12-16 Stunden täglich arbeiten? In der IT-Branche für viele längst Normalität

Alles kein Problem oder sicherer Weg in den Burnout? - Kritiker betonen Wert von Freizeit

Softwareunternehmen wie Google oder Microsoft werden oft für das mannigfaltige Rahmenprogramm, das sie ihren Angestellten bieten, gelobt. Was dabei gerne übersehen wird, ist die - von den Unternehmen durchaus erwünschte - Kehrseite dieser Medaille: Das Unternehmen wird zum uneingeschränkten Lebensinhalt vieler Angestellten, sie verbringen oft beinahe den gesamte Tag in der Arbeit. Für Startups gilt dies natürlich noch in stärkerem Ausmaß, immerhin ist es oft entscheidend für Erfolg oder Misserfolg einer Idee, die Entwicklung der zugehörigen Software so rasch wie möglich voranzutreiben.

Mentalität

Es scheint sich also in weiten Teilen der Branche eine Mentalität durchgesetzt zu haben, die Arbeitszeiten von 12-16 Stunden am Tag nicht für einen unhaltbaren Zustand sondern für Normalität halten. Auf Slashdot hat man einige aktuelle Artikel zu dem Thema zusammengefasst, die diesen Umstand verdeutlichen: So hat etwa Neo-Yahoo-Chefin Marissa Mayer unlängst in einem Interview ihre Auffassung von Arbeitsmoral zum Besten gegeben.

Frühzeiten

In den frühen Tagen von Google habe man oft die gesamte Nacht duchgearbeitet, sie sei selbst dabei auf 130 Stunden Arbeitszeit gekommen - pro Woche. Angesichts dessen, dass eine Woche in Summe aus 168 Stunden besteht, bleibt dabei kaum mehr genügend Zeit für Schlaf, geschweige denn für so etwas wie Freizeit. Was für viele wohl unvorstellbar wäre, sei laut Mayer kein wirkliches Problem - so lange man nur das Duschen gut manage und bereit sei unter dem Arbeitstisch zu schlafen.

Burnout?

An einen durch solch ein Verhalten induzierten Burnout glaubt Mayer schlicht nicht. Die Geschichte zeige, dass viele große Persönlichkeiten wie Einstein oder Churchill ihr Leben lang ein ähnliches Arbeitspensum gepflegt haben, dabei aber nie "ausgebrannt" seien. Burnout werde laut der Managerin durch Unzufriedenheit erzeugt, insofern sei der Trick herauszufinden, was einem wirklich wichtig sei, um solche Effekte zu verhindern.

Management

Als Managerin achte sie entsprechend darauf, dass dies bei ihren Angestellten nicht passiere. Als Beispiel verweist Mayer auf eine Situation, in der eine Mitarbeiterin offensichtlich immer unglücklicher wurde. Nach einem Gespräch habe sich herausgestellt, dass es an sich nicht die langen Arbeitszeiten waren, die diesen Effekt ausgelöst haben, sondern der Umstand, dass sie Fußballspiele und Vorträge ihres Kindes verpasst habe - insofern habe man sichergestellt, dass dies künftig nicht mehr passiere.

Kontrapunkt

Doch längst nicht alle in der Branche können einer solchen Arbeitsideologie etwas abgewinnen. So betont etwa Jason Fried, Chef von 37signals, in einem Gastbeitrag für die New York Times welch wichtigen Stellenwert die Freizeit einnehme, damit die Angestellten wirklich produktiv sein können.

Saisonal

Sein Unternehmen orientiere sich an den Jahreszeiten, immerhin sei es gerade im Sommer wichtig besonders viel Freizeit zu haben - wie es etwa in der Schulzeit auch der Fall sei. Also reduziere man bei 37signals die Arbeitszeit zwischen Mai und Oktober auf vier Wochentage - und dabei auf 32 Arbeitsstunden und nicht 40 die einfach enger gepackt werden.

Erfahrungen

Die langjährige Erfahrung zeige, dass die Qualität der gelieferte Arbeit in diesen vier Tagen durch das erweiterte Wochenende steige. Wenn die Arbeitszeit kompakter ist, neigen die Angestellten auch dazu, weniger Zeit zu vertrödeln.

Abwechslung

Zudem helfe auch etwas Abwechslung in das Geschehen zu bringen: So habe man unlängst allen Angestellten ein ganzes Monat gegeben, in dem sie selbst frei entscheiden können, was sie machen. Das Ergebnis sei extrem produktiv gewesen, betont Fried, insofern denke man bereits über eine Wiederholung nach. (red, derStandard.at, 21.08.12)

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