Das Nagetier, das auf Backenzähne pfeift

  • Paucidentomys vermidax, neu entdeckte Spitzmausrattengattung ohne Mahlzähne.
 
    foto: kevin rowe

    Paucidentomys vermidax, neu entdeckte Spitzmausrattengattung ohne Mahlzähne.

     

Einer neu entdeckten Spezies von Spitzmausratten auf Sulawesi hat die Evolution die Mahlzähne genommen: Sie ernährt sich vor allem von Würmern

Üppiger Regenwald bedeckt die Hänge des Bulu Rantemario. Der Dreitausender auf der indonesischen Insel Sulawesi gilt als raues Naturparadies. Kein Platz für Stubenhocker. "Alles ist nass und es regnet jeden Tag", berichtet Zoologe Jacob Esselstyn von der McMaster University in Hamilton in Kanada dem STANDARD. Dennoch sei es "ein aufregender Platz zum Arbeiten": "Die Fauna ist unglaublich vielfältig." Getier überall, vieles kommt nur hier vor.

Für die Forscher sind die Spitzmäuse und die sogenannten Spitzmausratten besonders interessant. Insgesamt wurden auf Sulawesi neun verschiedene Arten der Spitzmausgattung Crocidura gefunden - eine erstaunliche Diversität. In Mitteleuropa leben nur drei Vertreter dieser Gruppe. Zusätzlich wird die Insel von vier verschiedenen Spitzmausratten bewohnt. Bei ihnen handelt es sich nicht um Insektenfresser wie echte Spitzmäuse, sondern um speziell angepasste Nagetiere. Eine zoologische Rarität.

Die Spitzmausratten zeichnet ein ungewöhnlicher Schädelbau aus. Sie haben eine lange Schnauze und schlanke Schneidezähne, ohne die bei Nagern übliche, dicke Schmelzschicht an der Vorderseite. Solche Beißwerkzeuge eignen sich nicht mehr zu kraftvollem Nagen. Das tun die Tiere auch nicht. Statt knackiger pflanzlicher Kost stehen Würmer ganz oben auf dem Speiseplan.

Wie weit die Anpassung gehen kann, zeigt eine bisher unbekannte Spitzmausrattenspezies. Jacob Esselstyn hat sie zusammen mit zwei Kollegen im Bergwald um den Bulu Rantemario entdeckt. Die Forscher tauften die neue Art auf den Namen Paucidentomys vermidax. Eine detaillierte Beschreibung wurde im Fachblatt "Biology Letters" veröffentlicht.

Nager ohne Mahlzähne

P. vermidax verfügt über einen extrem spitz zulaufenden Schädel, der auf den ersten Blick eher an das Kopfskelett eines Vogels erinnert. Das Gebiss fehlt bis auf die vier Schneidezähne. Sie haben keine Mahlzähne. Evolutionär gesehen ist das eine seltsame Entwicklung. Schließlich war es die Kombination aus leistungsfähigen Schneide- und Backenzähnen, die den Nagetieren zum Erfolg verhalf. Sie kommen mit mehr als 2200 Arten fast überall auf Erden vor. Die Evolution kann eben auch anders. Wie die anderen Spitzmausratten hat P. vermidax eine für Nager unübliche Nahrungsquelle erschlossen. Im Magen fanden die Forscher ausschließlich zerstückelte Würmer. Um sie zu zerteilen, reichen feine Schneidezähne aus. Warum also noch Ressourcen in die Bildung eines kompletten Gebisses investieren? Bei Rhynchomys, einer philippinischen Spitzmausratte, sind die Backenzähne bereits stark verkleinert, während bei P. vermidax der Prozess der evolutionären Reduktion offensichtlich vollendet ist.

Die Spezialisierung auf Würmer hat vermutlich die Schädelverlängerung bewirkt. In den Regenwäldern Sulawesis, wo die Böden mit Totholz und Moospolstern bedeckt sind, kommt die spitze Schnauze wahrscheinlich dem Aufspüren der Beute zugute. Die Spitzmausratten sind ein klassisches Beispiel von konvergenter Evolution. Die Anpassung an bestimmte Lebensbedingungen führt bei nichtverwandten Arten zur Bildung ähnlicher Merkmale. Deshalb ähneln sich Spitzmausratten und echte Spitzmäuse in ihrer Anatomie.

Die Entdeckung von P. vermidax verweist auf eine weitere Frage: Wie können auf einer Insel mehrere Spezies mit sehr ähnlichen Ansprüchen nebeneinander existieren? Nach gängiger Lehrmeinung müsste in dem Fall das Prinzip der kompetitiven Exklusion Wirkung zeigen. Im Kampf um Nahrungsressourcen und Lebensräume verdrängt die am besten angepasste Art die Konkurrenten. In der ökologischen Nische kann es nur einen geben.

Auf Sulawesi mit zumindest 15 Spitzmaus- und Spitzmausratten arten besetzen die Tiere vermutlich unterschiedliche Mikrohabitate, und sie könnten zu verschiedenen Zeiten aktiv sein, meint Jacob Esselstyn. Das enorme Nahrungsangebot im Regenwald dürfte die Koexistenz begünstigen. (Kurt de Swaaf/DER STANDARD, 22. 8. 2012)

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