"Rabbit-Proff Fence": Benutzerfreundliche Geschichtsbewältigung

23. Juli 2004, 10:33
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Phillip Noyces erzählt in "Rabbit-Proof Fence" von der historischen Flucht dreier Kinder durch Australien

Wien - Der "Spirit Bird" ist ein seltsames Tier: Gleich bei seinem ersten Auftauchen muss man annehmen, dass er im weiteren Verlauf des Films noch seine Bedeutung haben wird. So überdeutlich wird er markiert, wenn eine alte Frau ihre Enkelin auf ihn hinweist.

Der "Spirit Bird" ist in Phillip Noyces Rabbit-Proof Fence - vom deutschen Verleih mit dem Titel "Long Walk Home" versehen - allerdings nur ein Indiz dafür, wie benutzerfreundlich hier die Geschichte einer historischen Flucht durch Australien erzählt wird. Hintergrund ist die Rassenpolitik der australischen Regierung, die in den 30er-Jahren damit begann (und bis in die 70er damit fortfuhr), Kinder aus Verbindungen von Aborigines und Einwanderern von ihren Familien zu trennen.

Untergebracht in Erziehungsheimen wurden sie zu Dienstboten ausgebildet oder - je nach Hautfarbe - auf Schulen geschickt, um sie ihrem eigenen Umfeld nachhaltig zu entziehen. Die Hauptfiguren des Films, Molly, Daisy und Gracie, drei Mädchen im Alter von acht, zehn und vierzehn Jahren, wurden 1931 aus einer kleinen Siedlung im Süden mehr als 1000 Meilen weg in ein solches Heim verfrachtet. In monatelanger Wanderung entlang eines Überland-Schutzzauns gegen Kaninchen gelang ihnen jedoch zumindest vorübergehend die Rückkehr zu ihren Müttern.

Rabbit-Proof Fence erzählt diese Geschichte leider genau so, wie man es erwartet. Der Zuschauer wird auf sicheren Schienen wie durch ein Historyland geleitet: Am Anfang sachdienliche Hinweise per Schriftinsert und Off-Stimme, dann: Szenen vom glücklichen Leben im Familienverband, in die sich bereits bedrohliche Untertöne mischen.

In Untersichten wird per Zwischenschnitt der so genannte Chief Protector of Aborigines A.O. Neville (Kenneth Branagh) ins Bild gerückt, der in seinem fernen Büro seine Ideen zur Zwangsassimilierung entwickelt und Molly, Daisy und Gracie (Everlyn Sampi, Tianna Sansbury und Laura Monaghan) bereits im Visier hat. Es folgt die dramatische Abholung der Mädchen, die einer Entführung gleicht, Szenen aus dem Erziehungsheim samt herrischer Klosterschwestern und schließlich die Stationen einer Flucht, deren jede wiederum einen bestimmten Zweck erfüllt - von Verrat, Missbrauch oder auch unerwarteter Unterstützung handelt. Die Ökonomie der Erzählung hat dabei den paradoxen Effekt, dass die Erfahrung der langen Wanderung durch unterschiedlichste Landstriche (wie so vieles andere in diesem Film) nur selten ihre Wirkung entfalten kann.

Am Ende stehen dann die schriftliche Zusammenfassung der weiteren, wechselvollen Lebensgeschichte und dokumentarische Aufnahmen zweier alter Frauen: Molly und Daisy. Von ihnen hätte man gern mehr gesehen. (DER STANDARD, Printausgabe, 28.6.2003)

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