Der Unterschied zwischen wissenschaftlicher Skepsis und Verleugnung

Die Journalistin Wendee Holtcamp fasste die Ergebnisse einer Konferenz über die Schwierigkeiten der Wissensvermittlung zusammen

Diesmal kein Video als Klicktipp und auch keine geek-wissenschaftliche Betrachtung eines popkulturellen Phänomens, sondern ein sehr interessanter Wortbeitrag. Im Fachmagazin "Environmental Health Perspectives" ist Wissenschaftsjournalistin Wendee Holtcamp der Frage nachgegangen, wo die Grenzen zwischen Skepsis  - einer Grundvoraussetzung wissenschaftlichen Denkens - und der Verleugnung wissenschaftlicher Ergebnisse liegen.

Ausgangspunkt des Artikels war die Konferenz "Science Writing in the Age of Denial", die im Frühling an der University of Wisconsin-Madison abgehalten wurde. Holtcamp hat einige Statements der dort aufgetretenen WissenschafterInnen gesammelt und versucht, daraus ein Gesamtbild zu erstellen. Probleme bei der Vermittlung wissenschaftlicher Erkenntnisse reichen von psychologischen Faktoren (Erkenntnisse werden insbesondere dann bezweifelt, wenn sie dem eigenen Lebensstil widersprechen) bis zu gezielten Desinformationskampagnen durch wirtschaftliche oder politische Interessengruppen. Als Beispiel führt Holtcamp Studien zur Giftigkeit von Blei an, die von der bleiverarbeitenden Industrie über Jahrzehnte hinweg in Zweifel gestellt worden seien - mit "Erfolg" bis hin zu den Ärzten.

Dabei würden sich professionelle Lobbyisten geschickt der fundamentalen Wesenszüge sowohl der Medien als auch der Wissenschaft selbst bedienen: Bei Medien ist es deren Bedürfnis danach, nicht nur eine Seite zu Wort kommen zu lassen, in der Wissenschaft hingegen deren gleichsam eingebauter Zwang zur Hinterfragung. Der Molekularbiologe Sean Carroll von der Uni Madison hat versucht, einen Leitfaden zu erstellen, mit dem man gezielte Verleugnungskampagnen von wissenschaftlich motivierter Skepsis unterscheiden können soll. Sechs altbewährte Taktiken werden darin aufgelistet ... "Das Thema in den Kontext Einschränkung der persönlichen Freiheit stellen" ist eine davon und lässt unwillkürlich an die Passivrauch-Debatte denken.

Um nicht zum selben deprimierenden Befund wie die die kalifornische Historikerin Naomi Oreskes zu kommen ("Wissen ist doch nicht Macht"), hat Holtcamp jedoch versucht, das Thema von der konstruktiven Seite her anzugehen: Auch unbequeme Fakten ließen sich an den Mann und die Frau bringen, wenn man nur auf den jeweiligen Wissensstand und ideologischen Hintergrund des Publikums eingeht, Stichwort Klimaschutz für Gläubige unter dem Motto "Creation Care". Mehr dazu finden Sie hier:

--> Environmental Health Perspectives: "Flavors of Uncertainty: The Difference between Denial and Debate"

(red, derStandard.at, 17. 8. 2012)

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