Nachrichten in aller Kürze
Alles zur Community
Nachrichten, die zu Ihnen kommen: Newsletter, Feeds und SMS
Alles zu unseren mobilen Angeboten: Apps, Mobilversion und SMS
Unsere Radio- und TV-Angebote
Die Zeitung im Internet: Abo, E-Paper, Anzeigen und mehr
Alles über die Redaktion von derStandard.at
Alles über Onlinewerbung, Stellenanzeigen und Immobilieninserate

Über der Südautobahn knapp vor Wien - immer mehr Menschen zieht es an die Peripherie. Ohne eigenes Auto geht da meist wenig. Die Kosten sind enorm.
Wien - Zum Flanieren lädt das Ortszentrum nicht ein. Der Bundesstraßenverkehr rauscht direkt an Kirche und Gemeindeamt vorbei, der Hauptplatz ist ein Parkplatz mit einem kleinen Greißler am Eck. Doch viel zu Fuß gehen die Einheimischen ohnehin nicht. Für einen größeren Einkauf fahren sie mehrere Kilometer mit dem Auto. In die Arbeit sowieso.
Ein tristes Kaff, dem die Bürger davonlaufen? Der Eindruck täuscht. Haslau-Maria Ellend ist, wenn man so will, die Boomtown Österreichs. Keine andere Gemeinde wuchs im letzten Jahrzehnt stärker. Um 30 Prozent hat das Dorf zwischen Flughafen und Donau östlich von Wien zugelegt.
"Die Leute kommen zu uns, weil sie die Stadt satthaben", sagt Bürgermeisterin Elisabeth Scherz und zeigt auf einen alten Ortsplan in ihrem Amtszimmer. Wo einst Traktoren ackerten, stehen heute Einfamilienhäuser in Mintgrün, Gagerlgelb und Himmelblau. Vor allem junge Familien sind es, die sich hinter Thujenhecken den Traum von den eigenen vier Wänden erfüllen. Fünf Volksschulklassen belegt der Nachwuchs der 1876 Einwohner bereits, erzählt Scherz stolz, der Kindergarten betreut Sprösslinge ab zweieinhalb Jahren. Die "Natur vor der Haustür", aber dennoch Jobs in Reichweite biete das "stressfreiere" Leben an der Wiener Peripherie: "Ich bin vor 20 Jahren selbst aus Favoriten hergezogen - und will nicht mehr zurück."
Nicht nur in Haslau-Maria Ellend verdrängt Beton Zuckerrüben und Kukuruz: Rund um die Metropolen des Landes legen die Speckgürtel mächtig an Fett zu. Doch was den Zuzüglern als Win-win-Situation erscheint, ist Kritikern ein Gräuel. Eine "volkswirtschaftliche und ökologische Verantwortungslosigkeit" nennt der Raumplaner Reinhard Seiß die Manier, mit der entlang der Stadtgrenzen "Steuergeld verschwendet" werde.
Warum, zeigen Kostenaufstellungen. Die Erschließung mit Straßen, Wasser, Gas und Kanal sei in Streusiedlungen viermal so teuer wie in kompakten Wohngebieten, rechnet der Verkehrsclub Österreich vor, doch die Verursacher zahlten sich den Spaß nicht selber. Nur 37 Prozent der Kosten entfielen auf die Bewohner, den Rest berappe die Allgemeinheit.
Teuer kommen auch Dienstleistungen wie Heimhilfe oder Schulbus: In Einzelhauskolonien müssen die Gemeinden mit jährlich 40 Euro pro Person rechnen, im dichtverbauten Areal mit nur drei. Ebenso wenig decke der private Autoverkehr, der im Speckgürtel State of the Art ist, die verursachten Kosten, sagen die Experten. "Doch die Leute sind nicht nur zu bequem, sich Alternativen zum Einfamilienhaus zu suchen, die Politik bietet auch kaum eine an", ärgert sich Seiß. "Im Gegenteil: Sie fördert die Suburbanisierung massiv und macht, was deren Folgen betrifft, beide Augen zu."
Dem Raumplaner fällt eine Liste an Goodies ein, die zum "Drive-in-Leben" verlocken: von der Pendlerpauschale bis zur unabhängig vom Standort gezahlten Wohnbauförderung, von Steuervorteilen für Firmen- und Dienstwägen bis zur Bauordnung, die ungeachtet des Öffi-Angebots am Arbeits- und Wohnort Parkplätze vorschreibt. Weg mit den schäd lichen Begünstigungen, fordert Seiß, "heute, nicht morgen! Dann wird sich die unbedachte Nutzung des Autos rasch aufhören."
Bürgermeisterin Scherz kann sich mit solch einem Kahlschlag weniger anfreunden - und erhebt soziale Einwände. Vor allem berufstätige Frauen, die schlechter verdienten, würden ohne Pendlerpauschale hart draufzahlen, sagt sie. Den schwarzen Peter will die Sozialdemokratin sich und ihren Bürgern nicht zuschieben lassen, zumal eh viele die Bahn nehmen. Aber natürlich sei auch die neue S1 entlang des Wiener Ostrandes "eine tolle Sache. Da ist man im Handumdrehen im Süden."
Dort zeigt sich eine Szenerie, von der das in Felder gebettete Maria Ellend noch weit entfernt ist: Wuchernde Vorstädte wachsen zusammen, getrennt nur durch riesige Einkaufshallen mit noch größeren Parkplätzen. "Architektonischer Müll" werde da an den Ortseinfahrten abgeladen, schimpft Seiß: "Da wehren sich manche Länder und Gemeinden unter dem Vorwand des Ortsbildschutzes gegen Minarette - und lassen dann zehn Meter hohe Säulen mit rotierenden Einkaufssackerln zu. Das ist eine Kulturlosigkeit sondergleichen."
Allmählich drohten die Kosten der Zersiedelung "uns über den Kopf zu wachsen", warnt der Experte und fordert Anstrengungen, um die Kernstädte wieder attraktiver zu machen, denn: "Es kann auch sein, dass wir es uns einmal nicht mehr leisten können, jedes Lebensmittel zweimal um den Globus zu schicken, und wieder stärker auf lokale Produkte angewiesen sind", so Seiß. "Doch dann werden die fruchtbarsten Ackerböden bereits verbaut sein." (Gerald John, DER STANDARD, 20.8.2012)
WISSEN
Der Traum vom Eigenheim lockt
Das Umland der großen Städte boomt stärker als diese selbst: Laut Prognose werden die so genannten Speckgürtel in den nächsten Jahrzehnten massiv an Bevölkerung gewinnen. Für die Wiener Peripherie rechnet beispielsweise die Statistik Austria bis zum Jahr 2050 mit Zuwächsen von 30 bis 40 Prozent, Spitzenreiter soll die Region Schwechat mit 47 Prozent sein. Kräftig wachsen werden auch die Regionen um Graz, Linz und Dornbirn sowie das Nordburgenland als erweitertes Einzugsgebiet der Bundeshauptstadt.
Gleichzeitig droht abgelegenen und "strukturschwachen" Gebieten - etwa der Obersteiermark, großen Teilen Kärntens und Osttirols oder dem Waldviertel - Abwanderung. In erster Linie ist es die größere Auswahl an qualifizierten Jobs und attraktivem Wohnraum, die Menschen, vor allem mit höherem Bildungsniveau, in die Ballungszentren lockt.
Im Speckgürtel lassen sich diese Vorteile mit dem Traum vom Eigenheim im Grünen sehr gut kombinieren - allerdings unter hohen Kosten. (jo. DER STANDARD, 20.8.2012)
Woher nehmen Sie denn das Insiderwissen, dass diese "Damen und Herren Kritiker" alle ein Haus am Stadtrand haben und in die grindige SCS einkaufen gehen? Oder ist es für Sie gar unvorstellbar, dass es Leute gibt die gänzlich ohne diese Dinge auskommen?
Es wächst nicht der Speckgürtel sondern die Stadt an sich. Dadurch wird es für jene, die gerne einen (kleinen) Garten haben, unmöglich, diesen Wunsch innerhalb der Stadtgrenzen zu erfüllen. Und daher kommen zu grünen Vororten wie Döbling, Strebersdorf,... auch noch Perchtoldsdorf, Gerasdorf und Haslau dazu.
Die (Neu-) BewohnerInnen dieser Orte sind nichts anderes als WienerInnen, die vom Stadtzentrum abgelegener wohnen, wo halt die Stadtgrenze dazwischen liegt. Was früher Essling war (noch immer ist), ist halt jetzt Haslau.
lg
Dimple
Wennst nicht grade 24 und ungebunden bist, ist das EFH im Grünen wohl sehr oft die Idealvorstellung.
Dass es nicht jeder macht, liegt wohl fast immer nur am nicht beschaffbaren Kleingeld (auch mit Billigstgrund redet man hier von 300T; bzw. merklich mehr).
Ich plane selbst grade eines (nicht direkt im Speckgürtel Wiens, noch ein paar km weiter).
Die von Seiß und Dir angesprochenen Förderungen sind ein Witz. Die Wohnbauförderung ist genauso wie das Pendlerpauschale nur etwas zum lästern für Leute die sich nicht damit beschäftigt haben.
Genauso wie man ja als EFH-Bauer länge mal breite für die Infrastruktur (Straße, Kanal...) zahlt. 30 Tausender sind gleich mal weg.
nur sind erstaunlich viele leute dann überrascht dass die mobilitätskosten trotz pendlerpauschale etc oft sehr hoch sind - nachdem sie sich ganz bewusst und mit absicht vom auto abhängig gemacht haben (oder gar von 2 autos, die erhalten werden müssen). und dass die kinder den eigenen garten vor allem so lange schätzen als sie damit zufrieden sind, nur mit den geschwistern und den kindern der paar unmittelbaren nachbarn zu spielen. irgendwann wollen sie auch die neuen schulfreunde vom anderen ende des dorfes oder gar aus dem nachbarort oder der bezirksstadt besuchen, oder den sportverein, das kino... mit dem rad kann man das nicht erlauben, der autoverkehr is ja die hölle, viel zu gefährlich...
was dann?
Bitte vergiß das Pendlerpauschale. Im Regelfall sprechen wir da von weniger als 50 Euro im Monat. Wegen der paar Euro ist das kein Entscheidungskriterium.
Die ganzen postings klingen immer so, als gebe es außerhalb von VIE (und evtl noch 1-3 weitere Städte) null Infrastruktur, und das wären alles Dörfer durch die bloß eine Mega-Bundesstraße durchführt.
Warum soll man da die Kinder mit dem Rad nicht von A nach B fahren? Oder zu Fuß gehen?
Und ja, in unserer Gemeinde gibt's nur VS und NMS. Will man ins Gym gehen, muß man halt 17km mit dem Bus fahren. Ich denke auch in Wien werden sehr viele Schüler mit Öffi oder Auto in die Schule gebracht, da nicht jeder "seine" Lieblingsschule gleich um die Ecke hat.
es gibt inzwischen sehr viele dörfer durch die tatsächlich bloss eine mega-bundesstrasse durchführt. und selbst in dördern die mehr abseits liegen, oder in siedlungsteilen die abseits der hauptstrassen liegen, lassen inzwischen die eltern ihre kinder kaum mehr alleine herumlaufen, geschweige denn radfahren. meist aber nicht nur wegen der dorfjugend mit ihren amateurhaft getuneten opels und hondas mit den "rockford fosgate"- oder "pioneer"-aufklebern in der heckscheibe.
an einem durchschnittlichen sommerwochenende in einem weinviertler dorf wie seebarn, obergänserndorf, hetzmannsdorf oder simonsfeld sieht man keinen menschen auf der strasse, kein spielendes kind. auf den wegen in der umgebung auch nicht.
Langfristige und nachhaltige Raumplanung ist in Oesterreich ja leider unmoeglich, da jeder Raumplan, jeder FLAEWI und jedes Oertliche Entwicklungskonzept an der Gemeindegrenze endet!
Man muss ueber kurz oder lang endlich den laengst notwenigen Schritt in Landesebene angehen und eine uebergeordnete Planung ueber Gemeinde-Buergermeister-Interessen stellen! Vor allem gehoeren in den Ballungsraeumen, Wien-Graz-Linz die umliegenden Gemeinden eingemeindet! Hat man das letzte Mal um die Jahrhundertwende bzw. in den 30ern gemacht,... das war frueher ganz normal, wenn eine Stadt mit den Vororten zusammengewachsen ist. Aber heute sind die Goldgraeber-Buergermeister der Shoppingcenter-Gemeinden anscheinend zu maechtig geworden?
Ich bin kürzlich mit der Familie in unser neu gebautes EFH mit Garten (hoffentlich bald auch so zu nennen) nach Eichraben gezogen. Das ist eine Pendlergemeinde. Die Lebensqualität ist in vielen Belangen höher als wir uns in Wien hätten leisten können aber ich glaube unser ökol. foorprint ist durch den Umzug tatsächlich gewachsen. Aber für mich ist der Artikel ein populistischer "Stummel". Interessantes Thema aber es fehlt zu viel Information um damit was anzufangen. Wer ist Seiß? Herrscht unter seinen Kollegen Raumplanern Übereinstimmung oder gibt es vielleicht andere Ansichten? Was sind seine Alternativen?
In halbwegs freien Ländern können die BürgerInnen Gottseidank wählen und müssen nicht die Bienenwabenwohnungen in der dreckigen und verslumten Stadt beziehen, wie sich das die RaumplanerInnen so wünschen! Selbst wohnen sie auf Friedenszins im Cityaltbau! Natürlich wollen Familien und wer irgendwie kann aus der Stadt raus. Wien verslumt durch den massiven Zuzug. Es findet ein Bevölkerungstausch statt: österr. Familien raus - Neubürgerfamilien rein nach Wien. So geht Wien den Bach runter und das Umland gewinnt.
dass sehr viele Leute in die Stadt drängen! (Wie war vor einigen Monaten der Artikel über das Wachstum von Wien?) Das treibt halt in Wien die Mieten ordentlich nach oben - das führt dann halt dazu, dass man sich besser gleich ein Eigenheim hinstellt.
Besser fürs eigene Börsl, besser für die Kinder ...
Als jemand, der sich etwas mit Städtebau beschäftigt, kann ich zum Thema sagen:
- Die Stadt Wien plant nicht umsonst Erweiterungen wie eben in Aspern. Die Zahl der Einwohner Wiens steigt schließlich, nachdem sie Jahrzehnte lang fast gleich geblieben war. Bzgl. Wohnangebot und Mietpreise wird man also sehen, was genau die Zukunft bringt (siehe Prognosen > Planung > tatsächliche Entwicklung)
- "raus vor die Stadt ziehen" ist natürlich vordergründig, grad wenn man Kinder hat, eine tolle Sache ... dass sich günstige Häuser mit Garten dann nicht immer in guter Lage vorfinden, es vermehrt Verkehr und Verbauung auch in die Vorstadt bringt und man bzgl. Arbeitsplatz, Schule, etc. mehr Aufwand hat, muss einem dabei aber auch bewusst sein
der ansicht bin ich überhaupt nicht.
speckgürtel um die stadt haben in erster linie mit der steigenden individuellen mobilität zu tun.
wer in der früh gemütlich mit dem eigenen pkw in die arbeit nach wien fahren kann, weil er, wie sie in ihrem vorpost sagen die stadt als "triest und kinderfeindlich" empfindet, und abends gemütlich nachhause, der wird häufig aufs land ziehen.
Nein, dürfen nicht - die frage ist aber nicht ob böse oder brav. Lebe auch in einen Bezirk, wo manche öff. Schulen zu 100 %-Migranten-Klassen haben. Da will ich meine Kinder einfach nicht reingeben. Privat zahle ich dann € 300 p.m./Kind. Sind bei mir 900 p.m. Da zahlt sich ein Haus im Grünen schon aus.
Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.