Drastischer Wechsel zur Wüste am Toten Meer

  • Der Pollen (unter dem Durchlichtmikroskop) stammt von Onopordum alexandrinum, einer Distelart aus dem Nahen Osten, die Steppenklima anzeigt.
    foto: arbeitsgruppe paläobotanik/uni bonn

    Der Pollen (unter dem Durchlichtmikroskop) stammt von Onopordum alexandrinum, einer Distelart aus dem Nahen Osten, die Steppenklima anzeigt.

Sedimentkernbohrung deutet auf überraschend schnelle Wüstenbildung binnen Jahrzehnten hin

Das Tote Meer, ein abflussloser Salzsee, ist für Forscher "ein begehrtes Archiv, das einen tiefen Einblick in die klimatische Vergangenheit gewährt", so Thomas Litt vom Steinmann-Institut für Geologie, Mineralogie und Paläontologie der Universität Bonn. Trockene Sedimente im Uferbereich - durch das dramatische Absinken des Seespiegels in den letzten Jahrzehnten - haben es dem deutsch-israelischen Forschungsteam ermöglicht, die klimatologische Vergangenheit der Region zu untersuchen.

Die Forscher der Uni Bonn haben gemeinsam mit dem GeoForschungsZentrum Potsdam am Westufer des Toten Meeres, in der Oase Ein Gedi, einen 21 Meter langen Sedimentkern entnommen und die Pollen in den Sedimenten sowie die Seespiegelschwankungen analysiert. Demnach kam es in den vergangenen 10.000 Jahren in der Region des Toten Meeres aufgrund von Klimawechseln zu überraschend schneller Wüstenbildung binnen Jahrzehnten. Die Forschungsergebnisse, die "als dramatisch" bezeichnet werden, wurden im geowissenschaftlichen Journal "Quaternary Science Reviews" veröffentlicht.

Forschungsergebnisse

Den im Sedimentkern enthaltenen fossilen Blütenstaub ordneten die Forscher niederschlags- und temperaturabhängigen Zeigerpflanzen zu. Das Alter der Schichten wurde mit der Radiocarbonmethode bestimmt. "Damit konnten wir das Klima der kompletten Nacheiszeit rekonstruieren", berichtete Litt. "Es handelt sich dabei um die bislang am weitesten zurückreichende Pollenanalyse am Toten Meer."

Insgesamt kamen drei verschiedene Vegetationsformationen in der Umgebung des Salzsees vor: In feuchten Phasen breitete sich eine üppige, mediterrane Hartlaubvegetation aus, wie sie auch heute noch im Mittelmeergebiet zu beobachten ist. Wenn es trockener wurde, war stattdessen eine Steppenvegetation auf dem Vormarsch. Noch trockenere Episoden waren durch Wüstenpflanzen gekennzeichnet. Die Forscher verzeichneten teils rasche zeitliche Wechsel zwischen feuchten und trockenen Phasen.

Vergleich mit Daten zu Seespiegelschwankungen

Die Belastbarkeit der so gewonnen Klimainformationen überprüften die Wissenschafter anhand von Daten zu den Seespiegelschwankungen im Toten Meer, die ihre israelischen Kollegen um Mordechai Stein vom Geologischen Dienst in Jerusalem erhoben haben. "Beide voneinander unabhängigen Datensätze stimmen sehr eng miteinander überein", so Litt. "In den anhand der Pollenuntersuchungen festgestellten feuchten Phasen kam es nach den Erkenntnissen unserer israelischen Kollegen tatsächlich zu einem steigenden Wasserspiegel im Toten Meer, in trockeneren Episoden dagegen zu einem sinkenden Spiegel." Dies ist plausibel, da der Wasserspiegel eines abflusslosen Endsees ausschließlich durch Niederschlag und Verdunstung beeinflusst wird.

Zu ausgeprägten Trockenphasen kam es nach den Daten der Bonner Forscher vor allem im keramischen Neolithikum (vor rund 7.500 bis 6.500 Jahren) sowie an der Grenze von später Bronzezeit und früher Eisenzeit (vor rund 3.200 Jahren). "Von diesen klimatischen Einschnitten waren auch die Menschen stark betroffen", sagte Litt. Die Trockenphasen könnten dazu geführt haben, dass die Stadtkultur der Kanaaniter zusammenbrach und Nomaden in ihr Gebiet vordrangen. "Darauf nimmt das Alte Testament Bezug: Die Israeliten zogen aus ins gelobte Land."

Verletzlichkeit der Ökosysteme

Der Blick in die Vergangenheit der klimatischen Schwankungen erlaubt überdies Szenarien für mögliche Entwicklungen in der Zukunft. "Unsere Ergebnisse sind dramatisch und zeigen die Verletzlichkeit der Ökosysteme am Toten Meer", so der Forscher. "Sie verdeutlichen, wie überraschend schnell sich eine üppige mediterrane Hartlaubvegetation binnen Jahrzehnten in eine Steppen- oder gar Wüstenvegetation verwandeln kann, wenn es zu mehr Trockenheit kommt." Die Folgen für die Landwirtschaft und Bevölkerungsernährung damals dürften verheerend gewesen sein. (red, derStandard.at, 25.8.2012)

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