Der Quoten-Migrant

Analyse17. August 2012, 19:15
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Im deutschsprachigen Fernsehen sind Migranten unterrepräsentiert und meist klischeehaft besetzt. Als Vorbild könnten einige US-Serien dienen

"Für die ORF-Serie Cop Stories werden noch Komparsen und Kleindarsteller gesucht. Hauptsächlich Menschen mit Migrationshintergrund. Aber auch Komparsen und Kleindarsteller ohne Migrationshintergrund für kleine Polizistenrollen. Ort: Restaurant Kent, Märzstraße." So suchte der ORF im Frühjahr in der Kronenzeitung nach Statisten für die "Cop Stories". Die Serie soll den Alltag Wiener Polizisten in traditionell "migrantischen" Bezirken darstellen. Polizisten werden hier wohl von Menschen "ohne Migrationshintergrund" gespielt, welche Rollen jene "mit" spielen werden, lässt sich erahnen.

Mitten im Zehnten

Dieser kurze Aufruf zum Casting fasst prägnant alles zusammen, was im deutschsprachigen Fernsehen in Punkto Diversität schief läuft. Migranten sind sowohl als Schauspieler als auch als vollwertige, handlungstragende Figuren unterrepräsentiert. Wenn sie auftreten, dann in klischeebehafteten Nebenrollen, die meist die gängigsten Vorurteile verkörpern und damit reproduzieren. Ihre Herkunft oder Religion und die Auseinandersetzung damit sind das Wichtigste an ihrer Figur. Konflikte, die diese Figuren austragen, drehen sichmeist um die Vereinbarung der höchst klischeehaft dargestellten "migrantischen" Werte (Patriarchat, fromme Religiosität) und der "modernen" westlichen Lebensweise.


Die religiöse Yagmur aus "Türkisch für Anfänger" ist Zerrissen zwischen Anziehung und Anstand.

Türkisch für Anfänger

Die deutsche Serie "Türkisch für Anfänger" zeigt beispielsweise eindrucksvoll, wie eine Patchwork-Familie funktionieren kann, obwohl ein Teil deutsch und der andere türkisch ist. Die türkischen Kinder: Natürlich "der krasse Oberprolet" und die fromme, streng gläubige Kopftuchträgerin. Die deutsche, aufgeklärte Psychologinnenmutter ist zu allem Überfluss auch noch diejenige, die meist mit großer Weitsicht und Güte die Konflikte zwischen ihren verschiedenfarbigen Kindern schlichtet. In Österreich hingegen gabt es Tschuschen-Power in der gleichnamigen Mini-Serie - mit denselben herkunftsbezogenen Handlungssträngen. Abgesehen von diesen Sonderformaten haben migrantische Geschichten im deutschsprachigen TV-Mainstream keinen Platz. Obwohl - im Tatort kontrollierten die Mafia-Serben ja immerhin eine ganze klischeeverseuchte Folge.

Vielfältiges Programm

Im amerikanischen Fernsehen, das im Allgemeinen ein viel konservativeres Image hat, scheint sich langsam ein vorbildlicher Wandel zu vollziehen. Während bei uns der Quoten-Schwarze und der Strohmann-Türke herhalten müssen, sind einige amerikanische Serien dazu übergegangen, Diversität in der Cast ernst zu nehmen. Nicht nur das - manche erklären Diversity zum Prinzip, zum Konzept.

In "Glee" bringt Singen und Tanzen die beliebten Schüler und die "Underdogs" in einem furios-funkelnden Musical-Spektakel zusammen.>

Schwarze, Asiaten, Juden, Christen, Schwule, Lesben - sogar seltene Gäste wie junge Menschen im Rollstuhl oder Trisomie-21 - sie alle sind in der Musical-Comedy "Glee" vertreten. Und noch mehr: Sie sind nicht nur Statisten für die weißen, blonden und blauäugigen Hauptdarsteller, sondern sie gehören zu den Trägern der Haupthandlung. Die Eigenschaften, die sie "anders" machen, werden zwar thematisiert, gehören aber bei weitem nicht zum Kern der Figuren. Es sind dreidimensionale Charaktere mit Hoffnungen, Wünschen und Vorstellungen. - ganz abseits des flachen Bildes, das die Mehrheitsbevölkerung von ihnen teilweise hat. "If we`re gonna have a character with a disability on the show, then we`re gonna make the disability the least part of the role", erklärt der Produzent Glees, Ryan Murphy, die "mediale Integration" in einer Casting-Show.

In "Community" werden Vorurteile und Klischees durch eine absurd-komische Brille betrachtet>.

Komödie statt Krimi

Selbstverständliche Einbindung, Inklusion ohne ständige Betonung des Andersseins - das ist, was im Umgang mit Diversität im Fernsehen fehlt. Sie würde ein natürliches, ungezwungenes Identifikationsangebot darstellen. Und die Unterrepräsentierten nehmen liebend gerne an. Deshalb ist Glee auch eine der beliebtesten Shows bei jungem Publikum in den U.S.A. Aber auch in "30 Rock" und "Community" werden Diversität unter den Darstellern und auch in der Thematisierung gerecht. Die Serien erfüllen die Voraussetzungen für den "Gleichberechtigungstest" (sowohl für Frauen als auch für "coloured people") und versuchen, mit allen Mitteln der Komödie mit Klischees zu brechen - während deutschsprachige Sendungen die Klischees als Komödie verwenden. Oder die "Ausländer" dorthin verbannen, wo sie hingehörten: in den Krimi.

30 Rock erklärt, warum in alten amerikanischen Schwarzweiß-Comedies maximal ein Afroamerikaner vorkommt.

Buntes Fernsehen

Das Rezept für ein vielfältigeres, moderneres und auch interessanteres Fernsehen, das im deutschsprachigen Raum vermisst wird, enthält Folgendes: Mehr Konzentration auf glaubwürdige, vielschichtige Charaktere, die nicht der Mehrheitsbevölkerung angehören. Weniger platter "interkultureller Konflikt" und lockere, unverkrampfte Einbindung (migrantischer Geschichten) in den TV-Mainstream und seine Hauptabendprogramm-Lieblinge. Wer weiß, vielleicht müssen wir dann nicht nur amerikanische Serien schauen. (Olja Alvir, 18.8.2012)

  • Die ORF-Serie Tschuschen-Power floppte im Jahr 2009.
    foto: orf

    Die ORF-Serie Tschuschen-Power floppte im Jahr 2009.

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