Salonfähig" ( hatten wir ja schon mal ), ist es dann noch ein Wahn, so rein aus klinischer Sicht, oder leiden dann einfach alle darunter

um bei ihrem Vergleich mit dem Lungenkarzinom zu bleiben: der Aufbau der Lunge wurde schon zur Gänze erforscht, der Aufbau der Psyche aber bei weitem noch nicht.

Psychologie geht also genauso viel oder wenig exakt vor wie jede andere Wissenschaft. der Unterschied zu manch anderer Wissenschaft ist nur, dass das Wissen noch lückenhaft ist - und das kann man der Psychologie nun wirklich nicht vorwerfen.

Es existiert aber ein Unterschied

zwischen, auch zugegebenem, lückenhaftem Wissen, und der Tatsache, daß eine Materie systemimmanent nicht mit Ursache-Wirkungs-Zusammenhängen ergründbar ist, und sich der Empirie, oder irgendwelcher anderer anerkannter Methoden zur Verifikation/Falsifikation mehr oder weniger grundsätzlich entzieht.
Und selbst wenn 100% der Weltbevölkerung an mobile CT's angeschlossen wären, oder unter ständiger Beaobachtung stünden, ergäbe diese vollständige Erfassung der Grundgesamtheit noch kein solides Material über "Die Psyche".

"We must believe in free will — we have no choice." ~ Isaac Bashevis Singer

auch wenn man davon ausgeht, dass der freie wille eine illusion ist (es gibt dazu weiterführende literatur von susan blackmore, dan dennett usw) muss man sich darüber bewusst sein, dass ohne diese illusion keine verantwortung möglich ist - d.h. ob breivik "böse" oder "krank" ist eine rein willkürliche definitionssache und sollte eigentlich keine rolle spielen.

Der österleichische OGH würd Breivik sicher noch eine "Chance" geben:

ihn hinsichtlich seiner "geistigen Fähigkeiten" mit einem Dreijährigen gleichstellen und ihn nach zwanzigjähriger Reifezeit im Verwahr-Knast als ewig "7jährigen" ewig rechtsamputiert wieder rauslassen.

Verzwergende Vogelfreiheit auf östeleichisch halt.

"Schuldunfähig ist wer nicht fähig ist das Unrecht seiner Tat zu erkennen."

Gibt es nach dieser Definition überhaupt Schuld? Wer begeht schon bewusst eine Tat wenn er sie als Unrecht empfindet?

Ich habe als Jugendlicher ein paarmal Bücher gefladert. Ich wusste, dass das Unrecht ist, aber ... ich brauchte dringend was zu lesen.

Ein Bankräuber weiß, dass Bankraub nicht recht(ens) ist; aber er rechnet halt zu erwartende Beute und zu erwartende Haft miteinander auf und riskiert's.

Wenn ein betrogener Ehemann seine Gattin absticht, dann weiß er idR, dass Mord nicht gern gesehen wird; er rechnet vielleicht noch damit, dass Affekthandlungen milder bestraft werden.

"erkennen", nicht "fühlen"; was sie meinen ist der vorsatzgrad, also "wie böse war derjenige"

soll das ein Scherz sein?

Für eine Tat muss nur ein Motiv vorhanden sein, das stärker als das Unrechtsempfinden ist.

In der Regel (= bei Abwesenheit einer psychischen Störung) wird aber immer eines gleich sein: du weißt, dass du dem Opfer schadest. und du weißt, dass jemandem bewusst Schaden zuzufügen nicht richtig ist.

Der Dieb? Der Dealer? Der Verzweifelte? Der Hungrige?

Ob er nun schuldfähig ist oder nicht, kann nicht mit letzter Gewissheit erkannt werden.

Aber das Konzept der retributiven Gerechtigkeit ist überhaupt recht problematisch. Niemand kann anders handeln als er ist. Und in der Strafrechtslehre hat man sich ja schon längst von der Vergeltungsfunktion der Strafe verabschiedet.

Aber das Bedürfnis nach Rache ist sehr stark im Menschen verankert ...

Libe Norweger!

Führt für Breivik die Todesstrafe ein denn er hat damit spekuliert als "gesunder Mensch" nur die Höchststrafe von 23 Jahren zu kassieren, als Geisteskranker hättet ihr ihn zwar ewig einsperren können aber das hat er sich nicht verdient.
Ihm soll sein dämliches Grinsen vergehen.

Für Breivik die Todesstrafe einzuführen hätte für ihn keinen Effekt, nur für mögliche Nachfolger

Breivik hätte damit in zweierlei Hinsicht gewonnen:

1. Er selbst hat den Wunsch geäußert, entweder Freispruch oder Todesstrafe

2. Sein Ziel, die offene, demokratische Gesellschaft zu zerstören, wäre mit der Wiedereinführung dieser barbarischen Strafe voll und ganz erreicht.

Klingt gut. Aber:

1. ist interessant, jedoch nicht ausschlaggebend.
2. es ist nicht bewiesen, dass eine offene und demokratische Gesellschaft Typen wie Breivik nicht hinrichten könnte. Bei Gefahr in Verzug schießen auch sozialdemokratische Polizisten, um zu treffen.

"es ist nicht bewiesen, dass eine offene und demokratische Gesellschaft Typen wie Breivik nicht hinrichten könnte."

worauf basiert eine demokratische Gesellschaft? auf den Grundwerten, die da in diesem Fall zB wären: Menschenrechte. Eine Hinrichtung ist ein schwerer Verstoß dagegen und somit wird die Grundlage dieser Gesellschaft in Frage gestellt. Beweis genug?

"Bei Gefahr in Verzug"

und die soll hier vorliegen, wenn Breivik bereits in Haft ist? das glaube ich nicht. Gefahr in Verzug ist ja auch keine Hinrichtung!

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