Und sie machten sich selbst Vorhäute!

Gastkommentar21. August 2012, 09:34
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Die Diskussion um die Vorhaut geht bis in die Antike zurück. Schon damals trafen jüdische Tradition und westliche Kultur aufeinander

Für Juden ist die Beschneidung im Sinne des Abtrennens der Vorhaut vom Penis das unverzichtbare Zeichen der Zugehörigkeit zum Gottesvolk. Es ist das Zeichen des Bundes zwischen Gott und seinem erwählten Volk. Im Kapitel 17 des Buches Genesis der Bibel setzt Gott mit Abraham zum ersten Mal dieses Bundeszeichen fest: als sichtbares Zeichen des Bundes, den Gott mit Abraham und seinen Nachkommen, also Israel, geschlossen hat.

Bewahrung der Tradition oder Anpassung?

Trotz der zentralen Bundes- und damit Identitätsstiftenden Funktion der Beschneidung für Juden wurde sie schon in der Antike zur Disposition gestellt, nämlich in hellenistischer Zeit. Dabei ist die damalige Dynamik der heutigen nicht so unähnlich - auch seinerzeit ging es um die Bewahrung der jüdischen Tradition versus die Assimilation an die westliche Kultur und ihre Werte.

Waren Juda und Jerusalem bereits von Alexander dem Großen in sein Weltreich eingegliedert worden, so blieb die griechische Kultur noch Jahrzehntelang dem Judentum fern. Erst mit einiger Zeitverzögerung unter der Oberherrschaft der griechisch-seleukidischen Könige im Laufe des zweiten Jahrhunderts vor Christus kam es zu einem Hellenisierungsdruck primär kulturell-religiösen Inhalts, der schließlich in Zwangmaßnahmen und dem Verbot der Ausübung der jüdischen Religion, u.a. dem Beschneidungsverbot gipfelte. Das löste die sogenannte makkabäische Erhebung aus, ein mehrjähriger Krieg der Juden gegen die griechische Supermacht, der schließlich zur Gründung eines unabhängigen, kulturell wie religiös konservativen jüdischen Staates führte.

Im Vorfeld der Erhebung kam es aber auch zu einer Welle der Assimilierung von großen Teilen der jüdischen Oberschicht in Jerusalem. Die Einführung der griechischen Athletik spielte bei der Hellenisierung der Juden in Jerusalem bzw. ihrer Assimilierung eine wesentliche Rolle. Ein Gymnasium wurde gebaut, in dem die jüdische Jugend als Epheben Seite an Seite mit der Jugend der griechischen Kolonialisten ihre athletischen Übungen durchführen konnten. Nackt natürlich, wie damals üblich. Und somit waren auch die Genitalien der Epheben zu sehen und daher konnten alle Anwesenden unschwer erkennen, ob ein Athlet im Gymnasium beschnitten war oder nicht.

Griechisches Schönheitsideal

Beschneidung aber war in der griechischen (wie auch in der römischen) Kultur nicht nur unüblich. Ein schöner Penis hatte eine Vorhaut, eine möglichst lange sogar. Ein schöner Penis war übrigens auch nicht besonders groß, sondern maßvoll, also eher klein. Klein und mit ausreichend Vorhaut galt als schicklich. Die meisten österreichischen Männer dürfen nun erleichtert aufatmen. Sie entsprechen schlicht dem antiken griechischen Schönheitsideal. Ein beschnittener Penis galt im besten Fall als komisch und peinlich, grundsätzlich eher als widerlich und abstoßend; Beschneidung war Barbarei. Mit anderen Worten: die jüdische Jugend im Gymnasium hatte also ein massives Problem, ein schweres Defizit. So konnte man keinesfalls auf den Sportplatz, so unten ganz ohne.

Antike Hilfsmittel

Unter diesen Umständen erscheint es verständlich, dass jugendliche Juden aus besserem Hause, die sich von der griechischen Lebensart angezogen fühlten und gerne als Epheben mit den Griechen im Gymnasium trainieren wollten, ohne sich dem allgemeinen Spott auszusetzen, unbedingt ihre Beschneidung zu verbergen oder - rückgängig gemacht wünschten. Doch die jüdische Jugend wusste sich rasch zu helfen und die in der antiken Literatur überlieferten Hilfsmaßnahmen zeigen, dass eine kreative Aneignung von kulturellen Trends durch Teenager keine Neuigkeit ist. Der alles andere als wohlgesinnte Autor des ersten Makkabäerbuches schreibt von "gesetzeslosen Söhnen" und poltert entsetzt: "Und sie machten sich selbst Vorhäute" (1 Makk 1,15). Was bedeutet denn das?!

In der Forschung sind im Wesentlichen drei Thesen zur Erklärung vorgelegt worden: die gängigste ist die eines chirurgischen Eingriffs, seit langem bekannt und ebenso skurril ist die des sogenannten "jüdischen Gewichts", der Verfasser erklärt die "selbstgemachten Vorhäute" schließlich lieber mit der kreativen Verwendung von cooler griechischer Sportausrüstung durch ehrgeizige jüdische Epheben bzw. Athleten.

Den Eingriff zur Wiederherstellung einer die Glans bedeckenden Vorhaut kennt man als Epispasmos. Für die Antike sind verschiedene Arten des Epispasmos überliefert. Die vielleicht bekannteste Art ist die "Celsus-Operation", benannt nach dem römischen Enzyklopädisten und Arzt Celsus, der Mitte ersten Jahrhunderts nach Christus in seinem Werk "Über die Medizin" darüber berichtet. Es handelt sich, vereinfacht ausgedrückt, um ein Abtrennen der Penishaut vom Schaft, ein Vorziehen dieser Haut über die Glans und Fixieren derselben. Eine nicht unblutige Sache, die wohl kaum von den "frevelhaften Söhnen" selbst vorgenommen werden konnte.

Eine nicht-chirurgische und Variante des Epispasmos ist durch den griechischen Arzt und Pharmakologen Dioskurides (erstes Jahrhundert nach Christus) in seiner Arzneimittellehre "Über Heilmittel" überliefert, der unter anderem von der Verwendung des Saftes der Thapsie, also des Böskrauts beziehungsweise der Purgierdolde schreibt, deren Saft durch seine leicht toxische Wirkung ein Ödem hervorruft, das durch Fett erweicht einen Vorhautersatz bilden kann.

Antikes Genital-Piercing als Bestrafung

Es standen aber auch rein mechanische, nicht-chirurgischen Methoden des Epispasmos zur Verfügung. Die Technik des Vorhaut-Dehnens war in der semitischen Welt, in der Beschneidung ja allgemein üblich war, generell bekannt. Beschnittenen Kriegsgefangenen etwa konnte die Vorhaut gedehnt und infibuliert werden - die Vorhaut wurde durchbohrt und dann mit einem Ring oder eine Klammer (fibula) verschlossen. Dadurch wurde die Denudation der Glans verhindert und damit war Geschlechtsverkehr und in weiterer Folge Fortpflanzung unmöglich. Es gab also einmal eine Zeit, in der ein Genital-Piercing eine Form der Bestrafung war.

Infibulation war auch in der griechisch-römischen Kultur zwecks Einschränkung eines allzu ausschweifenden und daher gesundheitsabträglichen Sexuallebens bekannt, wie wir es z.B. aus den Epigrammata des römischen Dichters Martial kennen. Auf ihn geht auch das Missverständnis des "Jüdischen Gewichts" zurück, von dem er in Epigr. VII 35 schreibt und das in der medizin-historischen Literatur bis heute als Mittel des Epispasmos fehlinterpretiert wird. Das "Gewicht", mit dem der jüdische Sklave ausgestattet ist, der offensichtlich auch infibuliert ist und der gerade seiner römischen Herrin im Bad "alternative" Dienste leisten soll - aber nicht so einfach kann, ist in der lateinischen erotischen Literatur der besonders große Penis des jüdischen Sklaven, der der römischen Herrin ein besonders großes Vergnügen bereiten soll.

Antike männliche "Schutzeinrichtungen"

Aus dem Bereich der griechischen Athletik ist auch das Zubinden der Vorhaut mit einer "Kynodesme", einem dünnen Lederband überliefert. Wozu war das nun gut? Die gängigste Annahme ist, dass die Kynodesme ein Hilfsmittel gewesen ist, um beim Durchführen athletischer Übungen ein Denudieren der empfindlichen Glans zu verhindern und diese so vor Verletzungen zu schützen. Mehr noch, die Kynodesme sei eine Art Schutzeinrichtung im Sinne eines modernen Suspensoriums gewesen.

Dazu ist zu bemerken, dass die Kynodesme, egal auf welche Art sie nun gebunden wird, einen recht unwirksamen Schutz der Genitalien vor Verletzungen darstellt; am gefährdetsten sind wohl die Testikel und nicht die Glans. Außerdem ist es eine Tatsache, dass sich der Penis bei großer Körperanstrengung wie dem Durchführen athletischer Übungen "zusammenzieht", was durch das Abfließen von Blut aus den Schwellkörpern des Penis in andere Muskelpartien des Körpers erklärt werden kann. Durch dieses Zusammenziehen der Schwellkörper des Penis ist Vorhaut im großen Überschuss vorhanden, die Glans eigentlich gut geschützt und vor allem der Penis, so groß er sonst auch sein mag, in keinem Fall ein Hindernis beim Durchführen athletischer Übungen und im Fall eines Stoßes etc. eher unempfindlich.  Eine Schutzfunktion im Sinne eines Suspensoriums ist also unwahrscheinlich. Vielmehr ist wahrscheinlich, dass die Kynodesme ein grundsätzliches Requisit nackter Männer im Gymnasium gewesen ist, um ein Denudieren der Glans eher aus Gründen der Schicklichkeit (s.o.) und nicht der Sicherheit zu verhindern.

Einvernehmlichen Lösung wird immer noch gesucht

Und das Tragen der Kynodesme im Gymnasium von Jerusalem scheint jedenfalls die beste Erklärung für "selbstgemachte Vorhäute" zu sein: jüdische Jugendliche legten sich am Sportplatz die Kynodesme an, denn ihr Defizit an Vorhaut war im wörtlichen Sinne offensichtlich, ihre konstant denudierte Glans aber unschicklich. Tatsache ist, dass es sich bei dem "Machen von Vorhäuten" aus der Perspektive des jüdisch-orthodoxen Autors des ersten Makkabäerbuches um einen schweren Verstoß gegen die Gebote der Tora, gegen den Bund handelte, sodass die Ursache für diesen Verstoß, die Ausübung von Sport nach griechischer Art im Gymnasium, von den orthodoxen Juden nach allen zur Verfügung stehenden Kräften bekämpft wurde. Mit Blick auf die so eben beendeten olympischen Spiele erscheint eine einvernehmliche Lösung doch naheliegend gewesen zu sein: Shorts. Vielleicht kommt es zumindest in der aktuellen Beschneidungsdebatte noch zu einer intelligenten einvernehmlichen Lösung. (Friedrich T. Schipper, derStandard.at, 21.8.2012)

Friedrich T. Schipper ist Archäologe und stellvertretender Vorstand des Instituts für Alttestamentliche Wissenschaft und Biblische Archäologie an der Universität Wien. In seiner Dissertation befasste er sich mit Beschneidung, Athletik und Identität im antiken Kontext des jüdisch-hellenistischen Konflikts. In seiner Habilitationen befasst er sich mit der Rolle des kulturellen Erbes in Jerusalem im aktuellen Kontext des israelisch-palästinensischen Konflikts.

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