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Tor Ulven, "Dunkelheit am Ende des Tunnels". Deutsch von Bernhard Strobel. € 19,- / 136 Seiten. Droschl, Graz 2012
Zu behaupten, die Welt des Tor Ulven sei eine düstere, wäre grotesk. Sie ist ein einziger Strudel allerschwärzester Verzweiflung, einer Urvereinzelung, eines satzserpentinenhaft sich dahinschlängelnden Urmonologs nach Nähe, von der klar ist, dass es sie nicht gibt, dass es sie nicht geben wird und die auch gar nicht vorstellbar ist.
Die Prosa des 1953 geborenen Norwegers saugt in einen Kosmos hinein, in dem es außer Schauen (und Atmen) nichts mehr gibt. Es ist eine statische Welt jenseits des Pessimismus, in der das größte und bedrängendste Problem das eigene Bewusstsein ist: sich der eigenen Unzulänglichkeit klarwerden, mit ihr zurechtkommen wie mit dem Dunkel in sich, mit der Bedeutungslosigkeit allen Tuns und allen Unterlassens.
Die sieben Todsünden sind bei Ulven, der seit den 1980er-Jahren kaum mehr seine Wohnung verließ und 1994 durch eigene Hand aus dem Leben schied, einer existenziell alles verschlingenden Sünde gewichen, dem Auf-derWelt-Sein.
1977 debütierte Ulven mit dem Gedichtband Skyggen av urfuglen (Der Schatten des Urvogels). Seit dem Jahr 2000 liegt dieser Band wie die folgenden fünf Lyrikveröffentlichungen, kombiniert um bis dato Ungedrucktes, in Norwegen als "Gesammelte Gedichte" vor, all seine Essays erschienen drei Jahre zuvor; und mit der Veröffentlichung seiner gesammelten Prosa im Jahr 2001 ist alles greif- und nachlesbar, was Ulven zu Papier brachte.
Einige seiner Gedichte erschienen vor 20 Jahren auf Deutsch in den Literaturzeitschriften Akzente und Wespennest, folgenlos. Denn erst jetzt lässt sich dank Bernhard Strobels Übertragungsleistung erstmals Ulvens Prosa in ihrem ganzen postnihilistisch eloquenten Furor nachlesen.
Die Protagonisten sehen und sehen doch nichts, die Welt ist in den neun Geschichten zusammengeschrumpft auf ein Nichts: das Nichts der Worte, der Bezeichnungen und der Beziehungen. Nicht zufällig hat Ulven Samuel Beckett und auch Claude Simon, den Meister des insistierenden Umkreisens, übersetzt.
An der vorletzten Geschichte, Post, einer Epistel eines vereinsamten Enkels an seinen (verstorbenen?) Großvater, sieht man aber auch, was passiert, wenn Schrecknisse und Düsterkeit sacht ausfasern. Die Verzweiflung wird zu Rhetorik. Die letzte Nichtgeschichte ist mit Ungeschrieben betitelt, sie endet mit den Worten: "Im Übrigen hat es kaum einen Zweck dies hier fortzusetzen, da eine Unendlichkeit von Worten die Sache in keinster Weise verdeutlichen würde, und ich mich außerdem niemandem mitteilen kann. Demnach ist es also leichter, ganz einfach zu sagen, dass ich nie existiert habe, nicht existiere und nie existieren werde."
So ist es mehr als nur bittere Ironie, dass ein derart von Alleinsein, von Verzweiflung besessener Autor wie Tor Ulven mittlerweile als mythische Figur der norwegischen Gegenwartsliteratur gilt, überlebensgroß und vital. (Alexander Kluy, Album, DER STANDARD, 18./19.8.2012)
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