Sind die Aktiengewinne "fake"?

Es gibt gute Gründe, angesichts der jüngsten Erholung skeptisch zu sein

An den Kapitalmärkten kann es schnell gehen. Seit dem ersten Juni sind die wichtigsten Leitbörsen der entwickelten Welt zwischen zehn und 17 Prozent gestiegen. Hinter dieser rasanten Erholung steht die Hoffnung. Die Hoffnung auf eine baldige Lösung der Schuldenkrise in Europa, oder zumindest eine Lösung der kurzfristig drängenden Fragen rund um die beiden Ländern Spanien und Italien. Dass die zweijährigen Renditen Spaniens und Italiens seit der Rede von Mario Draghi vor zwei Wochen so stark gefallen sind, hat den Märkten einiges an Auftrieb gegeben.

Doch ist der jüngste Aufschwung an den Aktienmärkten nachhaltig? "Jede Bankenrallye ist eine Fake-Rallye", urteilt Friedrich Strasser, Chief Investment Officer der Privatbank Gutmann. Die Aktien der Großbanken haben die jüngste Erholung angeführt: Papiere der französischen Großbank BNP Paribas etwa sind in den vergangenen drei Monaten um knapp 30 Prozent gestiegen, der Bankenindex um knapp 20 Prozent. Doch gerade die Probleme, die auf den Bilanzen der Geldinstitute schlummern, wurden noch nicht gelöst, glaubt Strasser.

Parallelen zu Japan

Dass jede Banken-Erholung im aktuellen Umfeld "fake" sein muss, entbehrt nicht jeder Grundlage. Schließlich sind die Parallelen der aktuellen Situation mit jener in Japan nach 1990 geradezu frappant (siehe etwa in dieser Analyse des "Economist"). Das nominale Wachstum ist schwach, die Zentralbankbilanzen schwellen an und die Zinsen liegen um den Gefrierpunkt. In diesem Umfeld wird aus so mancher Bank schnell eine Zombiebank, die de facto insolvent ist, dank der Nullzinspolitik der Zentralbank aber liquide bleibt.

Dazu kommt, dass der Aktienmarkt außerhalb des Bankensektors gar nicht so günstig bewertet ist, wie man oft zu hören bekommt. "Die Bewertung mag historisch günstig sein, aber die Lage ist auch historisch schlecht. Es ist kein 'Screaming Buy' mehr", meint etwa Erika Karitnig, Chief Investment Officer bei Bawag PSK Invest im Bereich Aktien. Das zeigt etwa ein Blick auf die Preis-Buch-Bewertung der europäischen Aktienmärkte. Rechnet man den strukturell schwachen Bankensektor heraus, dann liegt die Bewertung aktuell nicht sehr weit vom zehnjährigen Durchschnitt entfernt. Der Dax etwa ist an dieser Kennzahl sogar nahe dem historischen Mittel. Von einem "Krisenabschlag" fehlt jede Spur. "Bis zuletzt wurde der Zerfall des Euro mit hoher Wahrscheinlichkeit eingepreist. Nach den EZB-Aussagen wird dieses Risiko nun ausgepreist", sagt Karitnig.

Tatsächlich spreche für Aktien derzeit hauptsächlich, dass es in anderen Anlageklassen noch schlechter aussieht, glaubt Karitnig. "Durch die negativen Zinsen fehlen die echten Alternativen." (Lukas Sustala, DER STANDARD, 17.8.2012)

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