Museum in Kanada: Neuer Streit um alte Verbrechen

22. August 2012, 05:30
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Es gilt als nationales Prestigeprojekt, nun muss die Eröffnung des Museums für Menschenrechte in Kanada verschoben werden. Planer streiten, welche Verbrechen wie gezeigt werden sollen

Wie ein mahnend erhobener Zeigefinger reckt sich der "Tower of Hope" in die Skyline der kanadischen Metropole Winnipeg. Der Turm krönt Kanadas neues Museum für Menschenrechte - eines der großen nationalen Prestigeprojekte.

"Kanada hat in seiner Geschichte Fehler gemacht, etwa beim Umgang mit Nordamerikas Ureinwohnern. Dafür wollen wir uns entschuldigen. Gleichzeitig wollen wir zeigen, wie sehr wir verinnerlicht haben, dass der Einsatz für Menschenrechte, Humanität und Demokratie für eine fortschrittliche Zivilisation absolut unverzichtbar ist", sagt Stuart Murray, Präsident des Museums.

Die Perspektiven, die das Haus eröffnen will, sollen weit über den kanadischen Horizont hinausreichen. Geplant ist, dass neben der Geschichte der indianischen Urbevölkerung ebenso Menschheitsverbrechen wie der Holocaust thematisiert werden. Behandelt werden sollen darüber hinaus Felder wie die Geschichte der Menschenrechte, Kinder-, Frauen- und Arbeitnehmerrechte, Flucht und Migration oder Menschenhandel. Auch " Helden" des friedlichen Kampfes für Humanität und Menschenrechte, wie Nelson Mandela oder Mahatma Gandhi, werden porträtiert.

"Unrecht kann überwunden werden, und Menschenrechte sind zu erreichen. Das sollen die Besucher des Museums mitnehmen", sagt Murray. Es ist nicht zuletzt diese hehre Intention, die Kritiker auf den Plan gerufen hat. Sie befürchten, dass das inhaltliche Profil des Museums diffus und womöglich einseitig zugunsten einzelner Interessengruppen ausfallen wird. Kritisiert wird auch die eher bescheiden wirkende Anstellung von nur sieben Wissenschaftern und Experten.

Die Arbeit der wenigen Forscher könnte angesichts zahlreicher politischer Minenfelder schwierig werden. Umstritten ist etwa der Umgang mit dem Leiden und massenhaften Hungertod in der Ukraine unter der Sowjetherrschaft in den frühen 1930er-Jahren. In ähnlicher Weise wird über die Darstellung der armenischen Tragödie während des Ersten Weltkriegs diskutiert. Unklarheit herrscht ebenso zur Einordnung der Vertreibungen nach dem Zweiten Weltkrieg oder der Behandlung des Völkermords in Ruanda in den 1990er-Jahren.

Fast unlösbares Dilemma

Diese Beispiele zeigen, vor welchen Herausforderung die Kuratoren der Ausstellung stehen. Umstritten ist, welche Völkermorde und Menschenrechtsverletzungen überhaupt thematisiert werden sollen und welche nicht; wie viel Raum einzelnen Menschheitsverbrechen zugestanden werden soll; wie diese bewertet und gewichtet werden; und ob man menschliches Leid überhaupt miteinander vergleichen kann. Vor diesem Hintergrund sieht der renommierte Historiker A. Dirk Moses das Projekt in einem fast unlösbaren Dilemma: Je stärker das Museum die Erinnerung an ausgewählte Menschheitsverbrechen betone, desto größer werde der Druck von Vertretern einzelner ethnischer Gruppen, etwa ukrainischen oder armenischen Einwanderern, die ihre Geschichte im Museum repräsentiert sehen wollen.

Je mehr das Museum dem ausweiche, indem es stärker auf generelle Aspekte der Menschenrechtsthematik abziele, desto geringer werde die Bereitschaft privater Geldgeber, für das Museum zu spenden, analysierte Moses in einem Artikel für das "Journal of Genocide Research".

Der für Ende 2012 vorgesehene Termin zur Fertigstellung des Museums kann bereits nicht mehr eingehalten werden kann, jetzt wird die Eröffnung für 2014 angepeilt. Moses sieht auch dafür schwarz. Hin- und hergerissen zwischen inneren Widersprüchen und politischen Fehleinschätzungen, gleiche das Projekt "einem schlingernden Schiff". (Matthias Widder, DER STANDARD, 22.8.2012)

  • Das Haus für das neue Museum für Menschenrechte in Winnipeg ist bereits 
fast fertig, die Eröffnung wurde auf 2014 verschoben. Kritiker zweifeln 
an der inhaltlichen Ausrichtung des Projekts.
    foto: widder

    Das Haus für das neue Museum für Menschenrechte in Winnipeg ist bereits fast fertig, die Eröffnung wurde auf 2014 verschoben. Kritiker zweifeln an der inhaltlichen Ausrichtung des Projekts.

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