Mit der Hand im Pürierstab

Blog | Robert Mosser, 23. August 2012, 12:33
  • Die kleine Kathi hatte Glück. Alle Finger sind drangeblieben.
    foto: derstandard.at

    Die kleine Kathi hatte Glück. Alle Finger sind drangeblieben.

Kindernotfälle sind selten und eine emotionale Herausforderung - Die kleine Kathi greift in den Stabmixer

Die Sonne ist bereits untergegangen, die Dämmerung kurz davor, in das Dunkel der Nacht hinüberzugleiten. Der Dienst ist bald aus, der Hubi schon im Hangar, geputzt, innen sauber gemacht, alles für den nächsten Tag fertig.

Das Stützpunkthandy läutet. Es ist die Leitstelle: "13 Monate altes Kind, eine Hand ist in den Pürierstab geraten. Geht das noch oder ist es schon zu dunkel?" Unser Pilot blickt kurz gegen den Himmel: "Mach ma noch." Wir schieben den Hubi gemeinsam aus dem Hangar, sind schnell in der Luft, ab Richtung Notfallort. Rendezvouz mit dem RTW. Der Landeplatz, ein großer Parkplatz, wird von der Feuerwehr ausgeleuchtet. Der Pilot kennt sich dort aus, weiß, dass dort keine gefährlichen Leitungen sind. Wir landen sicher. "Super, Stephan", und draußen bin ich.

Kindernotfälle sind etwas Besonderes, selten, deshalb keine Routine. Nicht emotional gefordert zu sein ist unmöglich. Deshalb sind Vorstellung und Vorbereitung auf das, was einen erwartet, ganz wichtig. Beim Hinflug gehe ich noch mal alles durch. Ich steige aus, gehe rüber zum RTW. Mein Sohn ist 15 Monate, denke ich mir.

Ich öffne die Tür. Drinnen sitzt die Mutter, ihr weißes T-Shirt ist voller Blutspritzer. Auf ihrem Schoß sitzt die kleine Kathi, weint, schluchzt und hält ihre linke, blutige Hand in die Höhe. Alle Finger noch dran, doch tiefe Wunden. Die Mutter schaut verzweifelt. "Es wird alles gut, das kriegen wir schon hin", sage ich. Ohne Schmerztherapie und Sedierung lässt sich Kathi aber sicher nichts machen. Ich schaue auf ihre Arme.

Rund, kernig, alle Venen tief unter der Babyhaut versteckt. Nichts zu sehen, nicht einmal ein Hauch von einem Gefäß. Ich probiere es gar nicht, will sie nicht quälen. Für eine Schmerztherapie in den Knochen zu bohren, einen intraossären Zugang zu schaffen wäre überzogen. So verabreiche ich ihr die Medikamente mittels eines speziellen Applikators über die Nase. Über die Nasenschleimhaut wird das gut aufgenommen.

Ich erkläre das der Mutter: "Sie müssen sie jetzt einen kurzen Moment halten." Kathi wehrt sich kurz, doch es funktioniert. Bald wird sie ruhig, hört auf zu weinen. Wir können die Hand verbinden. Müde und etwas benommen schaut sie auf den riesigen, dicken Verband. "Da, da, da." Es tut ihr nichts mehr weh. Wir bringen Mutter und Kind in den Hubi. Die Mutter ist entspannt, die Kleine auch, nimmt meine Hand und knetet meine Finger. Genau wie mein Sohn, denke ich mir. Im Dunkeln heben wir ab, fliegen über die Lichter Wiens hinweg ins AKH. Am nächsten Tag habe ich sie besucht. Alle Wunden versorgt, alle Finger erhalten. (Robert Mosser, derStandard.at, 23.8.2012)

Robert Mosser ist Facharzt für Anästhesie sowie Flugrettungsarzt. In seinem Blog gibt er komische, tragische und bewegende Einblicke in seine Tätigkeit.

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19 Postings

wow, sich selbst so als gott in weis zu präsentieren, das muss schon gelernt sein.

nebenschauplatz

diese pürierstäbe sind doch massenmord an richtigen gemüsesuppen

ein entsetzlicher gedanke...

..wenn ich mir vorstelle, dass das (bzw etwas ähnliches) meinen kindern auch passieren kann. zum glück ist alles gut ausgegangen.

sie sagen es.

ich war beim lesen schon aufgeregt als er zum RTW ging.. schluck, mein sohn ist auch grad in dem alter wo alles gegrabscht wird was erreichbar ist *angst*

respekt vor dem doc, aber ganz ehrlich, wie kann ein kleinkind in den stabmixer fassen ohne dass die eltern das bemerken?

es nimmt den mixer aus der lade, steckt ihn ans netz (mit einer gekonnten 90° drehung um die sicherung zu umgehen), schaltet den mixer ein, und da hama den salat.

Mach grad kaffeepause

Sitze in der Arbeit (schon länger) mache gerade Kaffeepause und frage mich, wie soll ich die feuchten Augen wieder loswerden...

Es gibt nur eines zu sagen: DANKE... unbekannter Weise

voll, mir kommen auch grad die tränen...

Danke an alle Einsatzorganisationen, besonderer Dank gilt den Freiwilligen!

jedes mal wenn ein hubschrauber angekündigt wird, laufe ich rauf zum pad, und hoffe, der mosser kommt raus. den würd ich gern mal treffen;)

Wow, toller Artikel. Vor allem die textliche Verquickung der privaten mit den dienstlichen Gedanken.

Doc, Sie sollten mehr schreiben!

bewegend.

da denkt man sich

man hat den falschen beruf. der blogdoc macht im gegensatz zu den meisten in seinem beruf dinge, die wirklich wichtig sind und jemandem sehr helfen. finde ich toll.

lieber noch mal nachdenken

Na, na, na ... ganz so schlimm wird's wohl auch wieder nicht sein;-)
"Die meisten" werden schon nicht völlig unwichtige Dinge tun, die gar niemandem helfen.
Man muss sich den Sinn seines Tuns nur mal in einer ruhigen Minute vor Augen führen – da wird man schon auch zu positiven Ergebnissen gelangen, wenn man nicht grad beeideter Blumenzertrampler ist.
Und wenn nicht: Tja, dann hilft nur umsatteln z.B. auf Kindergärtner/in oder Altenpfleger/in. Selbst die ehrenwerte Profession der Kanalräumer/in möchte ich persönlich keineswegs missen – die können ganz schön wertvolle Dienste leisten!

klar

je höher entwickelt unsere zivilisation ist, umso fester glauben wir, vieles dringend zu brauchen. daran hängen auch viele berufe.

off topic

@Mrs. Dalloway - das passt jetzt nicht zum thema, aber endlich seh ich, wieso mein gewünschter username nicht mehr zur verfügung stand :)

dermal sympathischer Beitrag mit persönlichem touch...

katarina g.

wow ...

Ich mag Ihre Kolumne, Sie machen das sehr gut. Ich lese sie zwar nicht regelmäßig, sondern nur, wenn ich quasi zufällig hier drüberstolpere, aber ich bin immer wieder gepackt und froh und dankbar, dass es Menschen wie Sie gibt. Beruf, Berufung, Charakter – allein das schon mal eine wertvolle Kombination. Wer dann auch noch so gelungen Einblicke in seine Arbeit gewähren kann, hat echt was drauf, Hut ab!

Großartige Leistung, gutes Einfühlungsvermögen und Verantwortungsbewusstsein beim Autor und beim Piloten!

die wahren leistungstraeger

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