"Verwurstungsmaschine"

27. Juni 2003, 17:37
1 Posting

Josef Haslinger: Der Wettbewerb hat für die Entwicklung des eigenen Schreibens keine große Bedeutung

Klagenfurt - "Die Jury bei diesem Wettbewerb hat ganz andere Maßstäbe als die meisten Leser." Was die Masse lese, werde hingegen von den Juroren weit gehend abgelehnt, erklärte der österreichische Schriftsteller Josef Haslinger am Freitag. Er würde jungen Autoren raten, nicht zu schnell an die Öffentlichkeit zu gehen, auch nicht, sich für die Teilnahme an den Tagen der deutschsprachigen Literatur zu bewerben.

Rat

Der Wettbewerb in Klagenfurt habe für die Entwicklung des eigenen Schreibens keine große Bedeutung, sagte Haslinger am Rande des Bachmannpreis-Wettbewerbes in Klagenfurt. Sehr wohl sei Klagenfurt wichtig für das Fortkommen im Literaturbetrieb. Darin liege für junge Literaten aber auch die Gefahr, etwa einer zu frühen Festlegung auf eine bestimmte Art zu schreiben, die "zufällig gerade angekommen ist". "Ich würde meinen Jungstudenten abraten, nach Klagenfurt zu gehen, damit würden sie zu schnell in die Verwurstungsmaschine geraten."

Eigendarstellung

Die Kritik der Juroren ist für Haslinger zwar nicht unwichtig, hat aber auch viel mit Eigendarstellung zu tun. Dies sei von der Art der Veranstaltung her zwingend notwendig und auch Teilnehmern wie Juroren bekannt. Auf die Frage, wie er die Qualität der bisher präsentierten Texte beurteile, wollte sich Haslinger nicht festlegen. Dazu müsse der Qualitätsbegriff definiert werden, der noch dazu bei den einzelnen Juroren durchaus unterschiedlich sein könne. Zudem betrachte die Jury die Arbeiten der Autoren mit Kriterien, die für eine bestimmte Schicht von Lesern interessant sei.

Zu seiner eigenen Tätigkeit als Juror meinte Haslinger: "Ich vergesse keinen Augenblick, dass ich selbst Autor bin." Trotzdem sei er ja auch Leser, daher gebe es nicht nur den Zugang des Autors zu den Texten. "Es kann nicht jeder jede Art zu schreiben können, und wenn er noch so lange übt." Daher könne er durchaus Bewunderung für andere Texte empfinden, die er selbst nie so schreiben könnte. Dies gelte etwa für die Erzählung von Sünje Lewejohann "Im Farnschatten", die er selbst vorgeschlagen habe. "Dieser Text liegt mir sehr."

Coaching

Dass Lewejohann seitens einzelner Jurymitglieder offene Ablehnung entgegengeschlagen war, könne er nicht nachvollziehen. "Ich habe das nicht erwartet." Vielleicht, so Haslinger, liege es daran, dass Lewejohann die Erzählung zu gefühlvoll vorgetragen habe. Eine distanziertere Art des Vortrags wäre wohl besser gewesen. Ein Coaching für die Teilnehmer am Literaturwettbewerb lehnt Haslinger allerdings kategorisch ab: "Das ginge zu weit."

Leseerlebnis

Haslinger hat im Vorfeld der Veranstaltung 300 bis 400 Texte zugesandt bekommen. "Ausgewählt habe ich nach dem Leseerlebnis." Dieses finde nicht nur auf der emotionalen Ebene statt, sondern auch im Kopf. Er habe keine Dogmen, was ein Text haben müsse oder wie er sein müsse. "Er soll überraschen, nachdenklich machen." Er sollte tunlichst eine Geschichte erzählen, reiner Manierismus erschöpfe sich seiner Ansicht nach zu schnell. "Beschreibungen eigener Seelenzustände liegen mir nicht so." Was nicht heiße, dass ihm nicht genau so ein Text gut gefallen könne. Auch das könne vorkommen.

Ob Haslinger auch im nächsten Jahr als Juror wieder nach Klagenfurt kommen wird, dafür sei es noch zu früh. Man müsse ja auch wieder eingeladen werden. "Jetzt ist gerade erst Halbzeit dieses Wettbewerbs, warten wir also ab." (APA)

  • Bild nicht mehr verfügbar
Share if you care.