Wiens wuchernder Wildwuchs

19. August 2012, 17:53
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Rund um die Metropolen wächst die Bevölkerung rapide. Doch die Drive-in-Paradiese am Stadtrand sind Kritikern ein Gräuel

Wien - Zum Flanieren lädt das Ortszentrum nicht ein. Der Bundesstraßenverkehr rauscht direkt an Kirche und Gemeindeamt vorbei, der Hauptplatz ist ein Parkplatz mit einem kleinen Greißler am Eck. Doch viel zu Fuß gehen die Einheimischen ohnehin nicht. Für einen größeren Einkauf fahren sie mehrere Kilometer mit dem Auto. In die Arbeit sowieso.

Ein tristes Kaff, dem die Bürger davonlaufen? Der Eindruck täuscht. Haslau-Maria Ellend ist, wenn man so will, die Boomtown Österreichs. Keine andere Gemeinde wuchs im letzten Jahrzehnt stärker. Um 30 Prozent hat das Dorf zwischen Flughafen und Donau östlich von Wien zugelegt.

"Die Leute kommen zu uns, weil sie die Stadt satthaben", sagt Bürgermeisterin Elisabeth Scherz und zeigt auf einen alten Ortsplan in ihrem Amtszimmer. Wo einst Traktoren ackerten, stehen heute Einfamilienhäuser in Mintgrün, Gagerlgelb und Himmelblau. Vor allem junge Familien sind es, die sich hinter Thujenhecken den Traum von den eigenen vier Wänden erfüllen. Fünf Volksschulklassen belegt der Nachwuchs der 1876 Einwohner bereits, erzählt Scherz stolz, der Kindergarten betreut Sprösslinge ab zweieinhalb Jahren. Die "Natur vor der Haustür", aber dennoch Jobs in Reichweite biete das "stressfreiere" Leben an der Wiener Peripherie: "Ich bin vor 20 Jahren selbst aus Favoriten hergezogen - und will nicht mehr zurück."

Nicht nur in Haslau-Maria Ellend verdrängt Beton Zuckerrüben und Kukuruz: Rund um die Metropolen des Landes legen die Speckgürtel mächtig an Fett zu. Doch was den Zuzüglern als Win-win-Situation erscheint, ist Kritikern ein Gräuel. Eine "volkswirtschaftliche und ökologische Verantwortungslosigkeit" nennt der Raumplaner Reinhard Seiß die Manier, mit der entlang der Stadtgrenzen "Steuergeld verschwendet" werde.

Warum, zeigen Kostenaufstellungen. Die Erschließung mit Straßen, Wasser, Gas und Kanal sei in Streusiedlungen viermal so teuer wie in kompakten Wohngebieten, rechnet der Verkehrsclub Österreich vor, doch die Verursacher zahlten sich den Spaß nicht selber. Nur 37 Prozent der Kosten entfielen auf die Bewohner, den Rest berappe die Allgemeinheit.

Teuer kommen auch Dienstleistungen wie Heimhilfe oder Schulbus: In Einzelhauskolonien müssen die Gemeinden mit jährlich 40 Euro pro Person rechnen, im dichtverbauten Areal mit nur drei. Ebenso wenig decke der private Autoverkehr, der im Speckgürtel State of the Art ist, die verursachten Kosten, sagen die Experten. "Doch die Leute sind nicht nur zu bequem, sich Alternativen zum Einfamilienhaus zu suchen, die Politik bietet auch kaum eine an", ärgert sich Seiß. "Im Gegenteil: Sie fördert die Suburbanisierung massiv und macht, was deren Folgen betrifft, beide Augen zu."

Dem Raumplaner fällt eine Liste an Goodies ein, die zum "Drive-in-Leben" verlocken: von der Pendlerpauschale bis zur unabhängig vom Standort gezahlten Wohnbauförderung, von Steuervorteilen für Firmen- und Dienstwägen bis zur Bauordnung, die ungeachtet des Öffi-Angebots am Arbeits- und Wohnort Parkplätze vorschreibt. Weg mit den schäd lichen Begünstigungen, fordert Seiß, "heute, nicht morgen! Dann wird sich die unbedachte Nutzung des Autos rasch aufhören."

Bürgermeisterin Scherz kann sich mit solch einem Kahlschlag weniger anfreunden - und erhebt soziale Einwände. Vor allem berufstätige Frauen, die schlechter verdienten, würden ohne Pendlerpauschale hart draufzahlen, sagt sie. Den schwarzen Peter will die Sozialdemokratin sich und ihren Bürgern nicht zuschieben lassen, zumal eh viele die Bahn nehmen. Aber natürlich sei auch die neue S1 entlang des Wiener Ostrandes "eine tolle Sache. Da ist man im Handumdrehen im Süden."

Dort zeigt sich eine Szenerie, von der das in Felder gebettete Maria Ellend noch weit entfernt ist: Wuchernde Vorstädte wachsen zusammen, getrennt nur durch riesige Einkaufshallen mit noch größeren Parkplätzen. "Architektonischer Müll" werde da an den Ortseinfahrten abgeladen, schimpft Seiß: "Da wehren sich manche Länder und Gemeinden unter dem Vorwand des Ortsbildschutzes gegen Minarette - und lassen dann zehn Meter hohe Säulen mit rotierenden Einkaufssackerln zu. Das ist eine Kulturlosigkeit sondergleichen."

Allmählich drohten die Kosten der Zersiedelung "uns über den Kopf zu wachsen", warnt der Experte und fordert Anstrengungen, um die Kernstädte wieder attraktiver zu machen, denn: "Es kann auch sein, dass wir es uns einmal nicht mehr leisten können, jedes Lebensmittel zweimal um den Globus zu schicken, und wieder stärker auf lokale Produkte angewiesen sind", so Seiß. "Doch dann werden die fruchtbarsten Ackerböden bereits verbaut sein." (Gerald John, DER STANDARD, 20.8.2012)

WISSEN

Der Traum vom Eigenheim lockt

Das Umland der großen Städte boomt stärker als diese selbst: Laut Prognose werden die so genannten Speckgürtel in den nächsten Jahrzehnten massiv an Bevölkerung gewinnen. Für die Wiener Peripherie rechnet beispielsweise die Statistik Austria bis zum Jahr 2050 mit Zuwächsen von 30 bis 40 Prozent, Spitzenreiter soll die Region Schwechat mit 47 Prozent sein. Kräftig wachsen werden auch die Regionen um Graz, Linz und Dornbirn sowie das Nordburgenland als erweitertes Einzugsgebiet der Bundeshauptstadt.

Gleichzeitig droht abgelegenen und "strukturschwachen" Gebieten - etwa der Obersteiermark, großen Teilen Kärntens und Osttirols oder dem Waldviertel - Abwanderung. In erster Linie ist es die größere Auswahl an qualifizierten Jobs und attraktivem Wohnraum, die Menschen, vor allem mit höherem Bildungsniveau, in die Ballungszentren lockt.

Im Speckgürtel lassen sich diese Vorteile mit dem Traum vom Eigenheim im Grünen sehr gut kombinieren - allerdings unter hohen Kosten. (jo. DER STANDARD, 20.8.2012)

  • Über der Südautobahn knapp vor Wien - immer mehr Menschen zieht es an
 die Peripherie. Ohne  eigenes Auto geht da meist wenig. Die Kosten sind
 enorm.
    foto: der standard/fischer

    Über der Südautobahn knapp vor Wien - immer mehr Menschen zieht es an die Peripherie. Ohne eigenes Auto geht da meist wenig. Die Kosten sind enorm.

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