Pussy-Riot-Prozess beflügelt die Opposition

17. August 2012, 05:30
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Der Kreml zeigt im Prozess gegen Pussy Riot Härte gegen die jungen Frauen - Das stößt auf Widerstand, so nehmen die Proteste zu

Russlands Opposition läuft Sturm gegen den Pussy-Riot-Prozess: Am Freitag kurz vor der Urteilsverkündung sollen in 30 russischen Städten Kundgebungen stattfinden, auf denen die Freilassung der Feministinnen gefordert wird. In Omsk hat die Stadtverwaltung vorsorglich die Veranstaltung verboten. Am Mittwoch nahm die Polizei kurzzeitig einige Dutzend maskierte Pussy-Riot-Unterstützer fest, die auf den Stufen vor der Christ-Erlöser-Kathedrale aus Großbuchstaben den Spruch "Selig sind die Barmherzigen" zusammengesetzt hatten. Ein anderer Aktivist legte Flugblätter im Lenin-Mausoleum aus.

Gut fünf Monate sind die drei jungen Frauen der Gruppe Pussy Riot schon in Untersuchungshaft. Nun will sie der Staatsanwalt für drei Jahre in eine Strafkolonie stecken, um die Feministinnen "von der Gesellschaft zu isolieren". Die Verteidiger berichten, dass den zwei angeklagten Müttern, Nadeschda Tolonnikowa und Maria Aljochina, ihre kleinen Kinder weggenommen werden sollen.

Das "Verbrechen" von Pussy Riot besteht in ihrem Protest gegen Kremlchef Wladimir Putin. Im Februar hatten sie mit Strumpfmasken bekleidet die Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale, Hauptkirche der russischen Orthodoxie, gestürmt und "Mutter Gottes, erlöse uns von Putin" gesungen. Der Prozess wegen religiöser Hetze ist die Antwort.

Opposition profitiert

Was als Einschüchterungsmaßnahme gedacht war, erwies sich als Aufputschmittel für die Opposition. Dort schien die Luft nach den Winter-Demos eigentlich schon raus. Dann kamen die Hausdurchsuchungen bei der Opposition und der Pussy-Riot-Prozess. Die Härte, die die Sicherheitsorgane zeigten, hat die Russen verärgert und die Opposition gestärkt. "Die Obrigkeit tut alles, um der Protestbewegung zu helfen", erklärte der oppositionelle Duma-Abgeordnete Gennadi Gudkow. Der Kreml verliere anscheinend den Verstand, urteilte er: "Sie machen Pussy Riot endgültig zu Märtyrern."

Beliebt haben sich die Angeklagten mit ihrem Auftritt in der Kirche nicht gemacht. Die meisten Russen reagierten empört. Doch zugleich empfinden sie das Vorgehen von Kirche und Kreml als unverhältnismäßig. "Vulgär, herausfordernd und zynisch" nennt der Staatsanwalt das Verhalten Pussy Riots. Genau so sehen viele Prozessbeobachter das harte Vorgehen der Justiz. In Umfragen spricht sich inzwischen eine relative Mehrheit der Russen gegen eine Freiheitsstrafe von über zwei Jahren aus.

Einer Umfrage des Lewada-Zentrums nach ist die Proteststimmung der Bevölkerung nach dem Zwischentief zuletzt wieder deutlich gestiegen. Inzwischen geben 42 Prozent an, die Aktionen der Opposition zu unterstützen.

Internationale Unterstützung

Noch größer ist die Solidaritätswelle aus dem Westen. Zahlreiche Musiker wie Paul McCartney, Madonna, Björk und Sting forderten die Freilassung der drei Sängerinnen. In Berlin, Paris, New York und dutzenden weiteren Städten gab es Solidaritätsbekundungen.

Eine Aktion in der St.-Nikolaus-Kirche in Wien dürfte nicht ohne Folgen bleiben. Eine Gruppe Wiener Künstler hatte am Mittwoch mit bunten Gesichtsmasken vermummt vor dem Altar der russisch-orthodoxen Kirche ein Transparent zur Unterstützung von Pussy Riot entrollt. Die Aktion habe insgesamt nur fünf Minuten gedauert und sei in vollkommener Stille abgelaufen, sagte Filmemacher Thomas Draschan. Angehörige der Kirche hätten versucht die Künstler festzuhalten und einem Fotografen die Kamera zu entreißen.

"Wir wollten nur mit einem Foto unsere Solidarität bekunden, und das sollte in einem freien Land möglich sein", sagte Autor Michael Leon, der gerade an einem Drehbuch über Russland arbeitet.

Der Leiter für internationale Angelegenheiten des Patriarchats von Moskau, Erzbischof Mark Golokow, forderte jedoch, dass die "lästerliche Aktion" in Wien nicht ohne Folgen bleibt. Der Pfarrer von St. Nikolaus erstattete bereits Anzeige wegen "Störung der Religionsausübung". (André Ballin, DER STANDARD, 17.8.2012)

  • Wiener Künstler bekunden in der St.-Nikolaus-Kirche im dritten  Bezirk ihre Unterstützung für die inhaftierten Sängerinnen von Pussy Riot.  Die russisch-orthodoxe  Kirche droht mit Folgen.
    foto: luca faccio / picturedesk.com

    Wiener Künstler bekunden in der St.-Nikolaus-Kirche im dritten Bezirk ihre Unterstützung für die inhaftierten Sängerinnen von Pussy Riot. Die russisch-orthodoxe Kirche droht mit Folgen.

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