Ein Schritt aus dem Schneckenhaus

  • Eine gelungene Generalprobe.
    foto: hans punz/dapd

    Eine gelungene Generalprobe.

Teamchef Marcel Koller hat das 2:0 gegen die Türkei durchaus zufriedengestellt. Positionen sind doppelt besetzt, Alternativen vorhanden. Das Kapitel Paul Scharner ist geschlossen. Und Wiener Schnitzel schmecken "lecker".

Wien - Während sich Deutschland beziehungsweise die deutschen Medien nach dem 1:3 gegen Argentinien der Selbstzerfleischung hingaben, war der österreichische Teamchef Marcel Koller am Morgen nach dem 2:0 gegen die Türkei durchaus entspannt. Na gut, ein bisserl musste er über die geschlossene Akte Paul Scharner sprechen, die Gründe für dessen fluchtartige Abreise ein paar Stunden vor Anpfiff zum 23. Mal erklären. Der mit einer Überdosis Selbstvertrauen und Größenwahn angefüllte HSV-Legionär hatte Schlüsselrollen für die Türkei-Partie und die WM-Quali gefordert. Koller wollte aber auch andere Innenverteidiger testen, das packte der Herr Paul nicht.

Scharner hat einen Brief hinterlassen - da Koller ein diskreter Mann ist, ging er auf den Inhalt nicht näher ein. "Eine reine Selbstdarstellung." Die im Magazin News erhobenen Vorwürfe, der anfangs so fähige Schweizer sei mittlerweile wie ein Wiener Schnitzel weichgeklopft, und die Chance, sich für die WM in Brasilien zu qualifizieren, liege bei null Prozent, entkräftete Koller: "Ich habe mich zu hundert Prozent nicht verändert, gehe meiner Ansicht nach mit jedem Menschen respektvoll um. Vorher war alles gut, und wenn einer einmal nicht spielt, ist alles schlecht, das geht nicht. Ein Fußballer, also auch Scharner, muss sich dem Konkurrenzkampf stellen. Hin und wieder esse ich Schnitzel, nicht jeden Tag. Schmeckt lecker." Und Schluss mit Scharner.

Keine Tränen

Oder doch nicht ganz. Die nun ehemaligen Mitspieler reagierten verblüfft und überrascht, in Tränen ausgebrochen ist freilich keiner. Andreas Ivanschitz : "Dabei hat er zuletzt sehr normal gewirkt." Kapitän Christian Fuchs: "Es ist seine Entscheidung, nicht nachvollziehbar, die Sache ist erledigt." Beide zogen es vor, sich mit dem 2:0 zu befassen. Ivanschitz: "Der Weg stimmt, gut fürs Selbstvertrauen." Fuchs: "Einiges ist verbesserungswürdig, aber die Generalprobe ist geglückt."

Koller wollte nach einer kurzen Nacht "nicht groß philosophieren. Aber die Erkenntnisse sind durchaus positiv, die Leidenschaft passte. Wobei wir noch viel Arbeit vor uns haben." Der Blitzstart, bereits nach sechs Minuten war der Endstand fixiert, sei natürlich perfekt gewesen. "Andererseits hat man sich danach ins Schneckenhaus zurückgezogen. Das ist ein logischer Automatismus im Fußball. Was ich sehen wollte, musste oder konnte nicht mehr gezeigt werden. Im Ballbesitz sind wir nach wie vor zu hektisch, wir müssen uns besser in der Hälfte des Gegners festsetzen."

Personell gab es zusätzliche Erkenntnisse. Tormann Robert Almer hat ein Bewerbungsschreiben abgegeben, er dürfte am 11. September gegen Deutschland Bälle fangen. Die Innenverteidiger Sebastian Prödl und Emanuel Pogatetz überzeugten vielleicht sogar Scharner, den beiden möchte man auf einem Fußballplatz nicht unbedingt begegnen. Fuchs ist im linken Mittelfeld eine Variante gewesen, Martin Harnik als Sturmspitze war auch eine, allerdings eine aus der Not geborene. Marko Arnautovic und Marc Janko fehlten. Koller. "Man braucht immer Alternativen, fast jede Position ist doppelt besetzt."

Das ÖFB-Team ist heuer noch unbesiegt (zuvor 3:1 Finnland, 3:2 Serbien, 0:0 Rumänien), was laut Koller "erfreulich ist". Der deutschen Selbstzerfleischung misst er keine große Bedeutung zu. "Wenn es um die Wurst geht, sind sie immer da." Fuchs sagte, und es klang gar nicht so schüchtern: "Vielleicht gilt das für uns auch einmal." (Christian Hackl DER STANDARD 17.8.2012)

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