"Nur noch raus aus der Höllenstadt"

27. Juni 2003, 17:38
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Im westafrikanischen Bürgerkriegsland Liberia droht eine humanitäre Katastrophe

"Wenn man versucht, mich vorzeitig aus dem Amt zu jagen, wird das in einem Blutbad enden", warnte Liberias Staatschef Charles Taylor. Mit der Entscheidungsschlacht um die Hauptstadt Monrovia ist die Prognose eingetreten.

Monrovia/Nairobi – "Nur noch raus aus dieser Höllenstadt", sagt einer der Tausenden Einwohner, die panisch aus der Stadt fliehen. "Hier herrscht Endzeitstimmung." Seit die Rebellen der Vereinten Liberianer für Versöhnung und Demokratie (LURD) vor wenigen Tagen ihren Vorstoß zum endgültigen Sturz von Präsident Taylor begannen, sind selbst Wohnviertel der Stadt zu Schlachtfeldern geworden. Dutzende Leichen liegen auf den Straßen. "Wir können nicht sagen, wie viele, weil die Kämpfe keine Einschätzung möglich machen", sagte eine Sprecherin der Organisation "Ärzte ohne Grenzen".

"In dem provisorisch eingerichteten Krankenhaus auf unserem Gelände haben wir mindestens 150 Verwundete behandelt." Mehr als 40 Schwerverletzte seien in die Klinik des Roten Kreuzes gebracht worden. "Die Chirurgen kommen bei den Notfällen kaum nach", sagte die Sprecherin.

Nachdem das einzige öffentliche Krankenhaus evakuiert werden musste, seien mindestens 200 Verwundete in der privaten John F. Kennedy-Klinik behandelt worden, erklärte dort ein Sprecher. In Teilen der Stadt gebe es keine Wasser- oder Stromversorgung.

Am Donnerstag vormittag nutzten Hunderte Menschen eine Kampfpause, um aus ihren Verstecken zu fliehen.

Nachdem in den letzten Monaten Hunderttausende aus dem umkämpften Umland nach Monrovia gekommen waren, setzte nun der Rückwärtsstrom ein. Sammeltaxis drängten sich vor der Stadthalle, in der mehr als tausend Menschen die Nacht verbracht hatten. "Um uns aus der Stadt zu bringen, verlangen die Fahrer nun das Zehnfache", klagte ein Mann.

"Präsident Taylor hat die Chance verspielt, uns einen derartigen Wechsel zu ersparen", sagt eine Frau in der Menge. "Jetzt hat Taylors letzte Stunde geschlagen." Taylors Spiel auf Zeit funktionierte nicht: Noch letzte Woche, als die Rebellen schon einmal Monrovia gestürmt hatten, stimmte der unter Druck geratene Staatschef dem von

der westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft Cedeao/ Ecowas vermittelten Waffenstillstand zu.

Doch von der darin festgeschriebenen Bildung einer Übergangsregierung "ohne den amtierenden Präsidenten" wollte er kurz darauf schon nichts mehr hören. Er werde nicht zurücktreten, so lange ein internationaler Haftbefehl des UNO-Gerichtshofs in Sierra Leone gegen ihn bestehen bleibe. Die Ankläger werfen Taylor die Unterstützung der Rebellen im achtjährigen Bürgerkrieg des Nachbarlands vor.

Seit der ehemalige Buschkämpfer 1997 gewählt wurde, trug er seine Geschäfts- und Machtinteressen nicht nur

auf dem Rücken der eigenen Bevölkerung aus, sondern mischte auch in Konflikten der Nachbarn Sierra Leone und Guinea mit. Der UNO- Hochkommissar für Flüchtlinge, Ruud Lubbers, bezeichnete ihn kürzlich sogar als Wurzel allen Übels der westafrikanischen Konfliktregion. (dpa)

Seit 1999 versuchen die Rebellen, Taylor zu stürzen. "Noch nie waren sie so nah dran wie diesmal", sagt ein Beobachter. Doch die traumatisierten Menschen in Monrovia zweifeln, ob dieser Sturz das Ende der Konflikte bedeuten würde, die das Land in den letzten 14 Jahren fast pausenlos erschüttert haben. (DER STANDARD, Printausgabe 28.6.2003/29.6.2003)

Von Antje Passenheim
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