Ist soziale Gerechtigkeit machbar?

  • "Nicht die objektive Tatsache der Ungleichheit, sondern die subjektiv 
wahrgenommenen Unterschiede von Besitz, Erfolg oder Glück treiben die Menschen 
an."
    foto: apa / dpa / berndt thissen

    "Nicht die objektive Tatsache der Ungleichheit, sondern die subjektiv wahrgenommenen Unterschiede von Besitz, Erfolg oder Glück treiben die Menschen an."

Gleichheitsversprechen haben eine unangenehme Seite: Idealiter wird allen alles in Aussicht gestellt, realiter haben aber nur wenige Berufs- und Lebenserfolg. Das öffnet Raum für giftige Gefühle

In Krisenzeiten gewinnen gutgemeinte Prinzipien an Bedeutung: Das zeigten die Parolen der Französischen Revolution, die Verheißungen der kommunistischen Bewegungen und die hochmoralischen Motive - freilich sanfter in der Ausprägung und wohlwollender in der Umsetzung - gegenwärtiger Visionen. Denn heute wird viel von Gleichheit, von Gerechtigkeit und jener neuen Form der Egalisierung gesprochen, welche als moralische Schubkraft dem Kapitalismus ein menschliches Antlitz verleihen soll: soziale Gerechtigkeit. Zu finden sind diese Motive auf den Bannern politischer Parteien sowie in den visionären Köpfen aller moralisch empfindsamen Menschen. Getrieben durch tief empfundene Ungerechtigkeiten, wollen diese Visionen eine gerechtere Welt schaffen: gleiches Recht, gleicher Lohn, gleicher Abwasch.

Doch beschränkt sich die gegenwärtige Diskussion auf einen - vor allem durch die Finanz- und Wirtschaftskrise definierten - kleinen Ausschnitt von Ungerechtigkeiten. Wird ein wenig der Vorhang gelüftet, lässt sich fast kein Plätzchen finden, wo es gerecht zugeht. Insbesondere in gesellschaftlich hochangesehenen Bereichen geht es brutal ungerecht zu. Ist es gerecht, dass J. K. Rowling, die Autorin der Harry-Potter-Romane, im Jahr rund sieben Mio. Euro verdient und andere, vielleicht talentiertere Schriftsteller am Hungertuch nagen müssen? Und dann erst die Wissenschaft: Ist es gerecht, dass nur der Erste einer wissenschaftlichen Entdeckung belohnt wird, und die anderen, welche knapp vor dem Durchbruch standen, völlig leer ausgehen? Ist diese The-winner takes-it-all-Eigenschaft ein probates Mittel, wissenschaftliche Anerkennung gerecht zu verteilen?

Dass soziale Ungleichheit oder gar subjektiv empfundene Ungerechtigkeit als Problem empfunden wurde, durchzieht nicht gerade das Gros der Menschheitsgeschichte. Die Familie oder Sippe entschied jahrtausendelang über den sozialen Status eines Menschen und bildete ein starres Korsett. Die natürliche Ungleichheit als Basis sozialer Ungleichheit galt als unumstößliches Naturgesetz, bis in der Neuzeit die Wende kam und die zentrale Prämisse vom Kopf auf die Füße gestellt wurde - vom Naturrecht der Ungleichheit zum Naturrecht der Gleichheit. "Der Mensch wird frei geboren, und überall ist er in Ketten", befand Jean-Jacques Rousseau im Contrat social und schuf damit die Grundlage für ein politisches Engagement in der Moderne gegen die bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse.

Mit dem Liberalismus wurden modellhaft Bedingungen entwickelt, welche implizite Chancengleichheit herzustellen versuchten. Keine feudalen Privilegien oder Standesgrenzen sollen das Recht auf "pursuit of happiness" beschneiden, und gemäß dem neuen Paradigma der Gleichheit stehen im Prinzip jedem Menschen alle gesellschaftlichen Lebensbereiche und Positionen offen. Freilich haben diese meritokratischen Begründungen auch ihre Schattenseiten - würden sie funktionieren, müsste niemand unter Arbeits- und Erfolglosigkeit leiden oder aber mit beruflichen Rangplätzen vorliebnehmen, die unterhalb des Niveaus an Fähigkeiten und Fertigkeiten liegen.

Doch heute wird die Legitimität normativer Grundfreiheiten ergänzt und gleichzeitig unterlaufen. Mit der sozialen Gerechtigkeit bohrte sich ein subjektiv empfundenes Gerechtigkeitsdenken in ein Referenzsystem, was nicht nur ein Spannungsverhältnis, sondern auch einen latenten Gegensatz erzeugt: Die Durchsetzung ungleicher, aber legitimer Anstrengungen und Leistungen kann als ungerecht empfunden werden! Und damit wird ein Nerv getroffen. Mit der "sozialen Gerechtigkeit" hatte ein sprachlicher Kollektivfetisch Einzug gehalten, auf dessen " semantischen Betrug" schon F. A. von Hayek hinwies: "Es ist wahrscheinlich richtig, dass die Menschen mit ihrer wirtschaftlichen Situation zufriedener wären, wenn sie den Eindruck hätten, die relativen Positionen der einzelnen seien gerecht. Aber die ganze Vorstellung einer Verteilungsgerechtigkeit - dass jeder einzelne das bekommen sollte, was er moralisch verdient - ist in der spontanen Ordnung menschlichen Zusammenwirkens sinn-los ..."

Mit der subjektiv empfundenen sozialen Gerechtigkeit kommt eine tiefe - mitunter abgründige - menschliche Eigenschaft zum Tragen. Denn der Mensch ist ein Unterschieds-, Vergleichs- und Zugehörigkeitswesen. Stets findet er zu sich selbst über die Abgrenzung von anderen, gewinnt also Orientierung über Differenz und Vergleich und setzt sich stets in Beziehung zum Rest der Gesellschaft. Aber damit treten auch " Rachegefühle, Neid, Scheelsucht, Hämischkeit, Schadenfreude und Bosheit in die Ressentimentbildung" ein, wie Max Scheler in Das Ressentiment im Aufbau der Moralen zeigte. Das Lebenselixier des Neiders ist der zwanghafte, bösartige Vergleich.

Was ihm das Leben vergällt, ist weniger sein Nachteil als die tatsächliche oder vermeintliche Bevorzugung des anderen. Scheler zeichnet die hässliche Fratze eines Gefühls von Inferiorität und Ohnmächtigkeit gegenüber dem Besitz oder Erfolg des anderen. Dieser erscheint dem Neider gerade als etwas, was eigentlich ihm zustünde und was jener ihm weggenommen hat. Alles wird nach dem einfachen Grundmuster des Nullsummenspiels aufgefasst: Der Vorteil des anderen ist der eigene Nachteil.

Damit liegt das Paradoxon auf der Hand: Im Naturrecht der Ungleichheit waren Neid und Missgunst nicht vorhanden. In einer Kultur "sozialer Gerechtigkeit" indes, die allen scheinbar alles idealiter verspricht, jedoch nur einigen wenigen realiter Berufs- und Lebenserfolg eröffnet, wird auch der Raum für Neid, Missgunst und Ressentiment weit geöffnet. Immer weiter gehende Gleichheitsforderungen entgrenzen auch giftige Gefühle und lösen Politiken der Angleichungen aus.

Georg Simmel hat eine Politik der Angleichung 1897 in seinem kleinen Text Rosen. Eine soziale Hypothese sehr schön beschrieben, indem er darin die Geschichte einer "fürchterlichen Ungleichheit" erzählt. Vorgestellt wird zunächst eine dörfliche Idylle, eine Ansammlung von Häuschen mit anliegenden Gärten, einige Besitzer haben darin Rosen und züchten sie, andere nicht. Das fällt zunächst nicht weiter auf, irgendwann wird es aber registriert, und es regt sich "dumpfer Groll". Agitatoren treten auf, eine Revolutionspartei entsteht, und das Menschenrecht auf Rosen wird gefordert. Und nach einem wilden Kampf konnte das "Ideal sozialer Gerechtigkeit" verwirklicht werden: Alle haben nun Rosen, und alle sind gleich.

Aber der Friede war nur von kurzer Dauer, denn es stachen den Anhängern der Gleichheit weitere minimale Ungleichheiten ins Auge: Einige Rosen gedeihen besser und duften verführerischer als andere, die Sonneneinstrahlung begünstigt ebenfalls einige mehr als andere, und wieder bohrte sich der Stachel der Benachteiligung in die Seele der Menschen. Nachdem auch hier Anpassungen vollbracht wurden, erscheinen auch die minimalsten Unterschiede nicht weniger unerträglich als vorher die großen. Und die aggressive Erbitterung der erneut ausbrechenden Rebellionen steht denen früherer Kämpfe in nichts nach. Wie oft und bis wann sich die Rebellionen wiederholten, konnte Simmel nicht sagen - " bloß die Rosen lebten ihre selbstgenugsame Schönheit weiter".

Simmels Märchen betont die definitorischen Aspekte der Ungleichheit. Nicht die objektive Tatsache der Ungleichheit, sondern die subjektiv wahrgenommenen Unterschiede von Besitz, Erfolg oder Glück treiben die Menschen an. Und mit der Bandbreite gradueller Ungleichheiten und deren willkürlichen Interpretationen werden natürlich ideologischen Vergleichsrastern Tür und Tor geöffnet. Man kann sich leicht als Verlierer fühlen, wenn andere erheblich mehr gewonnen haben als man selbst. Es wird als Verlust empfunden, was man nie besessen hat, und diskriminiert ist, wer sich diskriminiert fühlt.

Dass der Mensch sein Glück und seine Lebenszufriedenheit hauptsächlich durch den Vergleich erzielt, ist auch eine Erklärung des sogenannten Easterlin- Paradoxons in den Wirtschaftswissenschaften. Entgegen den Annahmen der klassischen Ökonomie lässt sich nämlich langfristig kein Zusammenhang zwischen dem Wachstum des Bruttoinlandsprodukts pro Kopf und der Lebenszufriedenheit der Menschen finden. Ab einem bestimmten Wohlstandsniveau flacht die Zufriedenheitskurve ab. Die Erklärung dafür ist, dass die Menschen ihre Zufriedenheit aus dem Vergleich ziehen: Wie zufrieden Menschen mit ihrem Einkommen und, davon abgeleitet, mit ihrem Leben sind, hängt davon ab, ob sie mehr oder weniger verdienen als die Menschen in ihrer Vergleichsgruppe. Eine Einkommenserhöhung führt zwar zu einer höheren Lebenszufriedenheit, diese fällt aber deutlich geringer aus, wenn die Einkommen aller anderen Vergleichspersonen ebenfalls steigen. Kurzfristig führt eine Einkommenserhöhung zu einer Besserstellung, langfristig passen sich die neuen Ansprüche an das neue Niveau an, und der Mensch gewöhnt sich daran.

Welcher Ausweg bietet sich nun an aus der Dialektik einer staatlich postulierten "sozialen Gerechtigkeit" und der ressentimentanfälligen Triebkraft des Menschen? Lässt sich mit den neuen Motiven und der Betonung des "Sozialen" endlich Gerechtigkeit herstellen und damit die Zeit des Ressentiments beenden? Wohl kaum. Die Chancen bleiben stets begrenzt, und die Ressourcenverteilung ist niemals endgültig, sondern stets im Fluss. Es gibt immer Umverteilungen der Vorteile und der aufgebürdeten Lasten, niemand kann wissen, wohin die Entwicklung geht. Es war aber stets das Ideal eines freien Menschen, der sich selbst als mündig ansieht und der seine Mündigkeit nicht eintauscht gegen Sorglos-Versprechen. Freilich wird die individuelle Freiheit, die vor allem die Freiheit des anderen ist, niemals Neid, Missgunst und Ressentiment tilgen können - was aber weder machbar noch letztlich wünschenswert ist, wenn der Mensch Architekt des eigenen Lebens bleiben soll.    (Andreas Schibany, Album, DER STANDARD, 18./19.8.2012)

Andreas Schibany, Jg. 1966, studierte Philosophie, Soziologie und Volkswirtschaftslehre in Wien. Ökonom am Zentrum für Wirtschafts- und Innovationsforschung der Joanneum Research in Wien, Leiter der Forschungsgruppe Technologie, Innovation und Politikberatung. Schreibt Studien und Kommentare, u. a. für den Standard.

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