Der kulturelle Einfluss Amerikas ist nur oberflächlich

16. September 2003, 17:44
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Der amerikanische Historiker Richard Pells im ALBUM-Interview

In den Neunzigern diagnostizierte der amerikanische Historiker Richard Pells das Verhältnis Europas zu seinem transatlantischen Partner. Zeit für einen zweiten Besuch. Michael Freund spracht mit ihm in Wien.

Das Material war überwältigend, die Analyse umfangreich, die Schlussfolgerungen vorsichtig: In seinem Buch "Not like us" sichtete Richard Pells Literatur, Statistiken und persönliche Erfahrungen zum Thema Europa/Amerika. Den in Kansas geborene und an der University of Texas in Austin lehrende Geschichtswissenschafter faszinieren die Transformationsmechanismen, die kulturelle Dominanz verwandeln. Er sucht auch die Schauplätze seiner Analyse immer wieder auf – zur Zeit ist er Fulbright Senior Spezialist in Wien, am Montag nahm er an einer Fulbright Konferenz über transatlantische Beziehungen an der Diplomatenakademie teil.

DER STANDARD: Was haben Sie für Eindrücke über USA/Europa seit dem Erscheinen Ihres Buches, aber vor dem 11. September?

Pells: Es kamen Themen in meinem Buch vor, von denen ich annehmen konnte, dass sie sich ändern würden. Vor allem die multinationalen Medienkonglomerate – deren Aufstieg war abzusehen; dann kam noch der tiefe Fall von einigen dazu ... Ein weiterer Trend übrigens , der sich seit 1997 verstärkte: die Popularität nicht-amerikanischer Filme in den USA; und ich meine nicht nur die Streifen, die bei der Elite immer schon beliebt waren, sondern auch solche wie Crouching Tiger, Hidden Dragon, Lola rennt oder Benignis La vita é bella. Ich hatte ja noch darüber geschrieben, dass sich die europäischen Filmemacher zu Recht immer beklagen, wie schwer es sei, in den US-Markt zu kommen: Das hat sich ein wenig geändert.

DER STANDARD: Sie schrieben aber doch auch, dass die europäischen Filmemacher selber an ihrer Misere schuld seien, weil sie nicht den Geschmack der Leute träfen.

Pells: Ja, aber mit "zu Recht" meinte ich, dass es wirklich eine Misere war. Vor allem aber war mir damals nicht bewusst, wie sehr in den Neunzigern der Unterschied zwischen der amerikanischen Militärmacht und der Macht aller anderen Ländern geworden war und noch weiter wuchs.

DER STANDARD: War der 11. September eine Fortsetzung dessen oder ein qualitativer Sprung?

Pells: Es katapultierte die USA ganz klar in eine neue außenpolitische Dimension. Nicht nur die Führer, auch das Volk sollte sich plötzlich an eine viel gewichtigere Rolle gewöhnen.

Von 1940 bis 1988 wurden die Wahlen danach entschieden, welcher Kandidat mit Amerikas Rolle in der Welt besser umgehen konnte. Wer sollte sozusagen den Finger am atomaren Knopf haben? 1992 wurde zum ersten Mal aufgrund innenpolitischer Fragen entschieden. "It’s the economy, stupid", sagte Clinton. Das galt auch für 1996 und für 2000.

DER STANDARD: Aber man sagt doch, dass die Leute immer "mit ihrem Portemonnaie" wählen.

Pells: Schon, aber wenn man sich ansieht, welche Themen eine große Rolle gespielt haben, dann war bis 1992 immer die Außenpolitik dabei. Bush jr. sprach doch noch von einer "demütigen Politik". Nun, das hat sich 2001 alles radikal geändert. Und 2004 wird wieder so sein wie vor den Neunzigern. Bush und sein Gegenkandidat werden viel über nationale Sicherheit und Außenpolitisches reden. Erinnern wir uns hingegen daran, ein um wie viel größeres Zögern es gab, in Bosnien und Kosovo einzugreifen.

DER STANDARD: Wobei diese Eingriffe dann vergleichsweise positiv in der Welt gesehen wurden.

Pells: Während das europäische Verhalten damals die Wahrnehmung Europas durch die USA stark gefärbt hat, auf kritische Weise.

DER STANDARD: Was dann in simplifizierter und meiner Ansicht nach ungerechtfertigter Weise Kagans Argument über die allzu friedfertigen bis feigen Europäer unterfüttern sollte. Womit wir, a propos Mars und Venus, bei der Frage wären, wie sich die US-Regierung weiterhin außenpolitisch verhalten werden.

Pells: Auf eine seltsame Weise ist diese Regierung nicht "neo-konservativ", sondern überhaupt nicht konservativ. Sie hat eine geradezu radikale Ansicht von ihrer eigenen Macht zur Veränderung, vor allem im Nahen Osten. Das würde man von einer konservativen Regierung ja nicht erwarten; das ist vielmehr die Wiederauferstehung einer liberalen, internationalen Politik, wie man sie von Roosevelt bis Johnson kannte. Und wenn Bush wiedergewählt wird, dann wird das verstärkt weitergehen. Ich glaube auch nicht, dass Bush und seine Leute dumm und uninformiert sind. Sie sind eher true believers – was gefährlicher sein kann. Ich frage mich übrigens, wie lange Colin Powell noch in diesem Kabinett bleiben wird.

DER STANDARD: Er ist ja der Linksradikale in der Regierung.

Pells: Ja. Das heißt nein – eigentlich ist er der traditionelle Konservative da drinnen.

DER STANDARD: Wenn wir den kulturellen transatlantischen Austausch und dessen Probleme ansehen, wie Sie ihn in Ihrem Buch behandelt haben: Was hat sich in den letzten Jahren getan, das Sie für signifikant halten?

Pells: Ich arbeite zur Zeit an einer Erweiterung meiner damaligen Argumente, genauer: darüber, wie die Popularität der amerikanischen Kultur immer von den Einflüssen aus allen möglichen anderen Ländern und Kulturen abhängig war. Nicht nur die Flüchtlinge und Immigranten, die Schauplätze wie Hollywood bereichert haben, sondern auch die Ideen und Modelle. Im Grunde hat vor allem die europäische Moderne des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts unbeabsichtigt zur Entwicklung der amerikanischen Massenkultur beigetragen, in Musik, Architektur, Malerei, auch Film, zum Beispiel der deutsche Film (der Zwischenkriegszeit).

Ich glaube, das wird so bleiben. Und darüber gibt es nach meiner Ansicht einen Bruch zwischen dem amerikanischen Unilateralismus in Politik und Militärischem und der kulturellen – und im übrigen auch wirtschaftlichen - Interdependenz der USA. Werden die USA und Europa auseinanderdriften? Nur in beschränktem Ausmaß. Amerika wird sich aufgrund seiner militärischen Überlegenheit vorbehalten, wie es mit dem Rest der Welt umgeht. Aber wie in jedem Familienstreit sind wir hier voneinander abhängig. Im europäischen CNBC, das ich mir hier in Wien öfters ansehe, ist viel von amerikanischen Zuständen die Rede – aber im amerikanischen CNBC ist das Umgekehrte der Fall.

DER STANDARD: Mein Eindruck, vor allem in der amerikanischen Provinz, war aber schon eher, dass Europa sehr, sehr weit weg ist.

Pells: Andererseits gibt es dort – zum Beispiel in Austin, Texas, wo ich wohne – viele Autoren, Filmemacher etc., die sich für den Rest der Welt mehr als früher interessieren, die reisen und überall Eindrücke sammeln. Ich glaube nicht, dass Timothy Garton Ash (der britische Historiker, der einen Teil des Jahres an der Stanford University in Kalifornien verbringt) Recht hat, der argumentiert, dass es nur an Ost- und Westküste ein Interesse an Europa und dem Rest der Welt gibt.

DER STANDARD: Ergibt sich aus dem Gesagten eine neue Schlussfolgerung, was die Argumente in Ihrem Buch anbelangt?

Pells: Da ging es ja eher um die Haltung der Europäer zu Amerika. Und da sehe ich nach wie vor, dass es zwar einen großen kulturellen Einfluss Amerikas gibt – dass dies aber sehr oberflächliche Artefakte sind. In die Tiefe europäischer Kulturen dringen sie nicht ein.

DER STANDARD: Nehmen wir Essen und Trinken als Beispiele.

Pells: Gut: Jedes Land wird zwar immer kosmopolitischer beim Essen, auch Frankreich: Da gibt es vietnamesische, algerische Einflüsse – so wie auch Amerika von allen möglichen Regionalküchen verändert wird. Aber es stimmt: In Frankreich herrscht eine ganz andere Haltung gegenüber dem Essen, und die ist prägend, und das merkt man, wenn man dort ist.

DER STANDARD: Und das merkt man ja auch auf ganz anderen Gebieten, etwa der Religion.

Pells: Das ist interessant. Ich werde immer gefragt, warum Amerika, warum Bush so religiös seien, warum Religion immer in der politischen Rhetorik vorkommt. Meine Antwort darauf ist immer: Nehmt das nicht so ernst, das wurde bei uns immer so gehandhabt. Und andererseits: Hier in Europa wird man von religiösen Feiertagen nur so überflutet, während es in den USA gerade mal zwei gibt, nämlich Weihnachten und Ostern.

DER STANDARD: Aber die Leute hier fahren an diesen tagen ja nur ins Grüne.

Pells: Ich weiß. Aber was ich damit sagen will: In gewisser Weise ist Europa immer noch eine sehr christliche Kultur, was für Nicht-Christen recht hinderlich sein kann.

DER STANDARD: Kommt auf das Land an. Das ist wohl in Schweden anders als in Italien.

Pells: Immerhin gibt es starke "Christlich-Soziale" Parteien, und es gibt große lutherische Traditionen. Etwas anderes, was mir nach wie vor auffällt, ist die europäische Haltung gegenüber und Nutzung von Städten. Die sind völlig anders als in den USA. Bei uns ist die Entfernung vom Zentrum ein Maßstab für persönlichen Erfolg. Ich denke an Städte wie Denver, Atlanta oder die Stadt, in der ich aufwuchs: Kansas City.

DER STANDARD: Mir ist in vielen Gesprächen mit konservativen Amerikanern aufgefallen, dass ihnen die europäische, vergleichsweise legere Art des Lebens in der Großstadt irgendwie suspekt ist. Die Kaffeehausbesucher sollten lieber was leisten, ist die zugrundeliegende Haltung.

Pells: In Europa gibt es eine Tendenz, die kollektive Natur des sozialen Lebens zu verstehen und zu würdigen. Amerikaner, insbesondere konservative, bemerken ihrerseits eine Art Unterwürfigkeit bei den Europäern, die ihnen fremd ist: Diese Europäer warten immer auf "Die Regierung", damit Probleme gelöst werden. Dieser Haltung misstrauen die Amerikaner.

(Pells zündet sich eine Zigarette an. Es folgt eine längere Debatte über die Tendenz der amerikanischen Behörden, sehr wohl auch in das Privatleben der Bürger regulierend einzugreifen.)

Pells: Es stimmt, es gibt immer einen moralistischen Zug in der amerikanischen Gesellschaft. Doch insgesamt gibt es ein größeres Bewusstsein dafür, dass Regierungen stören können – und es nicht sollen.

Ich gebe Ihnen ein transkulturelles Beispiel. In den Neunzigern lebte ich in Holland, einem Land, das ich immer für besonders liberal, libertär hielt. Was wohl auch stimmt. Doch ich fand unter holländischen Freunden eine Art, mich darauf hinzuweisen, wie man sozusagen zu leben habe: wann man das Licht abdrehen soll und dergleichen. Ich beschwerte mich einmal darüber und sagte, ich fände das aufdringlich. Das sei nicht aufdringlich, wurde mir geantwortet, sondern "ein Zeichen unseres Altruismus: Wir kümmern uns umeinander." Viele Amerikaner finden solche Gesellschaften dennoch sehr aufdringlich. (Langfassung des Interviews im ALBUM/DER STANDARD, Printausgabe, 28./29.6.2003)

Richard Pells:
"Not like us. How Europeans have loved, hated, and transformed American culture since World War II"
Basic Books, New York 1997.
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