Lange Nächte

15. August 2003, 20:56
posten
Also alle Kulturhauptstädter aufgepasst: Heute ist nichts mit dem Schlafen. Wer sich heute Abend in sein Bett verkriecht, ist ein Banause. Heute heißt es, Die lange Nacht genießen.

Und wer bisher den Kulturhauptstadtmachern schmollend vorgeworfen hat, sie würden sich um große Grazer Traditionen den Teufel scheren, der muss ab heute aber wirklich hübsch den Mund halten. Denn lange bevor sich Graz heuer endlich als Europas Kulturhauptstadt bezeichnen durfte, konnte man sie getrost als dionysische Hauptstadt der Langen Nächte bezeichnen.

Ich gebe zu, dass das Programm dieser Langen Nächte nicht von vornherein festgelegt war. Und ein jeder der Zelebranten dieser improvisierten nächtlichen Saturnalien hätte sich wohl gehütet, das Programm derselben zu annoncieren. Allein, wie das Sprichwort schon sagt, es ist nichts so fein gesponnen, dass es nach einer Langen Nacht nicht doch irgendwann an die Sonne gekommen wäre.

Die heutige Lange Nacht bildet diesbezüglich sogar eine rühmliche Ausnahme: Da ist das, was nächtens passieren soll, vorher an den Tag gekommen. Das ist immerhin ein beträchtlicher Fortschritt gegenüber der Vergangenheit, in der nach der einen oder andren Langen Nacht durchsickerte, was sich in deren Verlauf nicht alles zugertragen hat.

Zum Beispiel in so mancher, die zwischen Gründonnerstag und Karfreitag lag. Immer dann, wenn Lovro von Matacic im Grazer Opernhaus den Parsifal dirigierte. Der Bayreuther Meister hätte sich wohl nicht träumen lassen, dass just sein frommes Bühnenweihfestspiel jemals zum Anlass für so manches Grazer Gelage sein sollte, bei dem fürwahr nicht nur Spinat verzehrt wurde.

Denn gleich nach dem Schlussakkord begab sich der große kroatische Dirigent zum "Reif" oder zum "Raubal" (zwei Gourmettempel, die schon lange nicht mehr existieren), wo ihn sein als Komponist wie als Gourmet gleich bedeutender Grazer Freund Joseph Marx mit einer Schar von Bacchanten (und natürlich auch -innen) erwartete. Dort hub dann eine Lange Nacht an, die sich gewaschen hatte - vorwiegend in Wein und Champagner.

Ein anderer großer Meister des Taktstockes, Bruno Maderna mit Namen, zog es vor, seine Lange Nacht schon vor seinem Konzert zu feiern. Nach der letzten Probe mit dem Grazer Philharmonischen Orchester verfügte er sich in die - ebenfalls längst geschlossene - "Triumphbar", von der er nach fast 24-stündigem faunischem Verweilen erst unmittelbar vor Beginn des Konzertes zurückkehrte, sich in den Frack warf und ein bravouröses Konzert - darunter György Ligetis Lontano - dirigierte.

Angesichts so leuchtender Vorbilder wird jeder Kulturhauptstädter heute wohl wissen, was er der großen Tradition seiner Vaterstadt schuldig ist. (DER STANDARD; Printausgabe, 28.06.2003)

Share if you care.