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vergrößern 500x890Raymond Roussel inmitten seiner exzentrischen Geschöpfe: Der Pariser Autor nahm den Surrealismus vorweg und verwertete obendrein Erkenntnisse der modernen Linguistik. Die Illustration stammt von Marcus Parcus und zeigt Monsieur Canterels verworrenes Universum.
Wien - Schwer zu sagen, welcher Umstand aus Raymond Roussel (1877-1933) einen gefürchteten Exzentriker machte. Der Pariser Spross steinreicher Eltern verlebte eine frohe Kindheit. Früh lernte er, das Leben als Maskenspiel zu begreifen. Wörter öffneten ihm Türen: In ihrer unverwechselbaren Klanggestalt gaben sie ihm doppelte Bedeutungen preis.
Wer den Schlüssel zu Raymond Roussels Erzählkunst finden möchte, muss die Ohren spitzen. Der Autor richtet seine ganze Aufmerksamkeit auf die kleinsten Lauteinheiten der französischen Sprache. Was annähernd gleich klingt, gehört in unterschiedlicher Lesart zu jeweils anderen Wörtern. Schreibt Roussel: "Demoiselle à prétendant", so meint er: "junges Mädchen mit Verehrern".
Mit einigem guten Willen lässt sich die Lautkette aber auch anders lesen. "Demoiselle" kann im Französischen ohne weiteres "Handramme" heißen. Der Folgeausdruck erhält die lexikalische Bedeutung: "à réitre en dents". Die ganze Wortgruppe heißt nunmehr: "Handramme mit Kriegsknecht aus Zähnen".
Roussel sitzt jetzt wie ein Drache auf dem Hort hinzugewonnener Bedeutungen. Er verwandelt unscheinbare Ausgangsstoffe in absurde Erzählbausteine. Das Wesen seines "Verfahrens", teilt er stolz mit, beschere ihm ungeahnte Möglichkeiten. In Roussels Echokammer dringt kein Fitzelchen von Wirklichkeit mehr ein. Der wohlhabende Sonderling wird zum Abgott der Surrealisten. Seine Bücher, Verse und Prosa, kauft hingegen kein Mensch.
Der Roman "Locus Solus" bildet das Zentralgestirn in dem bizarren Universum Raymond Roussels. Erschienen 1914, enthält das Buch die Quintessenz von Roussels Methode. Ein als ungewöhnlich gelehrt beschriebener Parkinhaber namens Canterel betreibt auf dem weitläufigen Grund seiner Besitzungen ein System von Treib- und Kühlhäusern. Sein Garten gleicht einer exquisiten Schausammlung. Jedes Exponat wird von Roussel ausführlich vorgestellt; Canterels Schaukasteninhalte entpuppen sich als Relikte einer ausschweifenden Erzählfantasie. Erzeugnisse wie die Handramme werden zu Trägern verworren-mysteriöser Handlungen.
Monsieur Canterel gehört zu den Forschern, die das unbändig optimistische Fortschrittsklima des 19. Jahrhunderts für sich nutzen. Sie machen aus der Welt ein Treibhaus. Sein Wirken gilt sowohl der belebten als auch der anorganischen Natur. Sein Erfindungsgeist nimmt die Grenze zwischen Leben und Tod nicht zur Kenntnis: Canterel animiert Leichen, indem er ihnen "Vitalium" und "Ressurectin" verpasst. Die lebenden Toten werden den Augen der Gaffer preisgegeben. Sie sitzen in den nachgebildeten Kulissen ihres Lebens und stellen grässliche Melodramen nach.
Unermüdlich bietet Roussel ein ganzes Arsenal von Magneten und cartesischen Tauchern auf, die seine künstlichen Geschöpfe in Bewegung versetzen. Aus den Blütenerzeugnissen einer seltenen Tulpenart wird Knetmasse gewonnen, um daraus Kunstwerke zu formen. Der Historismus rollt wie im Fiebertraum vorüber: Gnome schwitzen Blut, unschuldige Mädchen werden von ihrem Vormund erdrosselt. Im Schatzhaus dieses Wahnsinnigen ist keine Kulisse zu stockfleckig, kein Hinweis zu abwegig, kein Papierstreifen zu gering, um nicht zur Entschlüsselung eines Mordfalls zu dienen.
Die Lektüre dieses Buchs in sieben Kapiteln gewährt höchste Genüsse: Man glaubt Edgar Allan Poe und Jules Vernes gemeinsam bei der Arbeit. Indem Raymond Roussel die scheinbar entlegensten Tatsachen zusammenzwang, errang er schon zu Lebzeiten den grenzenlosen Respekt von André Breton und Salvadore Dalí. Zugleich schloss er sich gegen die Betriebsamkeit des Lebens ab. Die Welt durchquerte er in einer prunkvollen Wohnung auf Rädern, natürlich mit zugezogenen Vorhängen. 1933 setzte er in einem Grand Hotel in Palermo seinem Leben ein Ende.
Roussels Werk wird zur Fundgrube für Buchstabenmystiker. Autoren wie Landsmann Georges Perec tüfteln im Gedenken an Roussel an ausgefallenen Ordnungsprinzipien. Nach "Locus Solus" hatte die Literatur endgültig ihre Unschuld verloren. Die neu durchgesehene, ergänzte Ausgabe im Aufbau-Verlag (Revision: Stefan Zweifel) ist ein Schmuckstück nicht nur der Anderen Bibliothek. (Ronald Pohl, DER STANDARD, 17.8.2012)
Raymond Roussel: "Locus Solus". Die Andere Bibliothek, Berlin 2012
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aber das buch ist auch in deutscher übersetzung ein riesen vergnügen. man lasse sich nicht von den ersten paar kapiteln abschrecken, spätestens bei der handramme die von lutftzügen gesteuert eine buchillustration in die wiese hämmert und wir die u illustrierende geschichte präsentiert bekommen kann man nicht mehr aufhören. also, auch wenn man sich ein wenig einlesen muss, es wird immer grandioser. ein solitär der weltliteratur. absolut das exzentrischste das ich je zu lesen bekommen hab, wer noch was verrückteres weiss bitte unbedingt hier posten. viel spaß !!!
gefragt habe: Wenn das Werk so voll von Anspielungen ist und anscheinend eine sehr gute Kenntniss der franz. Sprache erfordert, was kann dann eine dt. Übesetzung? Bitte nicht snobistisch verstehen, aber ich frage mich warum dann das Lob?
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