Ein Glashaus auf dem Dach

28. Juni 2003, 17:47
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Helligkeit als oberste Prämisse: Stahl und Glas sind die Hauptkomponenten eines luftigen Dachgeschoßes im 8. Bezirk in Wien

Nach vielen Jahren in einer Altbauwohnung sehnte sich das Ehepaar K. nach hellen Räumen. Man hoffte, diese in einem Dachgeschoß zu finden und stieß im Heimatbezirk in einem Eckhaus an der Kreuzung Albertgasse/Pfeilgasse auf einen ausbaufähigen Dachboden. Eine Planung dafür gab es auch bald. Aber irgendwie waren weder die Anordnung der Räume, die abgelegene Terrasse und schon gar nicht die kleinen Gaupen das, was sich die Auftraggeber unter einem großzügigen, lichtdurchfluteten Wohnraum vorstellten. Neue Planer mussten her.

Sonnenstandstudie

Ein Lichtblick in jeder Hinsicht war es, als Andreas und Gerda Gerner (gerner°gerner plus) ihren ersten Plan präsentierten. Er bestand in erster Linie aus einer Sonnenstandstudie. Das, was den Auftraggebern so wichtig war, hatten die Architekten als Ausgangspunkt für den Entwurf genommen. So sahen sie, zu welcher Jahreszeit wo die meiste Sonne hinkommt, und auf dieser Grundlage war es dann ganz einfach zu bestimmen, wie die geforderten Räume am besten zu situieren sind. Da hat es keinen Sinn, mit kleinen Dachgaupen zu arbeiten, auch wenn sie die gängigste Methode und bei den behördlichen Hütern des Stadtbildes am einfachsten zu vertreten sind.

Statt einzelne kleine Gaupen eine Großform

Das bestehende Dach wurde abgetragen, nur die Kaminwand blieb als zentrales Rückgrat, um das sich das Neue entwickelt, bestehen. Und beim Neuen operierte man auch mit ablesbar neuen Mitteln. Der gesamte Aufbau besteht aus einer in Leichtbauweise und Glas ausgefachten Stahlkonstruktion. Statt einzelner kleiner Gaupen wurde die gestattete Gaupenfläche zu einer Großform zusammengefasst, die sich nach außen als nach vorne geneigte kubische Form abzeichnet. Natürlich negierten die Architekten grundsätzliche behördliche Vorgaben nicht, sie versuchten bloß, sie im Sinne eines bestmöglichen räumlichen Ergebnisses kreativ zu interpretieren und fanden bei der Abteilung für Stadtgestaltung und bei der Baupolizei für eine innovative Lösung offene Partner.

Bezug zum Außenraum

Es gibt einen von der Wohnung getrennten Büroteil, einen Wohnbereich, einen Schlaftrakt und zwischen den Letztgenannten eine Terrasse. Sowohl innen als auch außen ist diese klare Strukturierung gut nachzuvollziehen. Das Büro und der um die Gebäudeecke führende Wohntrakt verfügen über nach außen größtmöglich verglaste Flächen. Im introvertierteren Schlafbereich fiel der Glasanteil geringer aus, über eine große Fenstertür gibt es aber auch hier den Bezug zum Außenraum - besonders auf die beinahe wie ein Hof anmutende Terrasse. Von dieser führt eine leichte Treppe auf eine weitere Terrasse, von der aus sich ein Überblick über die städtische Dachlandschaft bietet.

Textilscreen

Trotz eines enorm hohen Glasanteils fühlt man sich in den weitläufigen Räumen aufgrund der günstigen Lage nie zur Schau gestellt. Zudem bieten außen liegende Textilscreens neben dem hier unbedingt erforderlichen Sonnenschutz die Möglichkeit, den Grad der Transparenz zu verringern. Überhitzung ist in Dachgeschoßen immer ein Thema und bei so großen Glasflächen - auch wenn die modernen Gläser diesbezüglich bestens gerüstet sind - sowieso. Eine Klimaanlage sorgt deshalb für Verhältnisse, die selbst in extremen Hitzeperioden keine Sehnsucht nach einem Haus im Grünen aufkommen lassen.

Wohnqualität wie in einem Einfamilienhaus ohne den Nachteil langer Wege ins Stadtzentrum bietet diese Kombination von Wohnung und Büro, und die Bewohner sagen, sie sei "wie ein gut sitzender Anzug. Engt nicht ein, schlottert nicht und trägt unseren Eigenheiten Rechnung." (Franziska Leeb, DER STANDARD Printausgabe 28/29.6.2003)

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