Mein Bruder, mein Feind

27. Juni 2003, 19:40
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Ingrid Nolls Ödipus-Drama wie aus dem Lehrbuch

Die Kleinfamilie als Brutstätte aller Ungeheuerlichkeiten ist keine wirklich neue Kulisse. Ingrid Noll, schreibende Spätstarterin mit Bestsellerstatus macht sich trotzdem ein weiteres Mal in die marode Szenerie auf.

Geschwisterrivalität ist spätestens seit Kain und Abel ein Dauerbrenner. Die beiden Rabenbrüder heißen hier Paul und Achim, sind längst erwachsen und verdächtigen einander seit jeher, Mamas besonderer Liebling gewesen zu sein. Man hat also keinen Grund, sich als Erwachsene um herzlichen Kontakt zu bemühen. Manchmal sind Familienzusammenkünfte freilich unvermeidlich. Als der hypochondrische Familientyrann stirbt, die Umstände sind merkwürdig und nicht ganz zufällig, ist das nur eine der vielen Malaisen, die das Brüderpaar heimsuchen.

Der fremdgehende Paul hatte nur Stunden, bevor er mit seiner Geliebten auf Kurzurlaub nach Spanien verschwinden wollte, einen Autounfall gebaut und dabei sich und seine Frau Annette verletzt. Statt Liebesurlaub mit Olga stehen nun Familienpflichten mit Mutter und Annette an. Seltsamerweise kümmert sich der ansonsten so unzuverlässige Achim rührend um seinen angeschlagenen Bruder und um dessen Ehefrau. Er scheint irgendeinen Plan zu verfolgen. Zunächst einmal sät er Zwietracht. Die alten Geschwisterstreitigkeiten werden wieder aufgekocht: Achim, der in finanziellen Schwierigkeiten steckt, macht sich an Pauls Frau heran, inzestuöse Fantasien, ödipale Konflikte, Neid, Geldgier und Erbschaftsstreitigkeiten ergeben ein vielfältig-giftiges Gemisch, in dem der vordergründig charmante Achim heftig umrührt.

Das alles klingt wie eine Einführung in die Psychologie, erstes Semester und ist ein bisschen simpel gestrickt. Die Verwicklungen und die schurkischen Inszenierungen sind allzu sehr konstruiert, um glaubwürdig zu wirken. Der schwarze Humor, eines der Markenzeichen der früheren Romane Nolls ist verblasst. Von den Rabenbrüdern bleibt diesmal immerhin einer übrig. Das ist in Anbetracht der wenig sympathischen Protagonisten wirklich recht nachsichtig.(Ingeborg Sperl/DER STANDARD, Printausgabe, 28.06.2003)


Ingrid Noll, Rabenbrüder. € 19,90/280 Seiten. Diogenes, Zürich 2003.
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