"So kann man vielleicht Plastikgeschirr verkaufen"

Interview | Bettina Pfluger, 21. August 2012, 19:27

Strukturvertriebe für Finanz-Produkte gehören verboten, in der EU bröckelt das Verbraucherrecht ab, sagt Peter Kolba

Strukturvertriebe für Finanzprodukte gehören verboten, sagt Peter Kolba vom Verein für Konsumenteninformation. Wie EU-Richtlinien das Verbraucherrecht schwächen, erklärt er Bettina Pfluger.

 

STANDARD: Wie zufrieden sind Sie mit unserem Verbraucherschutz?

Kolba: Wir haben einen guten materiellen Verbraucherschutz. Das große Problem ist, dass viele dieser Regelungen bei Gericht nicht durchsetzbar sind. Die typischen Streitigkeiten - Gewährleistung für Geräte etwa - haben einen kleinen Streitwert, das Kostenrisiko bei Gericht ist enorm. Daher läuft vieles über die Kulanz des Händlers. Es gibt es aber einen Anschub aus der EU. Vermutlich kommt heuer noch eine Richtlinie für außergerichtliche Streitbeilegung. Das entlastet die Gerichte.

STANDARD: Wie viel Platz bleibt bei den EU-Vorschriften für die Ausgestaltung auf nationaler Ebene?

Kolba: Die EU verfolgt mit ihren Richtlinien die Idee der Mindestharmonisierung. Man legt also ein bestimmtes Niveau fest, den einzelnen Staaten ist es erlaubt, darüber hinaus zu gehen. Von EU-Lobbyisten wird versucht, diese Standards Richtung Vollharmonisierung zu kippen. Dann dürfte man kein besseres Niveau mehr gewähren. Das kann für Verbraucher zu Rückschritten führen.

STANDARD: Gibt es ein Beispiel, was in Österreich schlechter würde?

Kolba: Die Verbraucherrechtsrichtlinie ist derzeit in der Umsetzungsphase, da gibt es die Problematik bereits. Da wird das unbefristete Rücktrittsrecht im Fall der Nichtinformation über das Rücktrittsrecht nunmehr doch wieder befristet werden müssen.

STANDARD: Im Anlagebereich gibt es große Lücken. Mit vielen OGH-Urteilen wird erst jetzt eine rechtliche Basis geschaffen ...

Kolba: Aus der Sicht von Geschädigten ist das eine Zumutung. Selbst zu formellen Fragen gibt es oft keine klare Judikatur. Man weiß noch nicht mal genau, wie ein Klagebegehren richtig zu formulieren ist; ob man eine Feststellungsklage einbringen kann oder auf Leistung klagen muss. Wenn da etwas schief geht und in der Zwischenzeit Ansprüche verjähren, ist das höchst unbefriedigend.

STANDARD: Der Anlegerschutz erfährt trotz der vielen Skandale kaum Aufwertung.

Kolba: Auf privater Basis gibt es nur den Interessenverband für Anleger. Einen offiziellen Beauftragten dafür kenne ich nicht. Außer man sagt, die Finanzmarktaufsicht soll auch im Sinne des Anlegerschutzes den Markt überwachen. Da musste man zuletzt aber eher darauf schauen, wie man die staatliche Haftung für die Fehler der FMA bzw. der Bankenaufsicht davor begrenzt als dass man da besonders investiert hätte.

STANDARD: Gibt es keine Lehre aus den vielen geschädigten Anlegern?

Kolba: Im Wesentlichen nicht. Die einzige Konsequenz bisher ist, dass man den Finanzdienstleistungsassistenten, der ohne Prüfung losziehen konnte, abgeschafft hat und jeder Vermittler jetzt eine Ausbildung machen muss. Aber das waren nicht die Punkte für die Skandale.

STANDARD: Sondern?

Kolba: Auf Vertriebsebene war es das Provisionssystem. Erhält der Berater vom Emittenten eine Provision, ist er immer in einem Interessenkonflikt. Hinzu kommt, dass die Provision für verschiedene Produkttypen unterschiedlich groß ist. Da wird man ja dazu hingeführt, nur bestimmte Produkte zu verkaufen. Das zweite ist der Strukturvertrieb, das ist die absolute Verschärfung. So kann man vielleicht Plastikgeschirr verkaufen. Veranlagungen nicht. Das ist echt gefährlich. Dagegen hat die Politik nichts unternommen.

STANDARD: Sind Sie für ein Verbot von Strukturvertrieben?

Kolba: Ja. Der Anstoß wäre da. Das Problem liegt mehr als auf dem Tisch. Die Gefahren hat die Praxis gezeigt. Es fehlt einfach, die Konsequenz daraus zu ziehen.

STANDARD: Die Frage ist aber schon auch, wo der Hausverstand endet und sich Leute alles aufquatschen lassen ...

Kolba: Ich akzeptiere bei den tausenden Fällen von Immofinanz, AvW etc. nicht das Argument der Gier, das die Leute in die Veranlagung getrieben hat. Gierig war der Berater, der hat das ja nur empfohlen, um seine Provision zu maximieren. Und die Leute sitzen jetzt auf Produkten, die sie so nie gezeichnet hätten und haben den Schaden.

STANDARD: Welche Wünsche richten Sie an die Politik?

Kolba: Es braucht eine geordnete Gruppenklage. Mit dem AWD (der VKI vertritt rund 2500 Leute; Anm.) diskutieren wir seit drei Jahren über Vorfragen zum Prozess. Das muss gesetzlich klar geregelt werden. Dazu gibts vom Justizministerium seit 2007 einen Entwurf in der Schublade, der von der Politik nicht umgesetzt wird. (Bettina Pfluger, DER STANDARD, 22.8.2012)

Peter Kolba (53) ist Leiter des Bereichs Recht im Verein für Konsumenteninformation. Er ist seit mehr als 20 Jahren beim VKI und Vater von zwei Kindern.

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12 Postings
Danke herr kolba für die klaren worte

Ja...

... das unbefristete Rücktrittsrecht. Das freut doch alle in der Wirtschaft.

und banken werden ausgelassen?

nach jeden filialumbau gibt es nur mehr 2 geldverkehrschalter, 12 automaten und 4 beratungsschalter wo lebensversicherungen verkauft werden. ja, auch bankerInnen haben umsatzziele und stückzahlen zu erreichen. keine einzelnen provisionen, aber eine bonuszahlung bei erreichen.. mit produkten der bank

Sie haben absolut recht.

Es ist skandalös, was einem Banken so alles aufzuschwatzen versuchen. Ich hatte in den letzten 3 Jahren wirklich alles: vom unsinnigen Garantieprodukt (bei der Ausgestaltung ist Sparbuch plus selbst Aktien kaufen jedenfalls günstiger) bis zum Rat, doch bitte die Aktien schnell zu verkaufen, obwohl (oder gerade weil) der Markt mit allergrößter Wahrscheinlichkeit sich demnächst erholt = Verluste realisieren. An eigenen Fondsprodukten und wie gut sie managen fällt mir immer ein: Bawag - Bawag Stock - Libro Aktien. Natürlich kriegt kein Fondsanteils-eigentümer je eine Entschädigung, falls die Herren überhaupt zahlen könn(t)en.

Großer Bekanntenkreis - viele Fälle ... alle Banken ...

Es ist skandalös…

ja neulich wollte mir die dame bei der billa-feinkost auch noch mehr emmentaler aufschwatzen ("darfs ein bissal mehr sein") und dann auch noch den gouda unterjubeln ("der wär grad in aktion").
ich bin schockiert wie weit diese leute mittlerweile gehen, aber ein "nein danke" müssen die sich von mir wohl weiterhin gefallen lassen.

noch gar nix gegen meinen autoverkäufer

ich schon fünf, die ich nicht brauch.

kolba

der arme hr. kolba, nichts geht weiter,
der will immer schon gscheiter sein als alle anderen

Guter Vergleich! Kunststoff hält ebenso nicht ewig.

und der plastik-berater kann dir auch nicht sagen, was da drin ist.

Ist eh einfach: eine Menge Zeug, das dazu neigt in den Inhalt zu wandern. Alles ungesund, auf Erdölbasis. Und natürlich gibt Kunststoff auch Gase ab. Je weicher, desto lustiger - aber wenn man's riecht, kann man wenigstens was tun. Oder sollte was tun. Der Geschmack von Mineralwasser aus den hippen 6-Packs kommt auch von der Verpackung. Aromastoffe änderen daran nichts.

Ich hab letztens so einen coolen Wasserkocher rausgeschmissen, den mir ein Bekannter verehren wollte in der besten Absicht. Das Ding hat massiv nach Kunststoff gestunken. Danke, aber NEIN Danke. Investition in den Edelstahlkocher zahlt sich aus.

ich glaub nicht mal absichtlich..

seine chefs werden ihm nicht sagen weils er dann selbst nicht mehr vertreiben will (ausser er hat kein gewissen)

Naja, aber dann kann er mich ja nicht beraten. Und im Prospekt muß es allemal stehen. Die meisten schauen dann nach ... ist lustig zuzusehen wie sie schwitzen ;)

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