Scharfe Gefahrenquellen

28. August 2012, 17:00
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Blutet eine Schnittverletzung stark, muss der Ersthelfer kräftig zupacken

Eine Glasscherbe, im Sand versteckt liegend, beendet das Leichtathletik-Training, das frisch geschliffene Brotmesser die Vorbereitungen für den Grillnachmittag, eine scharfe Blechkante den Aufbau eines Regals - Schnittwunden zählen zu den häufigsten Verletzungen. Sie passieren durch scharfkantige glatte Gegenstände, die Haut und darunterliegendes Gewebe unterschiedlich tief durchtrennen. 

Für die Versorgung von Schnittwunden hält das Internet vielfältige und mehr oder weniger seriöse Tipps parat. Von der Wundreinigung mit speziellen Wundsalben bis zum Abbinden von Armen und Beinen, um die Blutung zu stoppen, reichen die Instruktionen aus der Online-Welt.

Tetanusschutz überprüfen

"Jede Wunde, die eine Länge von zwei Zentimetern überschreitet und tiefer als fünf Millimeter ist oder klafft, muss professionell von einem Arzt versorgt werden", sagt der Notfallmediziner Wolfgang Schreiber. "Auch für den Fall, dass kein aktiver Tetanusschutz besteht - die Immunisierung hält etwa zehn Jahre -, sollte ein Arzt aufgesucht werden."

Laut Lehrbuch sind die Erste-Hilfe-Maßnahmen bei Schnittwunden einfach umsetzbar: "Beruhigen Sie den Verletzten. Der Verunfallte soll sich hinsetzen. Holen Sie einen Verbandskasten. Bedecken Sie die Wunde mit einer keimfreien Wundauflage und fixieren Sie diese mit einem Verband", listet der Erste-Hilfe-Lernbehelf des Roten Kreuzes als Schritte auf.

Blutet die Wunde so stark, dass sie sich mit einem einfachen Verband nicht versorgen lässt, muss der Helfende laut Thomas Wordie, der beim Roten Kreuz Lehrbeauftragter für Erste Hilfe ist, ordentlich zupacken: "Jede sichtbare Blutung kann durch genügend Druck auf die Wunde gestillt werden. Man kommt dabei ohne MacGyver-Methoden wie Abbinden eines Körperteils aus."

Rascher arterieller Blutverlust

Denn die universale Blutstillungsmaßnahme ist schlicht der Fingerdruck. "Diese Maßnahme kann an jedem Körperteil, je nach Erfordernis mit Fingern oder den Händen durchgeführt werden." Das ideale Material für diese Art der Wundversorgung findet sich in jedem Erste-Hilfe-Kit: Einweg-Handschuhe und Wundauflagen. Ausgerüstet mit Handschuhen, drückt der Helfer die Wundauflage so fest auf die Wunde, dass sie aufhört zu bluten oder nur noch schwach blutet. 

"Ein stark blutender Mensch schwebt in Lebensgefahr, denn innerhalb kurzer Zeit gehen erhebliche Blutmengen verloren", erklärt der erfahrene Sanitäter. Hohen und raschen Blutverlust bringen vor allem Verletzungen arterieller Blutgefäßen mit sich. In Arterien wird sauerstoffreiches Blut mit großem Druck vom Herzen in den Körper gepumpt. Eine Blutung in pulsierenden, rhythmischen Stößen oder mit einem starken Strahl ist charakteristisch.

Im Vergleich dazu sind venöse Blutungen eher sickernd. In den Venen fließt das Blut zum Herzen zurück. "Die Blutstillung hat Vorrang vor allen anderen Hilfsmaßnahmen, denn diese bleiben nutzlos, wenn infolge mangelhafter oder fehlender Blutstillung der Kreislauf versagt", sagt Thomas Wordie.

Genäht oder geklebt

Nach der Basisversorgung der Schnittwunden, die übrigens überwiegend an Händen und Armen passieren, führt der nächste Weg ins Spital oder zum Arzt. Eine glatte Schnittwunde wird in aller Regel genäht oder mit einem Gewebekleber geklebt. Alternativ kann die Verletzung auch mit sterilen Wundverschlussstreifen behandelt werden. Bei Kindern ist diese schmerzlose Methode der Wundversorgung, die kaum Narben hinterlässt, besonders beliebt.

"Abhängig von der Größe und der Region wird die Wunde entweder klassisch mit Nadel und Faden genäht oder mit medizinischen Klebstoffen verklebt", sagt Notarzt Wolfgang Schreiber. "Kleine Schnittwunden an nicht mechanisch beanspruchten Regionen wie zum Beispiel dem Unterarm werden eher geklebt. In jedem Fall entscheidet der behandelnde Arzt, welche Methode gewählt wird."

Für die Wundheilung macht die Behandlungsmethode keinen Unterschied. Da der medizinische Klebstoff sich nach einiger Zeit auflöst, ist es für den Patienten insofern von Vorteil, als das Entfernen der Nähte entfällt.

Chirurgische Schnittwunde

Abseits von Unfällen entstehen Schnittwunden auch gewollt: Die chirurgische Operationswunde stellt quasi den Idealfall einer sogenannte Vulnus scissum dar dar. Sie wird von Ärzten unter aseptischen Bedingungen gesetzt, um die Infektionsgefahr auf ein Minimum zu reduzieren. Geschnitten wird in Richtung der Kollagenfaserbündel, die im Bindegewebe für die Spannung und Elastizität der Haut zuständig sind. Eine Orientierung an diesen sogenannten Spaltlinien lässt die Wundränder weniger auseinanderklaffen als bei Schnitten, die quer dazu verlaufen. Diese "idealen Bedingungen", unter denen chirurgische Schnittwunden entstehen, wirken sich günstig auf die Heilung aus.

Um die Wundheilung generell zu beschleunigen, rät Wolfgang Schreiber dazu, die betroffene Region zu schonen, die Wunde vor Nässe zu schützen und sauber zu halten. "Falls Rötungen, Schwellungen oder Schmerzen auftreten oder die Wunde eitert, sollte ein Arzt aufgesucht werden." (Gabriela Poller-Hartig, derStandard.at, 26.8.2012)

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    Für die Heilung von Vorteil: Eine Schnittverletzung besitzt in aller Regel glatte Wundränder.

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