Orthodoxe und Katholiken wollen Gräben überwinden

Moskauer Patriarch Kyrill besucht Polen

Die Kirchen Russlands und Polens wollen sich versöhnen. Mit einem durchaus als historisch zu bezeichnenden Appell an die Gläubigen forderten das Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche, der Moskauer Patriarch Kyrill I., und der katholische Erzbischof Józef Michalik zu einem "brüderlichen Dialog" auf, an dessen Ende die Versöhnung stehen soll. Dem zugrunde liegt ein schriftlicher Appell an die Gläubigen beider christlicher Kirchen, der am Freitag in Warschau unterzeichnet worden war.

Schon Papst Johannes Paul II. (1978- 2005) hatte sich um Versöhnung zwischen den beiden Kirchen bemüht. Doch der damalige Moskauer Pa triarch Alexij II. hatte das immer wieder abgelehnt. So blieb einer der Herzenswünsche des polnischen Papstes unerfüllt.

Nun soll der Besuch von Kyrill I. in Warschau - dieser ging am gestrigen Sonntag zu Ende - der erste Schritt zu seiner offiziellen Visite im Vatikan sein.

Historische Aufarbeitung

"Wir appellieren an unsere Gläubigen, dass sie um Vergebung für das Leid, für die Ungerechtigkeiten und für alles gegenseitig angetane Unrecht bitten", heißt es in dem Aufruf. Welches Leid und welche Ungerechtigkeiten konkret die Geistlichen im Sinn haben, führten sie nicht weiter aus.

Im gemeinsamen Appell erläutern die Geistlichen, dass die Bitte um Vergebung der erste und wichtigste Schritt sei, um das gegenseitige Vertrauen wiederherzustellen. Vergebung bedeute aber nicht auch Vergessen. Die schwierigen und tragischen Abschnitte der russisch-polnischen Geschichte müssten von Historikern beider Seiten aufgearbeitet werden.

Auch wenn der Versöhnungsaufruf die Toleranz als einen wichtigen Wert beschwört, sind es doch eher die zu gemeinsamen Feinden erklärten Homosexuellen und Befürworter von Abtreibung und Sterbehilfe, die die Geistlichen der beiden christlichen Kirchen einen. Auch gegen Konsumdenken und die Entfernung religiöser Symbole aus öffentlichen Gebäuden wollen sie gemeinsam vorgehen.

Ob Patriarch Kyrill - der im Zusammenhang mit dem Prozess gegen die russische Punkband Pussy Riot (s. Artikel Seite 2) in Erscheinung getreten war - demnächst auf seine Privatresidenz am Schwarzen Meer und seine Luxusuhren verzichten will, um mit gutem Beispiel voranzugehen, wurde nicht erörtert; ebenso wenig, ob der Kindesmissbrauch durch katholische Priester in Polen demnächst ähnlich systematisch aufgearbeitet werden soll wie in den USA und Westeuropa.

Kyrill reiste auf Einladung der russisch-orthodoxen Kirche in Polen vier Tage lang durch das überwiegend katholische Land. Es ist der erste Aufenthalt eines russischen Patriarchen in Polen. (Gabriele Lesser aus Warschau /DER STANDARD, 20.8.2012)

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