Schlimme Mädchen, böse Jungs und Cannabis

  • Unbequemer Sitzplatz? Grünen-Chefin Eva Glawischnig ließ es beim Sommergespräch mit Armin Wolf ein wenig an Körperspannung missen.
    foto: apa/orf

    Unbequemer Sitzplatz? Grünen-Chefin Eva Glawischnig ließ es beim Sommergespräch mit Armin Wolf ein wenig an Körperspannung missen.

"Zu bemüht, zu brav, zu wenig Kampfgeist": Grünen-Politiker sehen Glawischnigs Auftritt im ORF-"Sommergespräch" kritisch

Wien - 660.000 Österreicher lockte Eva Glawischnig am Montagabend vor die Bildschirme - doppelt so viel wie bei ihrem ORF-"Sommergespräch" vergangenes Jahr. Darunter auch viele ihrer grünen Parteikollegen. Deren Resümee fällt unterschiedlich aus, zeigt ein Rundruf des STANDARD.

Besser härter

"Zu bemüht und zu brav", urteilt der Tiroler Landtagsabgeordnete Gebi Mair. Glawischnig sei inhaltlich sattelfest, habe aktiv aber zu wenig Themen gesetzt: "Sie hat versucht, ein braves Schulmädchen zu sein. Dabei dürfen wir Grüne ruhig schlimme Mädchen und böse Jungs sein." Michel Reimon, Landtagsabgeordneter im Burgenland, hätte sich mehr Kampfgeist und Aggressivität gewünscht. "Es gibt bei der grünen Basis eben den Wunsch, den Wettkampf mit guten Ideen zu gewinnen und nicht mit Kampfgeist. Mir wäre es härter lieber."

Einen "erschöpften" Eindruck hat Glawischnig auf Gebi Mair gemacht: "Sie ist sympathisch und direkt gestartet, dann mit den Schultern eingefallen und hat sich mit den Händen förmlich am Tisch festgehalten", sagt er.

Mair glaubt, "die erste Erkenntnis der Zuschauer war: Wow, die ist ja ein Mensch! Die zweite: Wow, und auskennen tut sie sich nicht wirklich! Nicht sehr gut, aber menschlich."

Vor allem bei dem Thema Vermögenssteuer hätte Glawischnig nicht vehement genug den Standpunkt der Grünen vertreten, sagt Julian Schmid, Bezirksrat in Wien. Das läge am Zeitdruck. Schmid findet schade, dass kaum über die politischen Grundwerte von Glawischnig geredet wurde - obwohl sie durch "lockere Reaktionen versucht hat, Tempo aus dem Gespräch zu nehmen".

"Viel zu hektisch"

Ein Kritikpunkt, den Armin Wolf selbst anbringt. Er twitterte: "Zu schnell, vor allem in der zweiten Hälfte stellenweise - und in Summe - viel zu hektisch." Wolf habe das Gespräch zu sehr als Verhör angelegt, sagt Reimon.

"Wenn er die anderen vier Parteichefs wegen ihrer Verwicklungen in Korruptionsfälle verhören muss, kann er bei Glawischnig nicht auslassen - auch wenn es dann darum geht, ob sie mit dem Bus oder der Bahn fährt."

Der Chef des Market-Instituts, Werner Beutelmeyer, hätte Glawischnig eine "gute Note gegeben. Sie war in der Körpersprache zappelig, sonst konnte sie auf jeden Fall punkten." Ähnlich sieht das Glawischnigs Sprecher. Die Grünen-Chefin habe seit dem Gespräch 600 Facebook-Freunde mehr. Der Eindruck der Müdigkeit sei ein falscher, im Gegenteil: Glawischnig habe bewusst versucht, Tempo aus dem Gespräch zu nehmen.

Überrascht zeigte sich Ex-EU-Abgeordneter Johannes Voggenhuber von Glawischnigs Antworten zum Europäischen Stabilitätsmechanismus. "Der österreichischen Öffentlichkeit wurde peinlich verschwiegen, welche Machtposition die Grünen gehabt hätten." Zur ebenfalls besprochenen Österreich-Tour sagt Voggenhuber: "Tanzen, grillen und chillen ist nicht die Aufgabe der Politik in Zeiten der Krise."

Eines möchte Julian Schmid dann noch festhalten: "Die Grünen sind trotzdem für die Legalisierung von Cannabis", sagt er als Reaktion darauf, dass Glawischnig betont hatte, das sei kein Anliegen der Grünen mehr. (Saskia Jungnikl/Rainer Schüller, DER STANDARD, 22.8.2012)

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