Meer und Neugier sind grenzenlos

28. Juni 2003, 12:00
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Daniel Abed-Navandi erforscht den Maulwurfkrebs

Wer am Strand von Grado spaziert, steigt mit ziemlicher Sicherheit über den Forschungsgegenstand von Daniel Abed-Navandi: den Maulwurfkrebs. Oder eine Abart davon. "Obwohl diese Tiere sehr häufig sind, ist über sie so gut wie nichts bekannt," befand der Wiener Meeresbiologe und machte die mehrere Zentimeter langen Tiere zum Thema seiner Dissertation.

Die Tiere sind tatsächlich faszinierend: Sie bauen weit verzweigte Schächte, Gänge und Kammern im Sand. Abed-Navandi will herausfinden, warum sie darin Komposthaufen anlegen. Verwenden die Krebse den Kompost, um Nahrung anzureichern? Warum klatschen sie ihn an die Wände ihrer Sandbehausung? Weil sie an jedem Strand werken, sind sie bestimmender Teil im Lebensraum Meer.

Für Abed-Navandi ist es gar nicht erholsam, wenn er ans Meer fährt. Er kann nicht ins Wasser schauen ohne mit Beobachtungen zu beginnen: Adria oder Karibik ist gleich Arbeit. Mit der salopp geäußerten Vermutung Ahnungsloser, dass er wohl einen lässigen Job am Strand unter Palmen macht, kann er nichts anfangen. "Ich hab schon bei Stürmen Stunden im Wasser verbracht, mit vielen Kilo Blei am Rücken", erzählt der drahtige, sehr schlanke Wiener von den körperlichen Anforderungen eines Naturforschers. Den ersten Tauchkurs belegte er mit Vierzehn, das erste Salzwasseraquarium pflegte er auch schon als Bub. Die Eltern verbrachten mit den zwei Söhnen viele Urlaube in Italien, Griechenland und im Iran; letzteres ist das Land, aus dem der Vater, ein Physiker, stammt.

Die Karriere im Meer begann also früh. Die Forschung dazu an der Wiener Universität hält er - ja! - für eine Verpflichtung. Man denke an die vielen Urlauber und ihr Einfluss auf das fragile Ökosystem, man denke an den "Müll, den wir im Meer entsorgen" und andere Verunreinigungen. Und die Neugier am Meer darf nicht an nationalen Grenzen scheitern, kontert er die Frage, warum man in einem Land ohne Zugang zum Meer ein derartiges Fach an der Universität betreibt. Keck und plausibel der Nachsatz: Forschung in der Astronomie wird auch betrieben und niemand wohnt dort oben.

Aufgrund seines Engagements hat er demnach auch keinen 40-Stunden-Job. Schon gar nicht, weil er praktisch drei macht: Forschungsprojekt und Lektor an der Uni, Arbeit im Labor, hauptberuflich ist er seit einem Jahr im "Haus des Meeres" in Wien-Mariahilf angestellt. Bleibt ein bisschen Zeit für Jazz und Gitarre spielen als Hobby. Ein weiters Hobby hat wieder mit dem Meer zu tun: Apnoe-Tauchen. Sein Rekord ohne Atemhilfe lang und tief unter Wasser zu bleiben: 27 Meter, erreicht im adriatischen Rovinj.

Seine Freude ist es, "wenn etwas wächst" und er sieht, dass die Arbeit Früchte trägt. Was er beruflich bald erneut erleben wird. Im "Haus des Meeres" züchtet Daniel Abed-Navandi künftig jene Tiere, die dann in den Aquarien zu sehen sind. Seepferdchen zum Beispiel, damit die armen Viecherln nicht mehr importiert werden müssen. (Andrea Waldbrunner/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28./29..6. 2003)

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