Rotierendes Cybergirl

27. Juni 2003, 17:23
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LaLaLa Human Steps mit "Amelia" im Republic bei der Sommerszene Salzburg: Choreograf Édouard Lock setzt auf rasante Bewegungsakrobatik beseelter "Tanzpuppen"

Salzburg – Njo Kong Kie begibt sich an den Konzertflügel, stimmt David Langs elegisch klingende Musik an. Nadine Medawar singt wehmütig lyrische Lieder von Lou Reed. Aus dem Bühnendunkel tauchen allmählich seltsam anmutende Gestalten auf. Scharfes Licht zielt auf einen am Boden verwinkelt sitzenden Mann. Er tastet Gesicht und Kopf ab, nimmt regelrecht Maß, prägt sich die Umrisse ein. Schwerfällig schiebt sich eine Leinwand in die Bühnenmitte. In den eingespielten Projektionen ist das Abbild einer schönen Frau zu sehen: ideale Figur, lange, schlanke Beine, ebenmäßiges Antlitz, stechende blaue, starre Augen, abgehacktes Gestikulieren.

Ihr Name ist wohl Amelia, so hat Édouard Lock seine jüngste, im Oktober 2002 in Prag uraufgeführte LaLaLa-Human-Steps-Produktion genannt, die zum Auftakt der Sommerszene Salzburg am Donnerstag im Republic Österreichpremiere feierte. Amelia erinnert an Das Mädchen mit den Emaille-Augen, bekannt aus dem spätromantischen Ballett Coppélia, das auf E.T.A. Hoffmanns Erzählung Der Sandmann zurückgeht und die Verlebendigung einer Puppe zum Thema hat.

Kunst der Spitzentechnik

Was uns die virtuelle Schönheit an Artifiziellem vorgaukelt, realisiert sich auf der Bühne. Der kanadische Choreograf ist ein Meister der Perfektion. Ein Ästhet, der mit ausgetüftelten Lichtkontrasten arbeitet, der die fünf Frauen in eng anliegende, transparente schwarze Trikots der Modeschöpferin Liz Vandal und die vier Herren in saloppe Anzüge steckt. Die Ballerinen haben den klassischen Tanz und vor allem die hohe Kunst der Spitzentechnik intus. Von den Männern, die man alle für Puppenmacher halten könnte, angekurbelt, rotieren sie in immenser Geschwindigkeit am Platze, werden sie herumgewirbelt, in die Luft geworfen, aufgefangen und dann immer wieder in festen Griff genommen.

Sie fegen elegant über die Bühne, drehen unzählige Pirouetten, verstricken sich in ungewöhnliche Bewegungsabläufe und lassen sich den Höhenflügen trotzend am Boden nieder. Es gibt trügerische Phasen der bewusst eingesetzten Langsamkeit, denn schon setzt sich die Hand propellerartig in Bewegung, verschwimmen die Konturen gänzlich. Die formstrenge 90-minütige Bilderflut hat mitunter hypnotisierenden Effekt, den abrupten Wechsel in den Gruppierungen, Passagen des synchronen Tanzes brechen. Bei aller Kunstfertigkeit, bei all der mechanischen Gestik, hat man es allerdings doch mit beseelten "Tanzpuppen" voll Charakter zu tun. Der zwischenmenschliche Kontakt, die Beziehung zwischen den Geschlechtern funktioniert, manifestiert sich in raffiniert gestalteten Pas de deux, in den Momenten der zärtlichen Berührung. In Amelia bewegen sich eben nicht nur Präzisionskörper, sondern Tänzer aus Fleisch und Blut. (Ursula Kneiss/DER STANDARD; Printausgabe, 28.06.2003)

LaLaLa Human Steps eröffnen mit Amelia am 10. Juli im Volkstheater das ImPulsTanz 2003

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