Im Sandmeer der Côte d'Argent

Helge Sobik
20. August 2012, 16:47

Nicht weit von den höchsten Dünen Europas befinden sich berühmte Austernbänke. Für Ostréiculteur Claude beginnt bald wieder seine Lieblingssaison

Seit er denken kann, lebt Claude im kleinen Örtchen Le Canon. Die Strände der Côte d'Argent an der französischen Atlantikküste sind nur ein paar Schritte von seiner Haustür entfernt, und doch sind sie ihm gleichgültig. Seine ganze Aufmerksamkeit gilt den Austern, die er seit über einem halben Jahrhundert züchtet wie zuvor schon sein Vater und sein Großvater. Er umsorgt die kostbaren Schalentiere mit so viel Hingabe wie andere ihre Zwergkaninchen. Und er schwärmt von ihnen, als wären sie treue Haustiere.

Mindestens viermal im Leben einer solchen Muschel wird sie innerhalb der Austernbänke per Hand in planktonreichere Regionen umgesetzt, um vom weniger als fingernagelgroßen Winzling zur teuren Delikatesse heranzureifen. Claude verkauft die Erträge seiner Austernbänke im unscheinbaren Laden an der Hauptstraße. Außerdem beliefert er Delikatessgeschäfte und Edelrestaurants im benachbarten Bordeaux, in Paris und unten im Süden an der Côte d'Azur.

"Du musst die Austern lieben", sagt er und lacht unter seiner Baskenmütze hervor. "Und ich liebe sie!" Sein wettergegerbtes Gesicht strahlt. "Ich habe kein Händchen für Garten oder Erde. Da würde ich alles falsch machen. Meine Hände sind fürs Salzwasser bestimmt, genauer gesagt für die Arbeit mit Austern." Der alte Mann mit dem jugendlichen Charme isst jeden Tag ein gutes Dutzend seiner Schützlinge. "Das hält jung."

Nachwuchsprobleme gibt es in den Austernfischerorten mit ihren blau und weiß gestrichenen Holzhäuschen kaum: "Ich kenne keinen Sohn weit und breit, der nicht den Austernjob seines Vaters übernommen hätte", sagt Claude. 800 Ostréiculteurs - so lautet die Berufsbezeichnung offiziell - gibt es in den Orten an der Bucht von Arcachon. Es sind Leute wie er: Menschen, die sich nicht für die Strände und für den Rummel am anderen Ende der Bucht interessieren, sondern stattdessen einen Blick für die Muscheln, das Wasser, das Wetter haben.

Die höchste Düne Europas? Ein Tag im Sand? Nichts für Claude. Er war mal da, das ist mindestens zwanzig Jahre her. Warum er dort hinfahren sollte? Er weiß es nicht. Sonne hat er hier auch. Und er hat seine Austern, sein Haus, seine Terrasse und seinen geliebten Sessel mit Blick auf den Ozean.

Claude verpasst die merkwürdigen Gestalten in wallenden Gewändern, die diesen Abend die Hänge der Düne von Pilat vor den Toren von Arcachon erklimmen. Urplötzlich tauchen sie auf dem über 120 Meter hohen Kamm des sandigen Naturwunders auf, darunter auch eine Jongleurin, die Kegel in der Abendluft rotieren lässt. Zwei Männer in melancholischen Clown-Kostümen schauen ihr dabei zu. Eine Frau im Abendkleid spielt Geige, während die letzten Strahlen der allmählich über dem Meer versinkenden Sonne die Szenerie in geisterhaftes Licht tauchen. Und immer wieder klicken die Fotoapparate. Das Grüppchen wirkt dabei wie eine eine irritierende Projektion aus einer anderen Zeit.

Clowns mögen keine Austern

Des Rätsels Lösung ist ganz prosaisch: Die kostümierten jungen Artisten sind zu einer Fotoproduktion auf die Düne an der Côte d'Argent gekommen und haben sich im Sandmeer vor dem Hintergrund des Ozeans werbewirksam in Szene setzen lassen. Mit Austern haben sie so wenig im Sinn wie Claude mit Dünen und Clownerie.

Doch die Erscheinung der kostümierten Artisten bündelt, was diese Düne an Zauber ausstrahlt - ein riesiger, unwirklich wirkender Sandberg, von Wind und Wetter geformt, knapp drei Kilometer lang, bis zu 500 Meter breit, von niemandem in Zaum zu halten. Jedes Jahr wandert er in Richtung Pinienhain, begräbt nach und nach und Zentimeter für Zentimeter ganze Ferienhäuser unter sich und zwingt die Bewohner der Umgebung, jeden Abend Terrassen, Fensterbänke und Swimmingpools vom Flugsand zu befreien. Ganz so, als hätten sich ein paar Quadratkilometer Sahara an die Küste 70 Kilometer südwestlich von Bordeaux verirrt.

Mittlerweile steht die Dune de Pilat unter Naturschutz. Gleichzeitig ist sie Magnet für Urlauberscharen, die sich im Sommer hier tummeln und oft auf den Campingplätzen der Umgebung ihren Urlaub verbringen. Und doch ist sie nur ein kleines Symbol für die dutzende Kilometer weiten Dünenlandschaften und für die endlosen Strände der französischen Atlantikküste zwischen Cap Ferret, Arcachon und Cap Breton. Und natürlich auch für die Heimat der Austern.

Immer wieder führen Stichstraßen von der weit im Hinterland verlaufenden Schnellstraße durch kilometerbreite Kiefern- und Pinienwälder zum Meer und den Badeorten dieser silbernen Küste. Eine direkte Küstenstraße gibt es nicht. Und Gedränge kann es abseits der wenigen Badeorte nicht mal in der sommerlichen Hochsaison geben - undenkbar, bei der Breite und Länge dieser Strände. Wer durch den samtig weichen Sand wandert, weg von den wenigen Straßen, den Park- und den Campingplätzen, der findet nach ein paar hundert Metern die Einsamkeit. Mit etwas Geschick kann man sich den Sand zur Sonnenliege formen. Während die Surfer wie winzige Punkte auf den Wellen reiten, lässt man sich die Sonne bis tief in die Seele scheinen und lauscht dabei dem Rauschen des Meeres.

Als Urlaubsregion entdeckte man die Atlantikküste bereits vor über hundert Jahren - anfangs noch als Sommerfrische der Schönen und der Reichen, der Adeligen und der Künstler. Napoleon III. hielt in Arcachon im Viertel Ville d'Hiver Hof. Toulouse-Lautrec lebte und malte hier. Und Picasso machte Station in Biarritz.

In der Nähe des Dörfchens Mimizan preschen Pferde durch den einsamen Kiefernwald. Im Galopp pflügen sie über den Waldboden Richtung Strand, toben mit Reitern im Sattel vorbei an Heidekraut und Ginsterbüschen, jagen an einsamen Küsten über den festen, immer vom Wasser der Wellen benetzten Sand. Pferde wie Reiter scheinen die Freiheit zu genießen, dieses zauberhafte Gefühl, alles hinter sich gelassen zu haben. Da wird es schon fast zum Kulturschock, wenn an Sommerabenden in den Bars und Bistros zwischen Biscarosse und Hossegor laut gefeiert wird. Kein Wunder: Selbst auf der kleinsten Speisekarte tauchen Austern auf.

Im Sommer, wenn die Touristen da sind, ist die Palette der Freizeitmöglichkeiten weit gespannt. Danach versinkt die Küste wieder in ihrer so kaum wegzudenkenden Stille. Dann bleiben nur der Sand, die Wellen und der Strandhafer, der auf den Dünen den Atlantikwinden trotzt. Dazu ein paar einsame Spaziergänger, verspätete Sonnenanbeter und vereinzelte Angler, die auf den großen Fang hoffen. Und natürlich Claude mit seinen Austernfischerkollegen. (Helge Sobik, Album, DER STANDARD, 18.8.2012)

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4 Postings
Schön ist's dort.

Aber die Schönen und Reichen, die Adeligen und Künstler hatten wohl eher das warme Badewasser Bassin für sich entdeckt, der Atlantik ist nämlich nicht so ohne dort. Ständig ersaufen Leute.

Ich habe als 14jähriger einen wunderschönen Sommer in Mimizan verbracht - und wäre fast ertrunken. Erst als ich aufgab gegen die Wellen zu kämpfen hat mich die Luft in meinen Lungen an die Oberfläche gezogen und ich hab es irgendwie rausgeschafft. Achja, und ich war im Schwimmverein.

Tolle Gegend...

... sollte man sich im Rahmen einer Weinreise ins Bordeaux nicht entgehen lassen! Authentischer und günstiger geht Austernschlürfen nicht - direkt beim Fischer mit einem (guten) Weisswein geniessen.... für Austernliebhaber ein Muss!!

Ja, surfen kann man da schon gut!

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