Fehltritt mit Folgen

  • Der Rollator dient älteren Menschen als Gehhilfe.
    foto: apa/karl-josef hildenbrand

    Der Rollator dient älteren Menschen als Gehhilfe.

Aus Furcht vor dem Pflegeheim verheimlichen viele alte Menschen ihre Ausrutscher - Präventive Maßnahmen reduzieren das Risiko

Warum sie plötzlich gestürzt ist, kann sich Antonia R. nicht erklären. Gerade noch saß die 79-Jährige bei Tisch und wollte die Fernbedienung holen, um den Fernseher lauter zu stellen - jetzt liegt sie auf dem Fußboden und versucht sich trotz Schmerzen im Handgelenk abzustützen, um sich aufzurichten. Erleichtert, dass nichts Schlimmes passiert ist, steht die Pensionistin schließlich wieder auf beiden Beinen. Den Sturz wird sie ihrer Familie verschweigen, wie schon die Male zuvor. Aber die Unsicherheit sitzt mittlerweile tief: Verliert sie allmählich ihre Selbständigkeit? Geht der nächste Fehltritt erneut so glimpflich aus oder wird sie gar zum Pflegefall?

"Die meisten alten Menschen fürchten sich weniger vor den Schmerzen infolge eines Sturzes, als vielmehr davor, dass sie dann gepflegt werden müssen oder ins Heim kommen", sagt Wolfgang Schindlegger, Oberarzt an der Abteilung für Akutgeriatrie/Remobilisation vom Klinikum Klagenfurt. Aus diesem Grund verheimlichen viele ihre Ausrutscher - tatsächlich hat ein kleiner Fehltritt im Alter aber oft schwerwiegende Folgen.

Im Jahr 2011 landeten 117.200 Über-65-Jährige nach Stürzen im Spital, 679 Menschen starben an den Folgen, wie den Statistiken des Kuratoriums für Verkehrssicherheit zu entnehmen ist. Wie viele Senioren tatsächlich in ihren eigenen vier Wänden stürzen, lässt sich nicht zuletzt auch deshalb schwer feststellen, weil Betroffene solche Vorfälle oft vergessen oder aber verdrängen. Und nur ein Bruchteil der Sturz-Ereignisse führt überhaupt zu Kontakt mit Ärzten oder medizinischem Personal.

"Stürze im Alter passieren zwar häufig, es kommt dabei aber verhältnismäßig selten zu schweren Verletzungen", ergänzt Schindlegger. Belegt ist, dass etwa ein Drittel aller über 65-jährigen Menschen ein Mal pro Jahr stürzt, nur in 10 Prozent der Fälle kommt es dabei zu Knochenbrüchen. Von den Über-90-Jährigen ist es schon knapp die Hälfte, die jährlich zu Sturz kommt. Fakt ist auch: Frauen fallen weit häufiger als Männer.

Wachsende Sturzanfälligkeit

Die Bandbreite an Verletzungen reicht von leichten Abschürfungen über Knochenbrüche bis hin zu Hirnblutungen. Allen voran liegt der hüftnahe Oberschenkelbruch. Nicht zu unterschätzen sind auch psychologische Nachwehen: Ein Sturz in den eigenen vier Wänden kann für einen alten Menschen traumatisch sein, vor allem wenn der Betroffene stundenlang verletzt herum liegt und darauf wartet, dass Hilfe kommt. Manche entwickeln daraus panische Angst vor dem nächsten Sturz. Wer sich dann ein Vermeidungsverhalten angewöhnt, sich aus Furcht noch weniger bewegt, findet sich bald in einem Teufelskreis wieder, der noch sturzanfälliger macht. In solchen Fällen ist zusätzlich zur körperlichen Rehabilitation psychologische Begleitung angebracht - und viel Geduld: "Bis der Patient wieder Selbstvertrauen in seine Fähigkeiten gewinnt, ist es oft ein langwieriger Prozess", weiß Schindlegger.

Zunächst müssen jedoch die Ursachen geklärt werden, um weiteren Unfällen vorzubeugen. Bei den meisten Stürzen spielen mehrere Faktoren zusammen: Chronische Krankheiten wie etwa Diabetes, Herzrhythmusstörungen, Osteoporose, Epilepsie oder Demenz erhöhen das Sturzrisiko genauso, wie Polypharmazie, also die regelmäßige Einnahme von mehr als fünf verordneten Medikamenten pro Tag. Hier gilt es, die Medikamente neu anzupassen. Oft ist es auch das persönliche Verhalten, das früher oder später zum gefürchteten Fall führt: Wenn jemand trotz Seh- oder Gehschwäche die Brille nicht aufsetzt oder den Rollator beispielsweise nicht benutzt.

Ältere Menschen stürzen häufig auch, wenn sie in eine fremde Umgebung kommen. Daher ist bei Krankenhaus- oder Pflegeheimaufenthalten besondere Vorsicht angesagt. Und natürlich spielt immer auch die körperliche Konstitution eine Rolle: Je besser Oberschenkel-, Gesäß- und Rückenmuskulatur trainiert sind, umso leichter fällt das Aufstehen oder Gehen. "Den Menschen muss bewusst sein, dass sie an ihrem Körper auch im Alter arbeiten müssen", meint Schindlegger. Mit kontinuierlichem Muskelkraft- und Balancetraining lasse sich das Sturz- und Verletzungsrisiko durchaus minimieren, wie auch durch die regelmäßige Einnahme von Vitamin D3. Nach dem Unfall könne es aber zu-nächst sinnvoll sein, eine Schmerztherapie zu machen, damit der Betroffene sich zu regelmäßiger Bewegung überhaupt aufraffen kann.

Umgebung absichern

Oft ist die Unfallursache nicht beim Betroffenen selbst, sondern in der Wohnumgebung zu suchen. Am Boden liegende Kabel können ebenso ein Risiko darstellen, wie dämmrige Lichtverhältnisse, lose Teppiche, schlecht erreichbare Utensilien im Küchenbereich, glatte Böden oder zu hohe beziehungsweise niedrige Stühle.

In manchen Krankenhäusern gehört es zum Angebot, Wohnungen von Sturzpatienten durch Ergo- und Sozialtherapeuten auf Stolperfallen und andere Gefahrenquellen zu kontrollieren. "Oft sind es nur Kleinigkeiten, die verändert werden müssen, die aber für ein Plus an Sicherheit sorgen", so Schindlegger. Mit der seniorengerechten Gestaltung der häuslichen Umgebung reduziert sich das Sturzrisiko. Beidseitige Handläufe bei Stiegen, Sicherheitsgriffe in Duschen und Badewannen, Sessel und Betten in adäquater Höhe und helle Beleuchtung in den Gängen und Räumen erweisen sich hier als hilfreich. Teppiche lohnt es auf dem Boden zu befestigen und auf Faltenfreiheit zu kontrollieren. Praktisch für Senioren sind außerdem Ohrensessel mit Armlehnen, die das Aufstehen erleichtern. Rutschfeste Hausschuhe oder Socken erhöhen die Standfestigkeit. Um Fehltritten vorzubeugen, kann auch auf Gehstöcke, Badewannenlifte, Greifhilfen oder Hüftprotektoren zurückgegriffen wer-den. Für deren Anschaffung erhalten Risikopatienten Zuschüsse von den Krankenkassen.

Studien beweisen, dass Maßnahmen auf mehreren Ebenen die Sturzrate deutlich verringern, trotz-dem scheitert die Prävention oft infolge der Verdrängung des Problems. Schindlegger betont: "Viele tun sich schwer, etwas zu verändern. Dabei ist die Bereitschaft, etwas für seine Selbständigkeit und Sicherheit zu tun, am wichtigsten." (Jutta Kalian, derStandard.at, 21.8.2012)

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