Österreichertag beim Bachmannpreis

28. Juni 2003, 20:32
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Polarisierung bis Verblüffung

Klagenfurt - Die österreichische Autorin Olga Flor eröffnete mit ihrem Text "Wiederkehr" den Schlusstag beim Wettlesen um den Ingeborg-Bachmann-Preis. Ihre Arbeit polarisierte die Jury - der Bogen der Interpretationen reichte vom Programmtext bis zum Psychogramm -, löste bei einigen Juroren Beunruhigung aus, andere waren gelangweilt.

Flor erzählt von einer Frau, die nach Hause zu ihrem Vater zurückkehrt. Sie entpuppt sich als Alkoholikerin, die eine Abtreibung oder, so eine Deutung aus der Jury, einen Kindsmord hinter sich hat. Thomas Steinfeld meinte dazu, der Text sei ein Puzzle von poetisch gearbeiteten Momenten, "aber es entsteht keine Poesie daraus". Friederike Kretzen sah eine Opfergeschichte, Iris Radisch verwahrte sich gegen eine "psychologische Aufladung" des Textes. Sie konstatierte ein Fehlen der Sprachfantasie und meinte: "Mich hat der Text nicht beunruhigt."

Josef Haslinger wiederum erklärte: "Mich hat der Text beeindruckt." Es sei eine Geschichte darin zu finden, was auch Burkhard Spinnen untermauerte. Daniela Strigl, die Flor vorgeschlagen hatte, sagte, sie sei offenbar leichter zu beunruhigen als Iris Radisch: "Mich hat der Text sehr beunruhigt." Ganz besonders die freiwillige Selbstaufgabe der Frau am Ende. Norbert Miller bezeichnete "Wiederkehr" als streng in sich geschlossene, sehr sorgfältige Erzählung.

Christof Hamanns Romanauszug "Fester" beschreibt einen Deutschen, der in Polen Lokalkolorit sucht, um eine Broschüre zu gestalten. Diese soll dazu dienen, ein polnisches Gebäck in Deutschland zu verkaufen. Krakau und das dortige jüdische Viertel Kazimierz bilden die Kulisse, Auschwitz kommt ebenso vor wie amerikanische Touristen und ein deutscher Unternehmer, der seinen kleinen Laden zu einer großen Kette ausgebaut hat und exotische Backwaren vertreibt. Norbert Miller las die Geschichte als "Banalisierung des Kapitalismus", der in die Groteske gezogen wurde. Josef Haslinger sah in der Geschichte "vor allem ein Anliegen, aber keine ausgestalteten Figuren". Diese blieben völlig blass.

Ilma Rakusa bemängelte die "touristische Sichtweise" auf Krakau, alle bekannten Klischees würden vorkommen. Die Sprache Hamanns sei "unendlich brav und unsinnlich". Thomas Steinfeld schlug in die gleiche Kerbe, er wies auf zahlreiche sprachliche Fehler hin. Der entscheidende Fehler sei aber ein betriebswirtschaftlicher. Die Idee des Verkaufs polnischer Backwaren in Deutschland durch touristische Broschüren "kann nicht funktionieren". Daniela Strigl fand die Figuren blass. Iris Radisch dagegen meinte: "Mit großer Freude kann ich nun einmal einen Text verteidigen und wechsle von der Anklagebank zur Verteidigung." Sie sei sehr überzeugt von dem Text, der sich mit dem Kapitalismus auseinander setze.

Inka Parei las sich in Favoritenrolle

Die deutsche Schriftstellerin Inka Parei las sich als vorletzte Teilnehmerin beim Wettlesen um den Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt in eine Favoritenrolle. Ihr Romanauszug, der noch keinen Namen hat, begeisterte die meisten Jurymitglieder. Oswald Egger machte danach mit dem experimentellsten Text des diesjährigen Wettbewerbs den Abschluss.

Ein alter Mann versucht, sich in einem geerbten Haus, in einer neuen Umgebung, heimisch zu machen. Er ist gehbehindert und hatte eigentlich gar nicht damit gerechnet, noch einmal umzuziehen. "Dieser Text hat mehrere Qualitäten, die mich ansprechen", eröffnete Josef Haslinger den Reigen der Lobpreisungen für Parei. Er sei langsam, genau, führe den Leser ein in die Welt eines alten Mannes, der versuche, sich eine Heimat zu schaffen.

Thomas Steinfeld konterte, er empfinde den Text als "knochentrocken und unerträglich brav". Der Kritiker blieb mit seiner Meinung allein, Iris Radisch meinte euphorisch, sie habe das Gefühl, "das erste Mal hier Literatur wirklich miterlebt zu haben" und konstatierte eine große existenzielle philosophische Unheimlichkeit. Friederike Kretzen hob hervor, dass das Porträt eines alten Mannes von einer Frau geschrieben worden sei. Norbert Miller knüpfte an eine Bemerkung Josef Haslingers vom Freitag an und erklärte: "Ich möchte dieses Buch auch lesen." Es sei ein wunderbarer Text, so Miller.

Ilma Rakusa bekannte, sie habe die Langsamkeit des Textes gemocht, der ihr "sehr gefällt". Burkhard Spinnen garnierte seine Zustimmung zu Inka Pareis Arbeit mit einer Spitze gegen die Juryvorsitzende: "Es ist immer wieder befruchtend und erregend, nicht Iris Radischs Meinung zu sein, es ist aber erregend und verstörend, ihre Meinung zu teilen." Spinnen meinte, es sei mit Textauszügen immer schwierig, Inka Parei sei dies aber ausgezeichnet gelungen. Sie vermöge eine ästhetisch anrührende Beschreibung von etwas zu liefern, das keine Ästhetik habe. Ursula März sprach dem Text "literarische Notwendigkeit" zu und hob die Wahrhaftigkeit hervor.

Einzig Thomas Steinfeld blieb standhaft und meinte, er sehe nicht ein, warum er in die Knie gehen müsse. Die anderen Juroren stünden offenbar mit beiden Beinen im 19. Jahrhundert, da sie diesem Text so viel abgewinnen könnten. Dies veranlasste Burkhard Spinnen zu einer scharfen Replik: "Solange Sie mir nicht die Literatur des 21. Jahrhunderts zeigen, verharre ich im 19. Jahrhundert unter Umgehung aller Irrtümer des 20. Jahrhunderts." Dies erscheine ihm als "keine unweise Haltung", fügte Spinnen hinzu.

Worum es bei Oswald Eggers Text "Prosa, Proserpina, Prosa" so genau geht, erschloss sich nach erster Lesung auch den meisten Jurymitgliedern nicht so ganz. Iris Radisch stellte in Frage, ob es sich dabei überhaupt um Prosa handle. Norbert Miller meinte, allein durch den Titel stelle Egger diesen Anspruch. Die Jury müsse sich diesem Anspruch ebenfalls stellen, werde allerdings mit größter Wahrscheinlichkeit scheitern. Der Text sei mit großem Aplomb und einem außergewöhnlichen Aufwand an Spracherfindung geschrieben worden. Inmitten des Textes tauchten Sätze auf, die in "feierlichem Dichtungston" gehalten seien, die ihn sehr irritieren würden. Die Sprachspiele hätten ihm jedoch streckenweise "sehr viel Spaß gemacht".

Daniela Strigl sah einen vom Autor hingeworfenen Fehdehandschuh. Ihrer Interpretation nach wolle Egger die Mannigfaltigkeit der Schöpfung durch die Mannigfaltigkeit der Sprache nachempfinden. Burkhard Spinnen meinte, der Autor habe sich zur "göttlichen Ursprache" hintasten wollen, in der noch jedes einzelne Ding einen eigenen Namen getragen habe. (APA)

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