Wenn's um Geld geht...

12. August 2003, 13:24
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. . . ist Charakter wichtig. Darum helfen in Indien bei finanziellen Engpässen oft private Komitees, denen man eher traut als den offiziellen Finanzinstituten

Die Prioritäten, die sich Umar für die Zukunft setzt, sind einfach: Dieses Jahr kauft er Ziegelsteine, nächstes Jahr ein paar Säcke Zement, 2005 eine Lastwagenladung Sand. Im Jahr 2006 dann hofft er genug Geld zu haben, um zwei Monate freinehmen und das während vier Jahren geplante Werk zu Ende führen zu können: den Wiederaufbau seiner Hütte im Dorf, die letztes Jahr in einem Sturm zerstört wurde. Das kostet ihn nur vier Monatslöhne. Doch was er mit seiner Arbeit als Gärtner in fünf Haushalten in Delhi verdient - umgerechnet 50 Euro im Monat -, ist so wenig, dass er vier Jahre braucht, um das Geld zusammenzubringen.

Von den 50 Euro geht ein Drittel für die Miete eines Zimmers im Chirag-Slum weg, elf Euro schickt Umar seiner Familie ins Dorf. Mit dem Rest - 21,50 Euro - müssen er und sein arbeitsloser ältester Sohn einen Monat in der teuren Stadt überleben, wo der billigste Reis 33 Cent pro Kilo kostet. Ersparnisse hat Umar keine. Sein einziger Besitz sind die Hütte im Dorf, ein taschentuchgroßes Stück Land und 39 Cent auf der Bank. Das ist die Minimaleinlage, wenn man ein Konto eröffnen will. Umar tat dies vor 16 Jahren. Der Kontostand beträgt immer noch 39 Cent; auf dem gesetzlichen Minimum wird kein Zins bezahlt. Ein Haus, ein Stück Land, etwas Goldschmuck, gut erzogene Kinder: Für die große Mehrheit der Inder (schätzungsweise 90 Prozent oder 900 Millionen) ist das die einzige Vorsorge fürs Alter. Anrecht auf eine kleine Pension hat in der Regel bloß, wer beim Staat angestellt ist, und private Altersversicherungen gibt es kaum. Nicht die Altersvorsorge beschäftigt die Menschen, sondern der tägliche, bohrende Bedarf an Geld als Mittel der Existenzsicherung.

Armut hat viele Schattierungen. Die Köchin Mary und die Putzfrau Chandra verdienen nicht viel mehr als Umar, dennoch können sie jeden Monat etwas sparen. Beide sind allein erziehende Mütter. Ihre Ehemänner sind mit anderen Frauen auf und davon. Die Kinder und die Verantwortung für ihre Erziehung sind den Frauen geblieben. Aber beide sehen die Kinder auch als Absicherung der eigenen Zukunft. Sie sind daher bereit zu finanziellen Opfern, auch wenn das konkret den Verzicht auf eine Mahlzeit am Tag bedeutet. Marys Sohn ist in einem Internat, weil sie "nicht gleichzeitig arbeiten und ihm eine gute Erziehung geben kann". Das Internat kostet 477 Euro im Jahr. Chandras zwei Töchter wohnen bei ihr, aber sie schickt sie in eine private Schule, weil die staatliche Gratisschule so schlecht ist. Die Schule kostet für zwei Kinder 458 Euro im Jahr.

Woher bekommen Mary und Chandra so viel Geld? Für die Banken sind die Armen nicht kreditwürdig, da sie keine Garantien stellen können. Beim Geldverleiher mit seinen hohen Zinsen droht die Schuldenfalle. Was macht also eine Familie, wenn plötzlich die Mutter von einem Bus überfahren wird und im Spital liegt, wenn eine Heirat ins Haus steht und das ganze Dorf oder Quartier bewirtet werden muss? Oder eben wenn das Kind in eine private Schule geschickt werden soll?

Sie geht zum "Komitee". Mary und Chandra sind bei einem 2500er-Komitee ihres Quartiers dabei. Es hat 20 Mitglieder, besteht während zwanzig Monaten, dann löst es sich auf oder formiert sich neu. Es gibt keine Statuten, keine behördliche Kontrolle, nur die Mitglieder. Jedes zahlt im Monat 2500 Rupien ein, etwa 50 Euro. Jeden Monat werden die 950 Euro, die dabei zusammenkommen, an ein Mitglied abgegeben. Mary und Chandra, die sich den Monatsbeitrag teilen, da sie nicht so viel von ihrem Lohn abzweigen können, konnten so zu Beginn des Jahres ihr Schulgeld zahlen.

Komitees überziehen wie ein unsichtbares Netz die Gesellschaft Indiens - unsichtbar, weil es sie offiziell gar nicht gibt. Keine Zeitung schreibt darüber, der Staat nimmt sie nicht zur Kenntnis, und die Banken kümmern sich ohnehin nicht um die kleinen Leute. Umgekehrt vertrauen selbst Angehörige des Mittelstands eher den Komitees als den Finanzinstituten. Jyothi ist Buchhalterin in einem Sari-Geschäft, ihr Mann Vijay ist Büroangestellter. Beide sind Mitglieder in drei Komitees, einem 500er, einem 1000er und einem 2500er. Das 2500er ist für die Auszahlung der Familie Jyothis in Kerala, von der sie das väterliche Haus übernommen hat. Das 1000er ist für das Schulgeld, das 500er für den Spitalaufenthalt, der Vijay bevorsteht.

Warum keine Versicherung? Warum kein Hypothekarkredit? "Bankspesen und Zinsen sind viel zu hoch", sagt Vijay, "und die Versicherungsinspektoren muss man meistens schmieren." Aber nicht minder wichtig ist, was Jyothi sagt: "Als wir in dieses Quartier zogen, waren die Komitees die beste Integrationshilfe. Jeden Monat treffen wir uns zur Ein- und Auszahlung in einem andern Haus. Wenn's um Geld geht, ist Charakter wichtig. So weiß man, mit wem man sich anfreundet." (DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 28./29.6.2003)

von Bernard Imhasly
Der Autor ist NZZ-Korrespondent in Delhi. Der Beitrag erschien in leicht veränderter Form im "NZZ Folio" im Mai.
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