Amok, Alarm, Anarchie

27. Juni 2003, 19:35
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Endlich erscheint eine deutsche Übersetzung, die einem der wichtigsten Romane des 20. Jahrhunderts gerecht wird: Louis-Ferdinand Célines "Reise ans Ende der Nacht"

Geschenkt: Er war ein rabiater, ein widerwärtiger Antisemit. Ich weiß: "Geschenkt" darf man in einem solchen Fall nie sagen. Und doch ist es so. Wir wissen es: Seine hasserfüllten und menschenverachtenden Tiraden gegen die Juden, denen er in drei großen Pamphleten Ausdruck gab, wurden weder vom (wegen Kollaboration hingerichteten) Drieu La Rochelle noch vom französischen Stammvater des literarischen Antisemitismus, Léon Bloy, überboten.

Der Schlüssel zu Célines aus den Eingeweiden brodelndem Antisemitismus liefert der großartige Roman Voyage au bout de la nuit (1932) vermutlich selbst. Da heißt es einmal vom kriegsgeschädigten Antihelden Ferdinand Bardamu: "Die Bonzen ließen mich laufen, so kam ich mit heiler Haut davon. Aber mein Kopf hatte schwer was abgekriegt, und das war für immer."

Und so muss man Célines Meisterwerk, dem man an keiner Stelle Antisemitismus vorwerfen könnte, auch als das Bekenntnis einer so tief greifenden Schädigung des Autors lesen, die ihn schließlich in die zerstörerische, menschenverachtende Bahn der Nazi-Ideologie brachte. Dass sich daraus keine Entschuldigungen ergeben können, versteht sich von selbst.

Und natürlich: Die literarische Einschätzung dieses Großen des 20. Jahrhunderts musste unter dem Verdikt seiner Unmoral leiden. Zur Erinnerung: Gottfried Benn stellt ein ähnliches Problem dar, von Heidegger ganz zu schweigen. Weitere Fälle dieser Art: Luigi Pirandello, der Glückwunschbriefe an den Duce schrieb; Knut Hamsun mit seinem verschrobenen Hitler-Kult; Rainer Werner Fassbinder, der neben wegweisenden Filmen Hetzstücke inszenierte, in denen Immobilienspekulanten kurzum als "Der Jude" bezeichnet werden.

Die Übersetzungsgeschichte von Voyage au bout de la nuit erscheint vor diesem Hintergrund besonders paradox: Als der Roman in Deutschland erschien, war die deutsche Kultur bereits von den Nazis so geprägt, dass die Übersetzung geglättet, zensuriert, verbogen werden musste, damit all die "entarteten Elemente" des Werks "ausgemerzt" werden konnten.

Mit dieser Nazi-Version hatten wir uns bislang zu begnügen. Endlich wagt sich der Rowohlt-Verlag an eine in jeder Beziehung gelungene neue Übersetzung: Keine Kürzungen, keine Unterdrückung des für Céline typischen Slang-Vokabulars aus der verzweifelten französischen Unterschicht, keine Zensur der deftigen sexuellen Anspielungen. Da muss man dem Übersetzer Hinrich Schmidt-Henkel wirklich ein Kompliment machen: Der Sound stimmt, und es wird lange so bleiben, denn Schmidt-Henkel hat sorgsam darauf geachtet, Modewörter zu meiden, die in wenigen Jahren schon bald out sein und altbacken klingen werden.

Aber jetzt zum Buch: In Voyage au bout de la nuit wirft der Armenarzt Louis-Ferdinand Céline einem patriotisch verrotteten Bürgertum all den Speichel entgegen, der sich bei der Betrachtung einer korrupten, sozial fühllosen und übrigens auch antisemitischen Gesellschaft in einem Menschen angesammelt hat, der mit dem einfachen Attribut des Mitgefühls ausgestattet ist.

Ich habe mich über all die bisher erschienenen Rezensionen maßlos geärgert: Da wird die übliche pseudomodernistische Suada abgelassen: Apokalypse, Nihilismus, Vulgarität, Pessimismus bis hin zum postmodern üblichen "Schwund des Glaubens an die Transzendenz". Haben sich denn die professionellen Rezensenten nicht überlegt, weshalb Céline nach der Veröffentlichung des Buchs nur Zuspruch aus den katholischen Kreisen erhielt?

In Wirklichkeit mobilisiert Céline in der Reise ans Ende der Nacht die katholische Konkursmasse gegen den widerwärtigen Kriegspatriotismus der europäischen Nationen (Szenen aus dem Ersten Weltkrieg), gegen den modernen Kapitalismus (Szenen als Outlaw in Denver), gegen den Kolonialismus (Szenen aus den französischen Kolonien in Afrika), gegen die Ausbeutung der Arbeiter (Szenen aus der Pariser Banlieu), bis hin zu den moralisch zerrütteten Familienverhältnissen der von Alkoholismus, Syphilis und Gewalt geprägten französischen Unterprivilegierten.

Die Rezensionsgeschichte von Célines großem Roman zeigt auch, wie wenig die französischen Kommunisten der Realität zugetan waren. Ihnen missfiel die Darstellung der Arbeiterklasse als "bestialisches Vieh, das nur aus stinkenden Eingeweiden besteht". Sie hätten es gerne heroischer, sprich: dem sozialistischen Realismus entsprechend gehabt.

Den französischen Kommunisten missfiel es außerordentlich, dass da einer die Arbeiter dargestellt hatte, wie sie - aufgrund der Umstände - eben nicht anders sein konnten. Céline wusste als Armenarzt in Belleville leider zu gut darüber Bescheid. Der spätere Nazi war sich nicht zu schade, den Menschen an der Peripherie eines immer noch weltweit leuchtenden Paris Hilfe zu leisten. Meist erhielt er für seine Dienste nichts, manchmal ein Huhn oder eine Flasche Pernod.

Das Rätsel des nach dem Ersten Weltkrieg in den Antisemitismus abgedrifteten Louis-Ferdinand Céline lüftet leider auch die von Piper unter dem Titel Mein Leben mit Céline herausgegebene Anekdotensammlung seiner Lebenspartnerin Lucette Destouches nicht. Über Céline erfährt man dort jenseits seiner Liebe für Papageien herzlich wenig. Seinen Antisemitismus leugnet Frau Destouches mit Célines eigener unglaubwürdigen Argumentation, er habe Europa retten wollen, indem er angeblich einen französisch-deutschen Pakt gefördert habe.

Menschen sind widersprüchlich. Sie sind zu allem fähig: von der Selbstlosigkeit, die Céline in seinem Privatleben zur Genüge bewiesen hat, bis zur widerwärtigsten Attacke gegen einen halluzinierten Feind - dem ewig wandernden Juden Ahasver. Doch warum uns die Tagebücher des Herrn Joseph Goebbels nichts Menschliches, nichts Ästhetisches vermitteln, hingegen Benns Gedichte, Pirandellos Stücke oder eben Célines Reise ans Ende der Nacht sehr wohl -- das muss den Unterschied auch unter den betreffenden Menschen ausmachen.

Louis-Ferdinand Céline war ein sozialistischer Fundamentalkatholik, der auf den (im Katholizismus bereits angelegten) antisemitischen Irrweg geriet. Seine Reise ans Ende der Nacht bleibt neben Joyces Ulysses und Prousts Recherche der Meilenstein des europäischen Romans des letzten Jahrhunderts.

Zum ersten Mal kann man dieses Buch in einer mehr als halbwegs angemessenen Übersetzung auch auf Deutsch lesen. Rowohlt, diesem im globalisierten Zeitalter einem Global Player einverleibten einstigen Traditionsverlag, sei Dank! Das Buch möge endlich die Leser finden, die Célines komplexer Autor- und Menschenstruktur gerecht werden. Bisher waren es wenige. (Von Dante Andrea Franzetti/DER STANDARD; Printausgabe, 28.06.2003)



Louis-Ferdinand Céline, Reise ans Ende der Nacht.
€ 30,80/672 Seiten. Rowohlt, Hamburg 2003.


Lucette Destouches, Mein Leben mit Céline, € 15,40/ 127 Seiten. Piper, München, 2003.
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