Amerikanisches "Risiko-Gen" als Exportgut?

27. Juni 2003, 19:28
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Es gibt sicher viele Erklärungen, warum Amerikaner besser mit Unsicherheit leben als Europäer. Das Erbgut aus dem Frontier-Geist ist eine der beliebtesten davon. Tatsache ist, dass sich Amerika mit Verboten schwer tut, wenn man die Folgen einer Handlung nicht abschätzen kann.

Im Genstreit exportieren die USA auch ihren Risikogedanken, und sie tun dies mit brachialer Gewalt und einer Scheinmoralität, wenn Bush etwa das Leid der Dritten Welt beklagt. Die Europäer haben gute Gründe, sich gegen genveränderte Lebensmittel zur Wehr zu setzen - ihr Risikoverhalten erlaubt den Import nicht. Es geht also nicht nur um eine wirtschaftliche Frage, es geht um eine andere Mentalität, letztlich um die Identität Europas.

Allerdings muss sich dieses schwächelnde Europa fragen, wie lange es dem Druck der Wirtschaftsmacht Amerika standhalten kann. Und weil es immer schwieriger wird, den Einzelnen vor den Risiken der Welt zu schützen, muss sich Europa schnell den neuen Risiken nähern. Einen Mentalitätswandel wird indes niemand erzwingen können. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28./29..6. 2003)

Aus einem "SZ"-Leitartikel von Marc Hujer
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