Nachrichten in aller Kürze
Alles zur Community
Nachrichten, die zu Ihnen kommen: Newsletter, Feeds und SMS
Alles zu unseren mobilen Angeboten: Apps, Mobilversion und SMS
Unsere Radio- und TV-Angebote
Die Zeitung im Internet: Abo, E-Paper, Anzeigen und mehr
Alles über die Redaktion von derStandard.at
Alles über Onlinewerbung, Stellenanzeigen und Immobilieninserate
vergrößern 704x800Die verlobte Unschuld und der wenig nachhaltige männliche Liebesspieltrieb: Laura Aikin (als Marie) und Daniel Brenna (als Desportes) in Zimmermanns "Die Soldaten".
Salzburg - Schon wieder hat es also einer getan. Schon wieder hat ein Regisseur in der Felsenreitschule selbige mit dem Bühnenbild quasi verdoppelt. Doch welch ein Unterschied zwischen jener diesem Monsterraum fremd gebliebenen "Zauberflöte" (von Jens-Daniel Herzog) und der Raumgestaltung von Bühnenbildner und Regisseur Alvis Hermanis. Einer Gestaltung, die bei Bernd Alois Zimmermanns "Soldaten" mit dem harten Arkadenambiente subtil verschmelzend kommuniziert.
Eine Art Reitschulhalle, in der sieben Pferde gemütlich ihre Kreise drehen, hat sich Hermanis ausgedacht, hinter deren Fenstern man gleich zum katastrophisch marschierenden Beginn zuckende Angstsoldaten sieht, die sich auf Betten im Würgegriff ihrer Albträumen wälzen. Die Halle wird für diese Inszenierung zu einer Art szenischem Aquarium (das auch durch Schattenspiele für Atmosphäre sorgt) oder zur Leinwand, auf die erotische Fotos projiziert werden - aus jener Zeit, da die Fotografie gehen lernte.
Vor der Halle finden sich - dicht über dem Orchestergraben - indes die eigentlichen Schauplätze aus der Zeit des Ersten Weltkriegs angesiedelt: Ob dabei aber Weseners Haus, in dem sich die Tochter dieses hilflosen Galanteriehändlers (fulminant: Alfred Muff), Marie, mit ihrer Schwester Charlotte (glänzend: Tanja Ariane Baumgartner) im Stockbettchen amourösen Fantasien hingibt. Oder das Domizil der Gräfin (packend und subtil: Gabriela Benacková), welche die längst im gesellschaftlichen freien Fall befindliche Marie bei sich beschäftigen möchte, um die Marie-Besessenheit ihres Sohnes, des jungen Grafen (solide: Matthias Klink), einzufangen. Oder schließlich das Soldatenmilieu - all die kleinen Dramenorte sind elegant (im Sinne der Gleichzeitigkeit von Szenen) in einer Reihe vor der Reithalle angeordnet.
Verwahrloste Voyeure
Es sind Schauplätze einer demolierten Kriegsgesellschaft, Zimmerchen voller Strohballen, die auch vor der "noblen" Welt der Standesdünkel nicht haltmachen. Der Krieg bringt jedoch nicht nur räumliche Verwahrlosung mit sich; demoliert sind auch die Soldatenseelen. Als Vergewaltiger oder onanierende Voyeure sind sie Opfer der verbiesternden Verhältnisse, von ihrem Leben Entfremdete, denen die Befreiung vom Triebstau nur in roher Form gelingen mag.
Marie, die naive Schwärmerin, kann hier nur scheitern. Im Zustand der Unreife und Leichtgläubigkeit wird sie von diesem Kollektiv gebraucht und weitergereicht. Der vage Traum von sozialem Aufstieg und echter Zuneigung (gebunden an Edelmann Desportes, den Daniel Brenna subtil singend als zynischen Schnösel porträtiert) endet in der Hungergosse, wobei Hermanis dieser Marie quasi ein Denkmal setzt: Im Finale steht sie auf der Halle, zwischen den drei Pferdekopfskulpturen, und schreit ihr Schicksal als über allem schwebende, rehabilitierte Leidensikone heraus.
Hermanis ist ein virtuoser Raumbeherrscher: Er schafft große, faszinierende Bilder, wie er auch intime Kammerspielchen zu komponieren versteht. Und er entgeht dabei der Versuchung, in dieser vom Werk intendierten Musiktheaterfuge, Szenen allzu grell umzusetzen.
Die Beziehung von Marie (großartiger Umgang mit allen körperlichen und vokalen Anforderungen: Laura Aikin) zu ihrem schließlich gedemütigten Verlobten Stolzius (packend: Tomasz Konieczny) stellt er zu Beginn wie einen Porzellan gewordenen bürgerlichen Traum dar, indem er das Paar in eine Art bewegliche Vitrine stellt. Und geht es um Gewalt oder Erotik, schafft Hermanis sublime Körperchoreografien abseits plakativer Eindeutigkeit. Es ist eine Art poetischer Surrealismus zu erleben, der bisweilen für groteske Komik sorgt und in Massenszenen Gestaltungskraft beweist, indem er dynamische Menschenskulpturen modelliert.
Das alles hat natürlich ein geniales Werk zum Fundament. Und alles wäre weniger eindringlich ohne die ordnende und gestaltende Hand von Dirigent Ingo Metzmacher, der es schafft, einen steten Klangfluss zu erzeugen und die Wiener Philharmoniker zwischen ruppiger Drastik und poetischem Klangstrom führt. Da Hermanis aber die Energie der Musik szenisch intelligent übersetzt, wurde den Salzburger Festspielen ein selten geglücktes Gesamtkunstwerk geschenkt.
Nach den meisten bisherigen Opernpremieren war dieses Präsent allerdings auch durchaus bitter nötig. Applaus für alle an diesem Kraftakt Beteiligten. (Ljubiša Tošic, DER STANDARD, 22.8.2012)
Weitere Vorstellungen: 22., 24., 26., 28. August
Zum Weiterlesen
Interview mit Alvis Hermanis: "Anfangs klang es für mich wie eine Kakofonie"
Das Kuratorium verlangt von Pereira Budgetdisziplin: Ausgaben mit 61 Millionen Euro gedeckelt
Thielemann über Einstand "überaus glücklich" - 88 Prozent Auslastung
Premiere von Vincenzo Bellinis "Norma" bei den Pfingstfestspielen: Vokale Qualität und eine respektable Regie überzeugten im Haus für Mozart
Christian Thielemann dirigiert Brahms, Beethoven, Henze
Festival 2013 mit BesucherInnen- und Einnahmenrekord: 13.450 BesucherInnen aus 43 Ländern kauften Karten um 1,3 Millionen Euro
Landeshauptfrau mahnt den Intendanten dere Salzburger Festspiele zur Besonnenheit
Mezzostar Cecilia Bartoli in "Norma" bei den Pfingstfestspielen in Salzburg
Will sich im Konflikt mit dem Kuratorium "nicht wie einen Schulbuben behandeln" lassen
Der Brite setzte sich gegen den Chinesen Yu Lu und den Spanier Antonio Mendez durch
Festspiel-Programm 2013 mit Finanzierungslücke von 2,3 Millionen Euro
Der Chef des Teatro Real analysiert den Musiktheaterbetrieb in Österreich, kritisiert die Staatsoper - und lobt Pereiras Weg
Salzburg: Pereira muss noch 2,3 Millionen auftreiben
Wechsel von den Münchner Kammerspielen nach Salzburg mit 1. Oktober
Antonio Mendes, Ben Gernon und Lu Yu sind die Anwärter für den Young Conductors Award 2013
In der "Muppet Show" wäre er Statler und Waldorf in Personalunion: Der Ex-Staatsoperndirektor über Alexander Pereira und die Wiener Philharmoniker
Bekannter Wiener Filmschauspieler ergänzt Domplatz-Besetzung
Dirigent Christian Thielemann zeigt bei den Salzburger Osterfestspielen sein Können als intensiv-behutsamer Wagner-Interpret
Gesamtschaden von zwei Millionen Euro - Prozesstermin noch unklar
Der Dirigent über seine Tätigkeit als künstlerischer Leiter, über Wagner und das heikle Große Festspielhaus von Salzburg
Der 72-jährige Pianist und Dirigent übernimmt die für 2013, 2014 und 2015 geplanten Mozart-Opern der Festspiele
Verbrechen der Untreue angelastet
Intendant Alexander Pereira zur Welser-Möst-Absage
Sven-Eric Bechtolf: Teufel hat sich noch nicht "zu erkennen gegeben"
Dirigent Franz Welser-Möst zieht sich vom Salzburger Mozart-Zyklus zurück
Im Vorfeld von Neujahrskonzert und "Ariadne"-Premiere: Der Dirigent über Eventkultur und seine Salzburger Mozart-Absage
In den Print- und elektronischen Medien wurden die Premieren von "Zauberflöte" und "Soldaten" ausführlich publizistisch einbegleitet.
Jens-Daniel Herzog sagte als Regisseur zu seiner Sicht der "Zauberflöte", wie einfach die zu lesen wäre - den Rest besorge ohnehin N. Harnoncourt als Dirigent. Das klang unendlich ung'scheit, ist doch die "Zauberflöte" wrklich schwer und rätselhaft.
Hermanis und Metzmacher haben sich der Komplexität ihrer Zusammenarbeit und des Werkes sehr viel professioneller und künstlerischer angenähert. Mit Respekt und Willen, künstlerisch zu arbeiten.
Die "Zauberflöte" ist Peireira- und Salzburg pur, die Soldaten sind ihm und den Festspielen "passiert".
Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.