Ein Fenster in die Welt der Anderen

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  • "Erstgeborene Esel werden von chassidischen Juden verehrt."
    foto: andreas hackl

    "Erstgeborene Esel werden von chassidischen Juden verehrt."

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Ausstellung zum chassidischen ultraorthodoxen Judentum zeigt Israelis Neues über Israelis

In Jerusalem lauern hinter jedem Eck markante Gegensätze. Die „Anderen" sind dabei oft allzu klar erkennbar, ob an der Kleidung, oder an den Vorurteilen mit denen wir sie belegen. Und doch weiß man kaum etwas über diese Anderen, auch wenn man sie jeden Tag sieht. Ganz besonders, wenn es um ultraorthodoxe Juden geht, die zwar nebenan, aber doch in einer anderen Welt leben.

Genau das will die Ausstellung „A World Apart Next Door" im Israel Museum in Jerusalem ändern. Die Welt des chassidischen (ultraorthodoxen) Judentums wird dabei unverschleiert zur Schau getragen. Das Interesse ist rekordverdächtig. Rund 1300 Besucher sollen es täglich sein, die sich die Ausstellung ansehen. Dabei ist der Mix an Besuchern schon eine Besonderheit für sich: Studentinnen in Trägerleibchen schlendern genauso gespannt durch die Ausstellungsräume wie ultraorthodoxe Paare mit Kinderwagen.

Was ist chassidisches Judentum?

Dass einige Leute schon vor dem Einführungstext zur Ausstellung minutenlang hängen bleiben, erklärt bereits wie wenig viele Israelis über das chassidische Judentum und das ultraorthodoxe jüdische Leben wissen. 

Chassidisch bedeutet wörtlich so viel wie fromm und beschreibt eine Bewegung die im 18. Jahrhundert in der heutigen Ukraine als Reaktion auf eine streng rechtliche und regelbezogene Auslegung des Judentums entstanden ist. Der Urvater des Chassidismus, Rabbi Israel Ben Eliezer, oder „heiliger Baal Shem", wie er auf Jiddisch genannt wird, war einer von mehreren charismatischen Persönlichkeiten die damals den jüdischen Gläubigen mehr spirituellen Gehalt und physische Erfahrungen mitgeben wollten. Auch heute unterscheiden sich chassidische Ultraorthodoxe durch ihre spirituelle und mystische Praxis von anderen Ultraorthodoxen Richtungen.

Die chassidische Gemeinschaft ist meist um einen Rebbe organisiert, dessen Autorität weiter vererbt wird. Im Gegensatz zu einem üblichen Rabbiner, der mit der jüdischen Rechtsauslegung betraut wird, gibt der Rebbe auch spirituellen und lebenspraktischen Rat. Rebbe ist die jüdische Bezeichnung, während er auf Hebräisch Admor genannt wird.

Feiern und Beten

Die Ausstellung im Israel Museum hält durchaus einige Überraschungen bereit: etwa ein Foto von einem Esel, der schick angezogen, mit einem Hut am Kopf, ruhig auf einem Podest sitzt, und von Gläubigen verehrt wird. Nach chassidischer Praxis soll für jeden erstgeborenen Esel ein Lamm geopfert werden, und so soll der Esel „erlöst" werden. Immerhin hat er durch das schwere Lastentragen die Menschheit lange Zeit überleben lassen.

Auch die traditionellen jüdischen Feiertage werden in der chassidischen Gemeinschaft speziell abgehalten. So zeigt ein Video hunderte Männer die um einen Rebbe herum stehen, tanzen und ausgelassen singen. Das ganze wird „Tisch" genannt. Dabei haben einige eine muslimische Mütze mit Quaste auf, während Kinder Uniformen des israelischen Militärs tragen. Beim „Tisch" zum jüdischen Purim-Fest verkleidet man sich gerne. Es wird auch getrunken. 

In der chassidischen Welt aufwachsen

Ein Raum der Ausstellung ist den chassidischen Kindern und Jugendlichen gewidmet, die oft relativ isoliert von der Außenwelt aufwachsen. „Mit drei lernen sie die Buchstaben, mit fünf die ersten Teile der Bibel", steht unter einem Foto von Kleinkindern die gerade die hebräischen Buchstaben lernen. In einer Glasvitrine wird Einblick in die ultraorthodoxe Spielewelt geboten: das Brettspiel Candy-Land heiß hier Mitzvah-Land. „Mitzvah" ist eine religiöse und gesellschaftliche Pflicht, und die lernen Kleinkinder so spielerisch. „Den Eltern helfen" und „die Mesusa küssen" sind nur zwei der vielen Stationen am Brettspiel. Mesusa heißt die verzierte Schriftkapsel die üblicherweise an einem Türpfosten angebracht wird, die religiöse Juden mit der Hand küssen wenn sie durch die Tür gehen.

Fellmützen und Hochzeitskleider

In einem von mehreren Videos die an die Wand projiziert werden wird die Herstellung der traditionellen Fellmützen erklärt. „Dieser Hase wird verarbeitet", sagt ein Hersteller, und hält ein getrocknetes Hasenfell in die Höhe. Aus der tierischen Rohform werden die Hüte je nach Vorliebe geformt. „Für chassidische Juden verwandelt das Tragen der Fellmütze am Sabbat die Erniedrigung der Vergangenheit, als Juden gezwungen wurden Tierschwänze zu tragen, in einen Akt von Stolz", erklärt ein Text in der Ausstellung.

Auch die Kleider von Frauen werden ausgestellt. Dabei dürften viele die Hochzeitsfotos überraschen, bei denen die Ehefrauen ihr Haar offen tragen und im eleganten Hochzeitskleid prahlen. Das kommt dem üblichen Bild der ultraorthodoxen Frau in zugeknöpfter Bluse und Perücke mit geschorenem Haar darunter gar nicht gleich. Auch wenn körperliche Schönheit im alltäglichen ultraorthodoxen Leben oft Tabu ist, „wird von Frauen erwartet sich für ihren Mann schön zu machen", erklärt ein Schild.

„Ich finde, dass jeder so leben soll, wie er will. Und diese Ausstellung verkörpert das für mich", sagt Lea, eine israelische Besucherin nach dem Rundgang durch die Ausstellung. „Für uns sehen die Ultraorthodoxen alle gleich aus. Aber hier sieht man, dass es viele unterschiedliche Traditionen gibt. Es hat mir ein Fenster in eine andere Welt geöffnet."

 

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